Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 293 f.

Schlafkrankheit, Trypanosomenkrankheit (Trypanosomiasis) des Menschen. 1. Wesen und Geschichte. 2. Verbreitung. 3. Klinik. 4. Erreger. 5. Übertragungsweise. 6. Behandlung und Vorbeugung.

1. Wesen und Geschichte. Es handelt sich um eine auf das tropische Afrika beschränkte, durch ein Trypanosoma (Tr. gambiense; s. Trypanosomen) verursachte Infektionskrankheit des Mensehen.Geschichte. Der erste genauere Bericht stammt aus dem Jahre 1803, in dem Dr. Winterbotton über eine merkwürdige Seuche der Eingeborenen in der Gegend von Sierra Leone, eine Art Lethargie, berichtete. Nach seinen Angaben sind geschwollene, Nackendrüsen ein Frühsymptom der Krankheit, das den Sklavenhändlern genau bekannt sei. Die Seuche aber scheint noch viel älter zu sein, denn Prof. Becker vom Hamburger Kolonialinstitut fand in einer arabischen Handschrift des 14. Jahrh. den Bericht über die Krankheit eines Häuptlings aus der Gegend von Timbuktu, der eine treffende Schilderung der Hauptsymptome gibt ("Und es traf ihn die Schlafkrankheit, d. i. eine Krankheit, welche die Bewohner dieser Gegend sehr häufig befällt" usw.). Seit Ende des 19. Jahrh. ist die Krankheit durch zahlreiche Expeditionen der interessierten Länder genauer erforscht worden; die Entdeckung der Erreger glückte englischen Forschern, und den deutschen Forschern Kleine und Taute gelang es, den letzten fraglichen Punkt, die Art der Übertragung betreffend, zu lösen.

2. Verbreitung. Die S. ist von der Westküste Afrikas ausgegangen, wo sie von den portugiesischen Besitzungen im Süden (Loanda, Benguela) bis zur Mündung des Senegal im Norden herrscht. Gambia, Französisch - Guinea, die Inseln Principe und St. Thomé, Fernando Po, Togo, Kamerun, das Kongogebiet sind infiziert. Die Seuche hat sich den Niger und Kongo entlang dann weiter ausgedehnt und die Ufergebiete des Victoria -Njansa-, Tanganjika- und Njassasees ergriffen. Nördlich sind im östlichen Afrika bereits der Oberlauf des Nils, südlich neuerdings Rhodesia und die portugiesischen Besitzungen erreicht. Näheres ist auf den beigegebenen 3 Verbreitungskarten , die im RKA. bearbeitet wurden, zu ersehen.

3. Klinik. Das erste deutliche Symptom sind Schwellungen der Nackendrüsen, ferner auch der Schenkelbeugen- und Achseldrüsen; die Schwellung kann aber sehr geringgradig sein; weitere Symptome treten oft erst nach Monaten auf - bis 1 Jahr ist beobachtet. Dann tritt das Stadium des "Trypanosomenfiebers" in Erscheinung, charakterisiert durch unregelmäßige Fieberanfälle, Pulsbeschleunigung, Auf treten vorübergehender roter Flecken und Schwellungen auf der Haut. Auch diese Symptonie können lange Zeit vorherrschen. Dann zeigt allmählich das Nervensystem Zeichen der Erkrankung. Häufige Kopfschmerzen, Muskelzittern, Schwindelanfälle, vorübergehende Lähmungserscheinungen gehören zu den ersten Anzeichen der fortschreitenden Krankheit. Der Kranke magert mehr und mehr ab; es können Krämpfe der Muskulatur auftreten, später auch heftige Erregungszustände, die die Form schwerer Tobsuchtsanfälle annehmen können. Schließlich kommt bei einem großen Prozentsatz der Fälle die Schlafsucht, die der Krankheit den Namen gegeben hat, zur Ausbildung. Die Kranken, die zunächst nur eine leichte Ermüdbarkeit zeigen, fallen dann, sobald sie sich selbst überlassen sind, in einen Schlafzustand, aus dem sie anfangs noch leicht zu erwecken sind, später schlafen, sie sogar während des Essens ein, und schließlich gehen sie im tiefsten Schlafzustand zugrunde. Nicht selten aber treten plötzlich wieder solche schwere Tobsuchtsanfälle auf, wie sie oben geschildert wurden. Dies sind die Hauptsymptome der Krankheit, die natürlich ungeheuer variieren können. - Die Dauer der Erkrankung ist oft eine recht lange und beträgt häufig mehr als ein Jahr; es sind aber, besonders bei Europäern, schon sehr akut (in wenigen Wochen) tödlich endende Fälle beobachtet worden. - Es sind nur ganz wenige Fälle bekannt, die ohne Behandlung nicht tödlich endeten.

4. Erreger. Nachdem alle möglichen Ursachen angegeben worden waren, wie bestimmte Würmer, Vergiftungen (z.B. Maniok von Ziemann), Bakterien u.a., entdeckte 1901 Dutton von der englischen Gambia - Expedition, daß von Dr. Forde im Blute Fieberkranker gesehene "Würmchen" nichts andres als Trypanosomen seien. Bei dem Endstadium, der eigentlichen Schlafkrankheit, wurden die gleichen Trypanosomen 1903 von Castellani in der Rückenmarkflüssigkeit festgestellt. Der Trypanosoma gambiense genannte Parasit (s. Farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten I Abb. 5) findet sich im Frühstadium in den geschwollenen Lymphdrüsen, später auch im Blut und nach Eintritt nervöser Erscheinungen in der Rückenmarkflüssigkeit. Nach dem Tode ist er dann - wie die anderen Trypanosomen (ausführlicher s. d.) - in den verschiedensten Organen nachzuweisen. Morphologisch bietet Tr. gambiense keine Besonderheiten gegenüber vielen anderen pathogenen Trypanosomen; es läßt sich wie diese auf eine Reihe von Tieren übertragen. Außer beim Menschen ist Tr. gambiense spontan nur ausnahmsweise bei Tieren -Hunden und Rind - gefunden, vielleicht aber kommt es doch häufiger vor, vielleicht auch nach Versuchen von Bruce bei Antilopen.

5. Übertragungsweise. Schon lange hatte sich gezeigt, daß sich das Verbreitungsgebiet der S. mit dem einer bestimmten Tsetsefliege, der Glossina palpalis (s. Tsetsefliegen) decke; beide landen sich stets nur in gewisser Abhängigkeit. von Fluß- und Seeufern. Der endgültige Beweis, daß Gl. palpalis der eigentliche Überträger ist und daß in ihr die Trypanosomen eine Weiterentwicklung durchmachen müssen, bevor sie wieder übertragen werden können, ist Kleine (s.d.) und Taute (s.d.) gelungen. - Die Zeit, nach der die durch den Stich an einem Kranken infizierten Fliegen die Krankheit wieder übertragen können, dauert nach ihren Versuchen 20 Tage, nach späteren von Bruce (s.d.) kann sie sogar 27 - 53 Tage betragen. Die in der Fliege stattfindende Entwicklung ist wahrscheinlich eine geschlechtliche, die zu ungeheurer Vermehrung der Parasiten führt, die sich zuletzt in großen Mengen in den Speicheldrüsen der Fliegen finden. Von anderen Glossinen scheint unter Umständen auch Glossina morsitans als Überträger wirken zu können, wie Taute in Versuchen am Tanganjika fand und wie es durch das Vorkommen von Schlafkrankheit in Nordwest - Rhodesien und dem Süden von Deutsch-Ostafrika, wo Glossina palpalis fehlt, wahrscheinlich erschien und durch Kinghorn und Yorke auch in Nord - Rhodesien durch Versuche bewiesen wurde. Der Erreger der dortigen menschlichen Trypanosomenkrankheit ist viel virulenter als der gewöhnliche, er ist Trypanosoma rhodesiense benannt worden. Ausnahmsweise können vielleicht einmal andere stechende Insekten mechanisch übertragen. Ferner scheint in seltenen Fällen auch durch den Geschlechtsverkehr die Krankheit übertragbar zu sein, wie Beobachtungen von Kudicke (s.d.) beweisen.

6. Behandlung und Vorbeugung. Bei der Behandlung der S. haben sich am besten einige Chemikalien bewährt, die organische Verbindungen des Arseniks enthalten. Die besten Erfolge wurden mit dem sog. Atoxyl (s.d.) erreicht. Ferner hat sich Brechweinstein als wirksam erwiesen. Zurzeit sind noch zahlreiche andere Präparate im Versuchsstadium. Bei frühzeitigem Beginn der Behandlung, wie es besonders bei Europäern oft möglich ist, kann Heilung herbeigeführt werden. -Vorbeugung: Sie deckt sich mit dem Schutz vor der Glossina palpalis und ihrer Bekämpfung durch Abholzen usw. (s. Glossinen).

Literatur: Bericht der Expedition zur Erforsch. der Schlafkrankheit, Arb. a. d. ksl. Ges. - Amt, Bd. 31, 1, 1909. - R. Koch, Über Trypanosomenkrankheiten, Deutsch. med. Wochenschr. 1904. - R. Koch, Vorl. Mitteilung über eine Tropen- u. Forschungsreise, Deutsche med. Wochenschr. 1905, S. 1865. - M. Mayer, Trypanosomen als Krankheitserreger, Handbuch d. pathog. Mikroorganismen 1912, Bd. VII. - Sleeping sickness bulletins I - III, London, Tropic. diseases bureau.

Martin Mayer.