Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 176 ff.

Rindviehzucht(s. Taf. 170/71). R. steht bei den Eingeborenen der Kolonien auf niedriger Stufe, da ihnen eine auf wirtschaftliche Leistungen hinzielende Zucht unbekannt ist. Auch da, wo die Eingeborenen Viehzüchter sind, bilden die Rinderherden in erster Linie Besitzobjekt. Die günstigsten Bedingungen für die Entwicklung der Rindviehzucht sind in dem durch Weiße besiedlungsfähigen Deutsch-Südwestafrika gegeben, wo vor der Besitzergreifung, die viehzüchtenden Hereros (s.d.) schon große Rinderherden besaßen (s. Tafel 170). Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde ihr Rindviehbestand auf viele 100000 Stück geschätzt, Am geeignetsten für R. sind das Damaraland und Teile des Nordens, wo auf ein Rind 10 ha Weideland gerechnet werden, während in Groß-Namaland bei der spärlicheren Weide bis zu 20 ha gerechnet werden müssen. Durch ausgiebige Wassererschließung und Anbau von Futterreserven ist jedoch eine günstigere Ausnutzung des Farmlandes zu erzielen. Weidegang findet das ganze Jahr über statt. Nachtsüber kommen die Tiere in Stein- oder Dornkraale. Stallhaltung findet sich nur bei wertvollen eingeführten Zuchttieren. Die jetzige R. hat sich aufgebaut auf den geringen Beständen der einheimischen Rinder - Ovambo-, Damara-, Nama- und Betschuanenrind, - die nach verheerenden Seuchen und den verlustreichen Aufständen der Hereros und Hottentotten verblieben waren und deren Veredlung durch Einfuhr von Zuchtmaterial vor allem aus der Kapkolonie, dann aber auch aus Deutschland und Argentinien angestrebt wurde. Eingeführt wurden aus der Kapkolonie Afrikanerrinder, aus Deutschland vor allem Simmentaler, Allgäuer, Pinzgauer, Vogelsberger, schwarzbuntes Niederungsvieh aus Ostfriesland, Ostpreußen, Pommern, Brandenburg, Wesermarschvieh. Das Gouvernement unterhielt selbst eine Stammherde von schwarzbuntem Niederungsvieh in Fürstenwalde, die 1912 dem neugegründeten Rindviehzuchtverein in Omambonde übergeben wurde. Die Versuche mit den eingeführten Rassen und ihre Kreuzung mit dem einheimischen Vieh können noch nicht als abgeschlossen gelten. Doch steht so viel fest, daß die hochgezüchteten Rassen nicht rein weitergezüchtet werden können, daß in der Veredlung des Viehs unter den extensiven Verhältnissen der Steppenwirtschaft nicht zu weit gegangen werden darf. Bei der Einfuhr von europäischen Zuchtrindern ist besonders Wert darauf zu legen, daß sie aus Herden stammen, die hart aufgezogen werden, und daß die Hufe harte Beschaffenheit zeigen. Auch wird die dunkle Färbung der Tiere bevorzugt. Bei der Nutzrichtung wird Mastfähigkeit und Arbeitsleistung in den Vordergrund gestellt, da die Gewinnung von Schlachtvieh und die Heranzucht kräftiger, ausdauernder Zugochsen erstrebt werden. In der Nähe von Orten, die dem Absatz von Milch und Molkereiprodukten günstig sind, wird der Milchleistung auch Aufmerksamkeit zu schenken sein. Bei der Viehzählung vom Jahre 1911 wurden 144 445 Rinder ermittelt, von diesen waren im Laufe des vorhergehenden Jahres 3916 Stück eingeführt. Der Rinderbestand betrug am 1. April 1913 205 643 Stück. In Deutsch - Ostafrika sind die Hauptviehzüchter einige Eingeborenenstämme. Im Besitz von Europäern sind nur verhältnismäßig kleine Herden; im Jahre 1910 waren es 9 importierte Rinder verschiedener Rassen, 692 Kreuzungstiere und 14 757 Eingeborenenrinder. Im Jahre 1913 betrug der gesamte Rinderbestand der Europäer 43 617 Stück. R. wird am meisten in den Bezirken Wilhelmstal, Moschi, Schirati, Muansa, Iringa, Mpwapwa, Kilimatinde, Tabora, Urundi, Ruanda und in Nord - Udjidji betrieben. In Bukoba, wo noch vor zwei Jahrzehnten zahlreiche Rinderherden weideten, sind die Bestände durch Seuchenverluste stark zurückgegangen. Als ungünstige Bezirke für die R. gelten wegen des dort besonders herrschenden Küstenfiebers (s.d.), Texasfiebers (s.d.) und der Tsetsekrankheit (s. Nagana) alle Küstenbezirke mit Ausnahme von Pangani. In der Südwestecke von Deutsch-Ostafrika, im Bezirk Bismarckburg und Süd - Udjidji finden sich wenig Rinder vor, der ganze Süden ist fast ohne Rinder. Von einheimischen Rindern werden zwei Typen gezüchtet, das wegen seiner starken Hornentwicklung bekannte Watussirind im Gebiete der Wahuma -Watussistämme (s.d.) und das Buckelrind, welches je nach den klimatischen Verhältnissen in seiner Größe variiert. Die Nutzleistungen dieser Rassen sind durchweg gering. An eine durchgreifende Hebung der R. wird erst gedacht werden können, wenn günstiger Absatz für Rindvieh und seine Produkte vorhanden ist. Das Vieh wird den Tag über auf der Weide gehütet, nachts in Kraale oder auch Hütten gebracht. In Gegenden, wo zeitweilig Futtermangel herrscht, wie z.B. am Kilimandscharo, findet auch Stallfütterung mit Bananenblättern und -stengeln statt. Zur Verbesserung der Rindviehzucht sind verschiedentlich Zuchttiere eingeführt und zwar schwarzbunte Ostfriesen, Franken und Allgäuer, Bullen aus, der römischen Campagna, Transvaalrinder und indische Zebus. Das Gouvernement ließ Zuchtversuche auf der Kulturstation Kwai in West - Usambara anstellen. Die auf der Insel Mafia in den 90 er Jahren begründete Viehzuchtstation mußte wieder aufgegeben werden, da sich herausstellte, daß dort Küstenfieber endemisch war. In Kamerun sind wegen der Tsetsegefahr Rinder in den Niederungen des Küstengebietes und im Waldland nur sehr spärlich vertreten. Es kommt hier ein kleines, meist schwarz und weiß gezeichnetes Buckelrind vor. Im Grasland wird R. teilweise stark betrieben, so in Adamaua, im Tschadsee- und Logone - gebiet. Als die besten Viehzüchter gelten die Fulbe (s.d.), die ein mittelgroßes, verhältnismäßig feinknochiges Buckelrind mit leidlich guter Fleisch- und Milchnutzung halten. Zur Hebung der R. hat das Gouvernement an den Hängendes Kamerunberges die Sennerei Buea (s.d.) gegründet und dort Allgäuer aufgestellt, die sich gut akklimatisiert haben und mit den einheimischen Rindern gute Kreuzungsprodukte liefern sollen. Seit 1910 werden die Kreuzungsversuche im Graslande auf der Viehzuchtstation Dschang (s.d.) fortgesetzt. Auch sind reinblütige Allgäuer und Kreuzungsbullen auf verschiedenen Bezirksämtern, Residenturen und Stationen des Schutzgebiets aufgestellt und an die Eingeborenenhäuptlinge verteilt. In Djuttitsa (s. Dschang) und seinen Vorwerken wird vom Gouvernement die Reinzucht des Adamauabuckelrindes betrieben. In Togo wird die Verbreitung der Rindviehzucht durch das Vorkommen der Tsetse bestimmt. Mit Ausnahme kleiner Küstenstriche bei Porto Seguro und Anecho, wo das unnüttelbar an der Küste gelegene Land tsetsefrei ist, findet sich das Rind erst bei Nuatjä vor. Von hier bis etwa 8° 30' n. Br. ist das Gebiet streckenweise tsetsefrei, für R. aber ohne wesentliche Bedeutung. Weiter nördlich wird im Tschaudjo-, Nanumba-, Kongkomba- und Mangugebiet R. in größerem Maßstabe betrieben, besonders günstig liegen die Verhältnisse im nördlichsten Teil der Kolonie, soweit dieser zudem tsetsefreien Gambaga- und Gurmagebiet gehört. Nach Schilling sind in Togo zwei verschiedene Typen vorhanden. Zum ersten, der ca. 80 % des gesamten Bestandes ausmacht, gehört ein kleines, ca. 1 m hohes, schwarz und weißgeflecktes Rind mit kleinem Euter. Der zweite Typ findet sich vorwiegend bei den viehzüchtenden Fulbestämmen, das zu ihm gehörige Tschaudjorind mit 1,38 m Schulterhöhe und ca. 2 m Länge gilt als die wertvollste Rasse des Schutzgebiets. Zur Hebung der R. wurden Zuchtbullen aus Teneriffa und aus der im französischen Sudan gelegenen Landschaft Mossi eingeführt. Für eine durchgreifende Hebung der R. gilt für Togo das gleiche wie für Deutsch- Ostafrika und Kamerun, es bedarf der Schaffung günstiger Absatzmöglichkeit. Heute findet eine geringe Ausfuhr von lebenden Rindern über die Landgrenze nach dem Goldküstengebiet statt. In den Südseegebieten fehlte bei der Besitzergreifung, mit Ausnahme der Marianeninsel Tinian, wo eine verwilderte Herde von ca. 2000 Rindern sich vorfand, das Rind vollkommen. Es wurden solche von den Pflanzungsgesellschaften und Pflanzern aus Australien, Java und Indien eingeführt. Am besten scheint sich für R. Samoa zu eignen, wo heute bereits über 5000 Stück vorhanden sind und der Bedarf an Fleisch vollkommen gedeckt wird, während Deutsch -Neuguinea und das übrige Inselgebiet noch mehr oder weniger auf die Zufuhr von lebendem Vieh angewiesen ist. Im Kiautschougebiet kann von einer R. kaum die Rede sein. Die wenigen Rinder, die der chinesische Bauer hält, dienen ihm fast ausschließlich als Zugtiere bei der Feldarbeit und als Düngerproduzenten. Die vom Reichs-Marineamt 1907 beabsichtigte Einfuhr von Jeverländern und Allgäuern mißlang, da die Tiere während der Überfahrt an einer unbekannten Seuche eingingen. 1912 wurden von neuem Jeverländer eingeführt, mit denen an der landwirtschaftlichen Abteilung der deutsch - chinesischen Hochschule in Tsingtau Zuchtversuche angestellt werden sollen. S.a. Rinder.

Neumann.