Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 207

Salvarsan, ein von Ehrlich (s.d.) und Bertheim zuerst dargestelltes und auf Grund der von Hata ausgeführten Tierversuche klinisch erprobtes Arsenpräparat, auch Ehrlich - Hata 606 genannt. S. ist ein neues sehr wichtiges Heilmittel für eine Reihe von Krankheiten, welche durch Spirochaeten hervorgerufen werden, so für die Syphilis, Framboesie, das Rückfallfieber (Reeurrens), Ulcus tropicum (s.d.) u.a.m. Chemisch ist S. als Dioydiamidoarsenobenzoldichlorhydrat aufzufassen, dem die Formel

zukommt. S. ist ein schwefelgelbes, in destilliertem Wasser mit stark saurer Reaktion lösliches Pulver, das sich an der Luft leicht zu sehr giftigen Produkten oxydiert und daher in zugeschmolzenen, vorher evakuierten oder mit Stickstoff gefällten Ampullen in den Handel gebracht wird, in denen es sich unverändert hält. In der Therapie wird das Präparat last ausschließlich in gelöster Form angewandt, und zwar benutzt man nicht die ursprüngliche Saure Lösung des S., sondern das gelöste Natronsalz, welches man dadurch erhält, daß man der sauren Lösung so viel Natronlauge zusetzt, bis sich der anfangs entstehende Niederschlag wieder völlig aufgelöst hat, wobei eine alkalische Flüssigkeit resultiert. Da die Lösungen des S. (auch unter Luftabschluß) nicht haltbar sind, müssen sie sofort nach Fertigstellung verbraucht werden. Die Einverleibung, die lediglich durch die Hand des Arztes zu geschehen hat, erfolgt in der Regel in die Blutbahn (intravenös) oder in die Muskulatur (intramuskulär). Die intravenöse Injektion ist im allgemeinen für eine Schnell-, die intramuskuläre für eine Dauerwirkung bestimmt. Bei der ersten kommen in der Regel 0,2%ige, bei der letzten 10%ige Lösungen zur Verwendung. Bei manchen durch Spirochaeten hervorgerufenen Krankheiten (Rückfallfieber, Framboesie) hat bisweilen eine einzige Injektion eine völlige Heilung zur Folge, bei anderen, insbesondere bei Syphilis, müssen die Injektionen (in der Regel 0,4 - 0,5 g pro erwachsene männliche Person) 3 - 4mal, in Zwischenräumen von mehreren Tagen oder Wochen wiederholt werden, wenn man auf Fernbleiben von Rezidiven rechnen will. Immerhin ist auch bei diesem Leiden meist schon eine einmalige Dosis im-stande, schwere und gefahrvolle luetische Affektionen zum vorläufigen Verschwinden zu,bringen und somit häufig lebensrettend zu wirken. Am erfolgreichsten gestaltet sich die Syphilistherapie, wenn man mit der S.kur noch eine Quecksilberkur verbindet. Auch auf die Erreger der Malaria Tertiana, weniger dagegen auf die der Malaria Tropica, wirkt S. energisch ein (s. Malaria). Ferner hat man zum Teil gute Erfolge hiermit bei Kala-Azar (s.d.), bei der Brustseuche, der Pferde und auch bei der menschlichen Trypanosomiasis (Schlafkrankheit, s.d.) erzielt. Vor einiger Zeit hat Ehrlich das Sulfoxylat des S., Neo - S. genannt, hergestellt, welches in etwa um 50% größern Dosen als S. angewandt die gleiche Heilwirkung wie dieses ausübt, sich aber von ihm dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß seine wässerigen, Lösungen ohne jeden weiteren Zusatz direkt angewandt werden können, da sie von vornherein annähernd neutral reagieren. Auch die Lösungen dieses Präparates müssen, da sie nicht haltbar sind, sofort nach Herstellung verwendet werden. - Lediglich der intramuskulären Injektion dient das Präparat Joha, eine Verreibung von S. mit Jodipin und wasserfreiem Lanolin, die 40 % S. enthält und eine Verwendung von Salvarsan in konzentriertester Form ermöglicht. Einzelheiten über die Verwendungsart usw. sind aus den Gebrauchsanweisungen zu ersehen, die den erwähnten Präparaten stets beigegeben werden.

Literatur: Ehrlich - Hata, Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen. Berl. Springer, 1910. -P. Ehrlich u. A. Bertheim: Über das salzsaure 3.3' - Diamino - 4.4' - dioxyarsenobenzol und seine nächsten Verwa ndten (Darstellung und Eigenschaflen des Salvarsans). Berichte d. deutsch. chem. Ges. B. 45, 756. - Ehrlich, Abhandlungen über Salvarsan. 3 Bde. Lehmanns Verlag, München. - C. Schindler, Die Behandlung der Syphilis mit Joha und QuecksiIber. Berliner klin. Wochenschr. 1911 Nr. 36 (cfr. auch Wiener med. Wochenschrift 1911 Nr. 28).

Giemsa.