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Schlafkrankheit, Trypanosomenkrankheit (Trypanosomiasis) des Menschen. 1. Wesen und
Geschichte. 2. Verbreitung. 3. Klinik. 4. Erreger. 5. Übertragungsweise. 6.
Behandlung und Vorbeugung.
1. Wesen und Geschichte. Es handelt sich um eine auf das tropische Afrika
beschränkte, durch ein Trypanosoma (Tr. gambiense; s. Trypanosomen) verursachte
Infektionskrankheit des Mensehen.Geschichte. Der erste genauere Bericht stammt
aus dem Jahre 1803, in dem Dr. Winterbotton über eine merkwürdige Seuche der
Eingeborenen in der Gegend von Sierra Leone, eine Art Lethargie, berichtete.
Nach seinen Angaben sind geschwollene, Nackendrüsen ein Frühsymptom der
Krankheit, das den Sklavenhändlern genau bekannt sei. Die Seuche aber scheint
noch viel älter zu sein, denn Prof. Becker vom Hamburger Kolonialinstitut fand in einer arabischen
Handschrift des 14. Jahrh. den Bericht über die Krankheit eines Häuptlings aus
der Gegend von Timbuktu, der eine treffende Schilderung der Hauptsymptome gibt
("Und es traf ihn die Schlafkrankheit, d. i. eine Krankheit, welche die Bewohner
dieser Gegend sehr häufig befällt" usw.). Seit Ende des 19. Jahrh. ist die
Krankheit durch zahlreiche Expeditionen der
interessierten Länder genauer erforscht worden; die Entdeckung der Erreger
glückte englischen Forschern, und den deutschen Forschern Kleine und Taute gelang es, den letzten fraglichen Punkt, die
Art der Übertragung betreffend, zu lösen.
2. Verbreitung. Die S. ist von der Westküste Afrikas ausgegangen, wo
sie von
den portugiesischen Besitzungen im Süden (Loanda, Benguela) bis zur
Mündung
des Senegal im Norden herrscht. Gambia, Französisch - Guinea, die Inseln
Principe und St. Thomé, Fernando Po, Togo,
Kamerun, das Kongogebiet sind infiziert.
Die Seuche hat sich den Niger und Kongo entlang dann weiter ausgedehnt und die
Ufergebiete
des Victoria -Njansa-, Tanganjika- und
Njassasees ergriffen. Nördlich sind im östlichen Afrika bereits der
Oberlauf
des Nils, südlich neuerdings Rhodesia und die portugiesischen
Besitzungen
erreicht. Näheres ist auf den beigegebenen 3
Verbreitungskarten ,
die im RKA. bearbeitet wurden, zu ersehen.
3. Klinik. Das erste deutliche Symptom sind Schwellungen der Nackendrüsen,
ferner auch der Schenkelbeugen- und Achseldrüsen; die Schwellung kann aber sehr
geringgradig sein; weitere Symptome treten oft erst nach Monaten auf - bis 1
Jahr ist beobachtet. Dann tritt das Stadium des "Trypanosomenfiebers" in
Erscheinung, charakterisiert durch unregelmäßige Fieberanfälle,
Pulsbeschleunigung, Auf treten vorübergehender roter Flecken und Schwellungen
auf der Haut. Auch diese Symptonie können lange Zeit vorherrschen. Dann zeigt
allmählich das Nervensystem Zeichen der Erkrankung. Häufige Kopfschmerzen,
Muskelzittern, Schwindelanfälle, vorübergehende Lähmungserscheinungen gehören zu
den ersten Anzeichen der fortschreitenden Krankheit. Der Kranke magert mehr und
mehr ab; es können Krämpfe der Muskulatur auftreten, später auch heftige
Erregungszustände, die die Form schwerer Tobsuchtsanfälle annehmen können.
Schließlich kommt bei einem großen Prozentsatz der Fälle die Schlafsucht, die
der Krankheit den Namen gegeben hat, zur Ausbildung. Die Kranken, die zunächst
nur eine leichte Ermüdbarkeit zeigen, fallen
dann, sobald sie sich selbst überlassen sind, in einen Schlafzustand, aus dem
sie anfangs noch leicht zu erwecken sind, später schlafen, sie sogar während des
Essens ein, und schließlich gehen sie im tiefsten Schlafzustand zugrunde. Nicht
selten aber treten plötzlich wieder solche schwere Tobsuchtsanfälle auf, wie
sie oben geschildert wurden. Dies sind die Hauptsymptome der Krankheit, die
natürlich ungeheuer variieren können. - Die Dauer der Erkrankung ist oft eine
recht lange und beträgt häufig mehr als ein Jahr; es sind aber, besonders bei
Europäern, schon sehr akut (in wenigen Wochen) tödlich endende Fälle beobachtet
worden. - Es sind nur ganz wenige Fälle bekannt, die ohne Behandlung nicht
tödlich endeten.
4. Erreger. Nachdem alle möglichen Ursachen angegeben worden waren, wie
bestimmte
Würmer, Vergiftungen (z.B. Maniok von Ziemann),
Bakterien u.a., entdeckte 1901 Dutton
von der englischen Gambia - Expedition, daß von Dr. Forde im Blute
Fieberkranker
gesehene "Würmchen" nichts andres als Trypanosomen seien. Bei dem
Endstadium,
der eigentlichen Schlafkrankheit, wurden die gleichen Trypanosomen 1903
von Castellani in der Rückenmarkflüssigkeit festgestellt. Der
Trypanosoma
gambiense genannte Parasit (s. Farbige
Tafel Erreger der Tropenkrankheiten
I Abb. 5) findet sich im Frühstadium in den geschwollenen Lymphdrüsen,
später auch im Blut und nach Eintritt nervöser Erscheinungen in der
Rückenmarkflüssigkeit.
Nach dem Tode ist er dann - wie die anderen Trypanosomen
(ausführlicher s. d.) - in den verschiedensten Organen nachzuweisen.
Morphologisch
bietet Tr. gambiense keine Besonderheiten gegenüber vielen anderen
pathogenen
Trypanosomen; es läßt sich wie diese auf eine Reihe von Tieren
übertragen.
Außer beim Menschen ist Tr. gambiense spontan nur ausnahmsweise bei
Tieren
-Hunden und Rind - gefunden, vielleicht aber kommt es doch häufiger vor,
vielleicht auch nach Versuchen von Bruce bei Antilopen.
5. Übertragungsweise. Schon lange hatte sich gezeigt, daß sich das
Verbreitungsgebiet
der S. mit dem einer bestimmten Tsetsefliege, der Glossina palpalis (s.
Tsetsefliegen) decke; beide landen
sich stets nur in gewisser Abhängigkeit. von Fluß- und Seeufern. Der
endgültige
Beweis, daß Gl. palpalis der eigentliche Überträger ist und daß in ihr
die Trypanosomen eine Weiterentwicklung durchmachen müssen, bevor sie
wieder übertragen werden können, ist Kleine (s.d.) und Taute (s.d.)
gelungen.
- Die Zeit, nach der die durch den Stich an einem Kranken infizierten
Fliegen die Krankheit wieder übertragen können,
dauert
nach ihren Versuchen 20 Tage, nach späteren von Bruce (s.d.) kann sie
sogar 27 - 53 Tage betragen. Die in der Fliege stattfindende Entwicklung
ist wahrscheinlich eine geschlechtliche, die zu ungeheurer Vermehrung
der Parasiten führt, die sich zuletzt in großen Mengen in den
Speicheldrüsen
der Fliegen finden. Von anderen Glossinen scheint unter Umständen auch
Glossina morsitans als Überträger wirken zu können,
wie Taute in Versuchen am Tanganjika
fand und wie es durch das Vorkommen von Schlafkrankheit in Nordwest -
Rhodesien und dem Süden von Deutsch-Ostafrika,
wo Glossina palpalis fehlt, wahrscheinlich erschien und durch Kinghorn
und Yorke auch in Nord - Rhodesien durch Versuche bewiesen wurde. Der
Erreger der dortigen menschlichen Trypanosomenkrankheit ist viel
virulenter
als der gewöhnliche, er ist Trypanosoma rhodesiense benannt worden.
Ausnahmsweise
können vielleicht einmal andere stechende Insekten
mechanisch übertragen. Ferner scheint in seltenen Fällen auch durch den
Geschlechtsverkehr die Krankheit übertragbar zu sein, wie Beobachtungen
von Kudicke (s.d.) beweisen.
6. Behandlung und Vorbeugung. Bei der Behandlung der S. haben sich am
besten
einige Chemikalien bewährt, die organische Verbindungen des Arseniks
enthalten.
Die besten Erfolge wurden mit dem sog. Atoxyl
(s.d.) erreicht. Ferner hat sich Brechweinstein als wirksam erwiesen.
Zurzeit sind noch zahlreiche andere Präparate im Versuchsstadium. Bei
frühzeitigem Beginn der Behandlung, wie es besonders bei Europäern oft
möglich ist, kann Heilung herbeigeführt werden. -Vorbeugung: Sie deckt
sich mit dem Schutz vor der Glossina palpalis und ihrer Bekämpfung durch
Abholzen usw. (s. Glossinen).
Literatur: Bericht der Expedition zur Erforsch. der Schlafkrankheit, Arb.
a. d. ksl. Ges. - Amt, Bd. 31, 1, 1909. - R. Koch, Über Trypanosomenkrankheiten,
Deutsch. med. Wochenschr. 1904. - R. Koch, Vorl. Mitteilung über eine Tropen- u.
Forschungsreise, Deutsche med. Wochenschr. 1905, S. 1865. - M. Mayer,
Trypanosomen als Krankheitserreger, Handbuch
d. pathog. Mikroorganismen 1912, Bd.
VII. - Sleeping sickness bulletins I - III, London, Tropic. diseases
bureau. Martin Mayer.
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