Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 175 f.

Rinderpest, eine der bösartigsten Seuchen des Rindes. Der Ansteckungsstoff ist nicht bekannt; er haftet an allen Ausscheidungen der erkrankten Rinder und wird unmittelbar von Tier zu Tier oder mittelbar durch Zwischenträger wie Dünger, Streu, Stroh, Heu, Erde, Häute, Wolle, Fleisch, Personen usw., übertragen. Bemerkenswert ist, daß sich der Ansteckungsstoff der R. in Zwischenträgern lange - im Heu z. B. fünf Monate lang - zu erhalten vermag. Die R. ist in Asien heimisch und von dort nach Europa und nach Afrika verschleppt worden. In Afrika war die R. vom Jahre 1864 an nur in Ägypten bekannt, breitete sich jedoch im Jahre 1890 gelegentlich des italienischen Feldzuges den Nil entlang nach dem Süden aus und erreichte 1892 Ostafrika und wenige Jahre darauf Südafrika und Deutsch - Südwestafrika. Im Jahre 1897 sind im Transvaal allein nahezu eine Million, in den Jahren 1897 und 1898 im Kapland 1 3/4 Mill. Rinder zugrunde gegangen. In den Jahren 1901 und 1904 hat die Seuche in Südafrika wieder stärkere Verbreitung gewonnen. In Ägypten ist die R. durch frische Einschleppung aus Kleinasien 1903 sehr heftig aufgetreten und hat nahezu die Hälfte des Rinder- und Büffelbestandes vernichtet. 1911 - 1914 ist die Seuche erneut in Ostafrika aufgetreten. Die Krankheit beginnt beim heftigen Verlaufe mit Fieber (die Innentemperatur steigt auf 41 und 42°C), daneben bestehen: allgemeine Mattigkeit, bei Kühen Aufhören der Milchsekretion, gesträubtes Haarkleid, Trockenheit des Flotzmaules, Störung des Appetits und des Wiederkauens, Schüttelfrost, dunkle Rötung der sichtbaren Schleimhäute (Lidbindehaut, Nasenschleimhaut, Maul-, After- und Scheidenschleimhaut) und starker Durst. Der Kotabsatz ist zuerst etwas verzögert; später wird er dünnflüssig und schließlich stellt sich Durchfall unter Entleerung sehr übelriechender, zuweilen mit Blut gemischter Massen ein. Aus den Augen, aus der Nase, aus der Scheide stellen sich serösschleimige Ausflüsse ein. Ferner besteht Speicheln. Die Tiere magern stark ab. Auf der Schleimhaut der Lippen und des Maules bilden sich rote Flecke in Form von Platten und Striemen, die sich bald mit einem grauweißen, locker aufliegenden Schorfe bedecken, nach dessen Abstoßung leichtblutende Geschwüre entstehen. Der Tod tritt meist am 4. bis 7. Tage nach dem Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen auf. Beim weniger heftigen Verlaufe, der beim letzten Ausbruch der R. in Deutsch -Ostafrika vorherrschte, dauert die Krankheit länger, und die angegebenen Erscheinungen sind weniger stark ausgeprägt und können zum Teil ganz fehlen. Der Verlauf der Seuche in einer Herde ist ein ziemlich langsamer, schubweiser. Im Anfangwerden nur einzelne, dann erst zahlreichere Tiere von der Seuche ergriffen, so daß bis zur Infektion des ganzen Bestandes immer mehrere Wochen vergehen. Je nach den bestimmten Verhältnissen ist der Verlauf der Seuche sehr verschieden. In Gegenden, wo die R. heimisch ist, wie in Asien und anscheinend auch im Sudan und in Abessinien, verläuft die Krankheit viel milder als in anderen Gegenden, in denen die R. nicht heimisch ist. In letzteren sterben an der R. 90 - 95%, in den Gegenden, in denen die Seuche heimisch ist oder längere Zeit geherrscht hat, unter Umständen nur 10 - 30%. - Außer auf das Rind ist die R. auch übertragbar auf andere Wiederkäuer (Schafe, Ziegen, Kamele und Wild, Büffel, Gnus usw.). Auch beim Schafe, bei der Ziege und beim Kamel ist der Verlauf ein milderer als beim Rinde. - Die R. unterliegt der Anzeigepflicht und veterinärpolizeilichen Bekämpfung im Deutschen Reiche und in allen Kolonien. Außer durch veterinärpolizeiliche Maßregeln (Absperrung, Tötung der erkrankten Tiere, Desinfektion) kann die Seuche durch Impfung (Gallenimpfung, Serumimpfung und Serum - Virusimpfung) wirksam bekämpft werden. Bei der Gallenimpfung werden die noch gesunden Tiere eines Bestandes mit etwa 10 ccm Galle erkrankter Rinder unter die Haut geimpft. Ungefähr 10 Tage nach Vornahme dieser Gallenimpfung tritt eine etwa vier Monate dauernde Immunität ein; durch Doppelimpfung mit Galle und Virus (R.blut), und zwar 0,2 ccm R.blut 14 Tage nach der Gallenimpfung, kann die Immunität verstärkt werden. Die Serumimpfung besteht in der Verimpfung von Blutserum von Tieren, die durch die Einspritzung großer Mengen von R.blut hoch immunisiert worden sind; von solchem hochwertigen .Serum werden gesunden Tieren 20 - 30 ccm unter die Haut gespritzt. Das Serum erzeugt eine sofortige Immunität, die aber von kurzer Dauer ist, wenn nicht gleichzeitig virulentes Blut zur Verimpfung gelangt. In Südafrika sind 1896/98 über 2 Mill. Rinder der Gallenimpfung mit günstigem Erfolge unterzogen worden. In Deutsch- Südwestafrika hat die Doppelimpfung mit Galle und Virus große Verbreitung gefunden und mit ihrer Hilfe ist es gelungen, das Schutzgebiet während des verheerenden Seuchenganges im Jahre 1897 in einigen Monaten von der R. zu befreien. (Rassau). Bei der Virusimpfung ist zu beachten, daß nicht trypanosomenhaltiges Blut und, abgesehen von enzootischen Texasfieber- und Anaplasmosisbezirken, auch nicht das Blut von Tieren verimpft wird, die außer mit der R. gleichzeitig mit Texasfieber, Anaplasmosis behaftet sind. Theiler beobachtete in Südafrika bei 254 mit Serum und Virus (Simultanmethode) geimpften Tieren 8,6 % bis 27,4% Mortalität, die auf Rechnung von Texasfieberinfektionen zu setzen waren, die durch die Blutimpfung verursacht wurden. Mit Rücksicht darauf hat man in Transvaal die Serum - Blutimpfung aufgegeben und ausschließlich mit Serum geimpft, wodurch es auch alsbald gelang, die R. im Jahre 1904 auszurotten. In Rußland hat sich die reine Serumimpfung nicht bewährt; man ist hier deshalb zur Serum -Virusimpfung übergegangen, mit der sehr gute Erfolge erzielt worden sind. Auch in Deutsch - Ostafrika wurde die Serum - Virusimpfung mit günstigstem Ergebnis in den verseuchten Bezirken zur Bekämpfung der R. angewandt.

v. Ostertag.