Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 188

Ruanda, Landschaft, Sultanat und Residentur in Deutsch-Ostafrika von 25 300 qkm Größe. R. nimmt den äußersten NW des Zwischenseengebietes (s.d.), damit der ganzen Kolonie ein. Virungavulkane, Kiwu, Russisi (s.d.) sind die Grenzen im N und W, ein Teil des Akanjaru und der Kagera (s.d.) im S und O. Abgesehen von den Vulkangipfeln liegen die höchsten Teile von R., die an der Grenze gegen das vulkanische Land 2900 m und im S, im Gabge, fast 2800 m erreichen, dicht an den Steilabfällen zum Kiwugebiet des Zentralafrikanischen Grabens (s.d.). Dessen aufgewulsteter Rand setzt sich aus Urgestein vieler Art zusammen, intensiv gefaltetem Gneis und Granit mit stark zertalter Oberfläche. Nach O senkt sich dies Gebiet langsam und grenzt in einer Stufe, vielleicht einem Bruch, der westlich des südnordlaufes des Akanjaru ziemlich geradlinig verläuft, gegen das Schollenland der Zwischenseenformation (s. Zwischenseengebiet) mit ihren sanfteren Formen. R.s Anteil an letzterem weniger zerschnittenen Gebiet ist Nieder-, das Urgesteinsland Ober - R.; das Gebiet der Virunga (s.d.) ist ein besonderer Landesteil. - Die Temperaturen von R. sind zum Teil etwas weniger niedrig, als es den bedeutenden Höhen entspricht. Die Station Ruasa der Weißen Väter (s.d.), im Norden am Ruhondosee in 1850 m Mh., hat ein Jahresmittel von 17,4°. Die beiden wärmsten Monate sind September, 17,9°, und März 17,7°, die beiden kühlsten Mai, 17,1°, und Dezember, 16,5°; die mittlere tägliche Schwankung beträgt 11,0°. Die Verteilung der Temperaturen über das Jahr ist also die des Äquatorialklimas (s. Deutsch-Ostafrika 4), während die des Regens an den meisten Orten aus einer nur durch ein geringes Nachlassen geteilten ziemlich langen Regen- und einer kürzeren Trockenzeit besteht. In den höheren Landesteilen ist eigentlich nur Juni und Juli trocken. Dabei sind hier die Regenmengen ziemlich hoch; Ruasa hat 1256 mm (fünfjähr. Mittel), Kigali in 1450 m gegen 1000 mm, Issawi im Süden in 1785 m: 1070 mm (vierjähr. Mittel). Geringer scheinen die Regen von Nieder - R. zu sein: Nsasa hat 909 mm (vierjähr. Mittel). Nieder - R. hat auch weniger kräftige Vegetation, ist aber reich an Seen- und Papyrussümpfen. Man nimmt an, daß Ober - R. einst ganz von tropischem Höhenwald bedeckt war, der aber meist der Weidewirtschaft und dem Ackerbau zum Opfer gefallen ist (s. Tafel 169); Bugoie-, Rugege- und Gaharowald sind kleine, wenn auch an und für sich stattliche Reste des großen Waldlandes. Ober - R., mit 2200 m mittlerer Höhe, ist in erster Linie ein bedeutendes Weideland. Hier steht der größte Teil der Langhornrinder der Watussi (s.u.), deren Zahl für ganz R. auf eine Million geschätzt wird. Daneben hat R. etwa ebensoviel Kleinvieh. Diese stattlichen Zahlen sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl nicht allzugroß. Deren Schätzungen gehen freilich noch weit auseinander; die amtliche von Anfang 1913 nimmt 2 Mill. an. Hiervon sind nur etwa 59 000 hamitische Watussi (s.d.), etwa 15 000 Batwa - Zwerge (s. Batua), alle übrigen sind Wahutu (s.d.). Diese Zahlen ergeben eine durchschnittliche Volksdichte von fast 80 für R. Sie wird von der einiger Landesteile wohl erheblich übertroffen. Andererseits gibt es so große fast unbewohnte Gebiete, daß die oben angegebene Bevölkerungsziffer reichlich hoch gegriffen erscheint. An nichteingeborenen Farbigen gab es Anfang 1913: 97, an Europäern in R. 78, 11 Missionsstationen liegen im Land. Europäische Händler werden nur in ganz beschränktem Maß, europäische Ansiedler gar nicht zugelassen, da man Schwierigkeiten mit der zwar recht friedlichen, aber noch sehr wenig an Europäer gewöhnten Bevölkerung. fürchtet. Der Bau der Ruandabahn (s.d. und Kagera) wird auch in dieser Hinsicht vieles gründlich verändern. Der Eingeborene Herrscher von R., Msinga Juhi, wohnt in Njansa in der Provinz Nduga Ober -R.s, der kaiserliche Resident in Kigali (s.o.) genau in der Landesmitte; er hat 100 Farbige Polizisten zur Verfügung. Die 11. Kompagnie der Schutztruppe steht in Kissenji, 1 1/2 km von der Grenze gegen die belgische Kongokolonie, am Kiwu (s.d.), ein Zug im Offiziersposten Mruhengeri am Fuß der Virunga (s.d.), 1876 m ü. d. M.

Literatur s. Zwischenseengebiet. - Ferner: R. Kandt, Caput Nili, Berl. 1904. - Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, Ins innerste Afrika, Lpz. 1909. - Hans Meyer, Reiseberichte aus Ruanda und Urundi, M. a. d. d. Sch. XXIV, 1191.

Uhlig.