Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 308 ff.

Schulen. 1. Eingeborenenschulen. 2. Europäerschulen.

1. Eingeborenenschulen. Es bedarf keiner näheren Begründung, daß einer zivilisierten Nation, welche die Kolonisierung eines der Kultur noch nicht erschlossenen Gebietes übernommen hat, die Verpflichtung obliegt, den Eingeborenen die Erwerbung mindestens einer elementaren Bildung zu ermöglichen. Als Deutschland Kolonialgebiete übernahm, fand es fast überall Missionen vor, die sieh der Christianisierung der Einwohner widmeten und zu diesem Zwecke, sofern sie ihre Aufgabe ernst auffaßten, Schulen zu begründen genötigt waren. Die Mission kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, auf dem Gebiete des kolonialen Volksschulwesens noch heute die wesentliche Arbeit zu leisten. Nach einer Berechnung in der KolRundsch. vom Nov. 1912 betrug die Anzahl der Missions - S. in den deutschen Kolonien anfangs 1911 etwa 4500 mit fast 125 000 Schülern, die der Regierungs - S. rund 100 mit 5 - 6000 Schülern. Näheres über die Missionsschulen s. Missionsschulwesen. Während aber die Mission wesentlich von dem Gesichtspunkt ausging, ihre Zöglinge durch das Mittel der S. zu Christen heranzubilden und deshalb u. a. auch besonderen Wert auf den Unterricht in der Muttersprache des Schülers legte, mußten die Regierungs - S. noch andere Ziele verfolgen. Dazu gehörte besonders der Unterricht der Schüler auch im Deutschen und die Unterweisung in Fertigkeiten, welche sie befähigen, im Regierungsdienst als Schreiber, Aufseher, Steuererheber, Telegraphisten, Lehrgehilfen usw. oder in den Faktoreien u. dgl. die in Tropenländern besonders kostbare Kraft des Weißen zu ersetzen, als Vermittler zwischen der deutschen Verwaltung und den einheimischen Häuptlingen usw. zu dienen, oder als Handwerker, Pflanzungsgehilfen u. dgl. dem allgemeinen Nutzen zu dienen und den Fortschritt ihrer Landsleute in technischer Hinsicht zu fördern. Auf die praktische Seite der Ausbildung wird besonderer Wert gelegt. Die älteste der Regierungsschulen ist die in D uala, sie wurde in Belldorf am 24. Febr. 1887 von dem Regierungsoberlehrer Christaller eröffnet. Weitere Regierungsschulen für Kamerun wurden in Victoria (1897) und später in Jaunde und Garua begründet, Handwerkerschulen in Buea und Duala. Ferner wurden Landwirtschaftliche Schulen bei der Versuchsanstalt für Landeskultur in Victoria (l. Okt. 1910) und in Dschang eröffnet. Togo besitzt Regierungsschulen in Lome und in Sebe bei Anecho sowie eine Ackerbauschule in Nuatjä. Mit der Regierungsschule in Lome steht eine Handwerkerschule in Verbindung. Ende Januar 1911 wurde als Oberstufe für die Volksschulen der Kolonie eine Regierungsfortbildungsschule mit zweijährigem Lehrgang eröffnet. Von den ostafrikanischen Regierungsschulen ist die in Tanga die älteste (1892 eröffnet). Weitere Hauptschulen wurden begründet in Daressalam, Bagamojo, Pangani, Kilwa, Lindi, Mohoro, Kilimatinde, Kilossa, Kondoa- Irangi, Muansa, Iringa, Tabora, Ssongea, Udjidji, Urundi, Usumbura, Langenburg, Bismarckburg, Bukoba. Es besteht in Tanga eine Oberschule, die besonders intelligente Schüler der übrigen Schulen weiterfördert und in der Methodik, Pädagogik und Schulverwaltung unterweist. Die so ausgebildeten Zöglinge wirken dann an den Haupt- und an den Nebenschulen, von denen sich allein im Hinterlande von Tanga etwa 25 befinden. Insgesamt bestanden 1911 neben der Oberschule etwa 20 Hauptschulen und 60 Nebenschulen, außerdem Handwerkerschulen in Tanga, Bagamojo, Daressalam, Lindi, Langenburg und Tabora. Die Anzahl der Regierungsschüler betrug im Schutzgebiet fast 4000. Die sehr minderwertigen Koranschulen, die in Deutsch-Ostafrika - wie auch in den Sudangebieten Kameruns - noch vorhanden sind, werden durch die R erungsschulen mehr und mehr zurückgedrängt. In Deutsch - Südwestafrika finden wir keine Regierungsschulen für Eingeborene, die Verwaltung überläßt diesen Unterricht der Mission und beschränkt sich auf die Ausbildung der weißen .Kinder. Dagegen besteht in Deutsch-Neuguinea am Gouvernementssitz eine Regierungsschule für Farbige in Simpsonhafen, ferner in Saipan (Marianen). Auch in Samoa ist vor einiger Zeit eine Regierungsschule in Malifa begründet worden. In Kiautschou unterhält die Verwaltung etwa 10 Schulen mit zusammen etwa 800 Schülern, die von chinesischen Lehrkräften unterrichtet werden. Im Dez. 1911 fand die Einweihung einer Schule für chinesische Mädchen statt, die vom evangel. - protest. Missionsverein begründet wurde. Über die Deutsch - Chinesische Hochschule s. Kiautschou, 22. Schul- u. Missionswesen. Die Regierungs - S. beschränkten sich von Anfang an nicht auf den Unterricht der Eingeborenen in ihrer Muttersprache, in Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen, wie dies neben dem Religionsunterricht bei den Missions - S. zumeist der Fall war, sondern erweiterten den Lehrplan gewöhnlich um Erdkunde, Naturkunde, Geschichte, Turnen und besonders den Unterricht im Deutschen und stellten sich allgemein weitere Aufgaben. Die Missionen waren infolge beschränkter Mittel hierzu vielfach nicht in der Lage, mußten auch, soweit ihre Mitglieder nicht Deutsche waren, sich vielfach noch des Englischen oder Französischen bedienen. Der Kolonialrat hatte bereits 1896 empfohlen, darauf hinzuwirken, daß, wenn in den S. neben der Sprache der Eingeborenen noch eine andere gelehrt werde, die deutsche in den Lehrplan aufgenommen werde. Um den Missionen die neuen Verhältnisse und Aufgaben zu erleichtern, machte sieh in kolonialen Kreisen der Wunsch geltend, ihnen zu diesem Zwecke Unterstützungen zu gewähren, und die Deutsche Kolonial - Gesellschaft hatte im Jahre 1897 die Bitte an den RK. gerichtet, auf Grund eines im Einvernehmen mit den deutschen Missionen aufzustellenden Lehrplanes den S. auf Antrag einen Regierungszuschuß zu geben. Es lag nicht minder im Interesse der Regierung, tüchtige eingeborene Beamte usw. zu erhalten, als in dem der Missionen selbst, ihre christlichen Zöglinge im Regierungsdienst und in anderen Stellungen verwendet zu sehen, die ihnen unter ihren Landsleuten, namentlich auch den heidnischen oder mohammedanischen Ansehen verleihen. Nach mehrjährigen Erörterungen erklärte sich der Ausschuß der deutschen evangelischen Missionen Ende 1904 bereit, dem Wunsche der Regierung, daß durch Unterricht im Deutschen die deutsche Sprache verbreitet werde, tunlichst und vorbehaltlich der Rücksichtnahme auf die Bildung in der Landessprache nach Möglichkeit entgegenzukommen. Es sind dann für verschiedene Kolonien Lehrpläne mit den Missionen vereinbart worden, auf Grund deren die Missionen für entsprechend ausgebildete Schüler Zuschüsse erhalten können. Die Lehrpläne berücksichtigen natürlich die besonderen Verhältnisse eines jeden Schutzgebietes; so ist dem Umstande Rechnung getragen, daß in Ostafrika das Suaheli (s. d.) als allgemeine Landessprache besondere Berücksichtigung beansprucht. Fonds zur Verbreitung der deutschen Sprache usw. wurden seit 1906 in den Etats beim Schul- und Ausbildungswesen vorgesehen (1914 für Deutsch - Ostafrika 20 000, Kamerun 60 000, Togo 25 000, Deutsch - Neuguinea 20000, Deutsch -Südwestafrika 9000, Samoa 7000 M). Daraus erhalten auch die Missionen zum Teil namhafte Beträge für Erfolge im deutschen Unterricht. Näheres über die Eingeborenen - S. in den deutschen Kolonien Afrikas und der Südsee ist aus der unten angeführten Literatur zu ersehen.

2. Europäerschulen entstanden erst später als die Eingeborenen - S., mit dem Anwachsen der europäischen Bevölkerung. Wo wie in Kamerun, Togo und Deutsch - Neuguinea die Anzahl der europäischen Kinder verschwindend gering ist, gibt es auch heute noch keine Europäer - S. In Deutsch -Ostafrika bestehen nur sechs. Die Europäerschule in Daressalam wurde 1913 von 43 Schülern (Deutsche, Syrer, Franzosen, Goanesen) besucht; das Alter schwankte zwischen 6 und 15 Jahren. Der Lehrplan entspricht dem einer heimischen guten einklassigen Volksschule. Den Religionsunterricht erteilen die Geistlichen beider Konfessionen. - Im Bezirke Moschi am Kilimandscharo bestehen zwei Europäerschulen, eine in Leganga mit etwa 20 Kindern (Deutsche, Palästina - Deutsche, Deutschrussen, 11 Knaben, 9 Mädchen) und eine am Nordmeru (Ol Donyo Sambo) mit etwa 12 Burenkindern im Alter von 6 bis 20 Jahren. - Die seit sechs Jahren bestehende Karlsschule der Berliner Missionsgesellschaft in Tandala (Bismarckburg) mit (1911) 7 Knaben und 6 Mädchen in 7 Abteilungen bezweckt die Vorbereitung der Kinder der Missionare auf die höheren heimischen Schulen; dem Unterricht der Knaben liegt der Gymnasial- Lehrplan, dem der Mädchen der Lehrplan der höheren Mädchenschule zugrunde. - Die Evangelische Missionsgesellschaft unterhält zu Hohenfriedeberg (Mlalo) in Usambara eine Schule für Ansiedlerkinder (1910/11: 1 Lehrerin, 7 Kinder, die Benediktinermission eine Europäerschule in Daressalam (1911: 13 Kinder). Erheblich größeren Umfang haben die Europäerschulen in DeutschSüdwestafrika gewonnen. Eine GouvV. vom 20. Okt. 1906 (KolBl. S. 797, AusfBest. S. 798) bestimmte u. a., daß mit gewissen Ausnahmen die Kinder der Weißen, in einem Schulort oder nicht mehr als 4 km im Umkreise wohnen, vom vollendeten 6. bis vollendetem 14. Lebensjahre zum regelmäßigen Besuche der Regierungsschule verpflichtet sind. Nach einer V. vom 8. Okt. 1911 sind auch Kinder, die weiter als 4 km von einem Schulort entfernt wohnen, zu einem vierjährigen Schulbesuch verpflichtet. Die Errichtung von Privatschulen bedarf der Genehmigung des Gouvernements, Schulaufsicht und -verwaltung übt der Bezirksamtmann aus. Haben sich innerhalb der Bevölkerung Schulvorstände gebildet, so sind sie gutachtlich zu hören und zur Mitverwaltung heranzuziehen. Die Kosten für die Europäerschulen wurden, soweit es sich nicht um private Einrichtungen handelte, in Deutsch-Südwestafrika zunächst ausschließlich von der Regierung getragen, in neuerer Zeit hat man begonnen, den Bau der Schulhäuser, die Unterhaltung derselben und der Lehrmittel den Kommunen zu übertragen. Vor dem Aufstand gab es in Deutsch - Südwestalrika 6, am 31. März 1912 17 Regierungs - Volksschulen (Windhuk vierklassig, Swakopmund, Lüderitzbucht, Warmbad je dreiklassig, Klein - Windhuk, Gibeon, Gobabis, Grootfontein, Karibib, Keetmanshoop, Klipdam, Kub, Maltahöhe, Okahandja, Omaruru, Aus, Usakos einklassig), eine Realschule der Regierung in Windhuk (seit Jan. 1909), eine private Realschule in Swakopmund (seit Jan. 1910), unterhalten durch Beiträge des dortigenSchulvereins und Schulgelder mit Unterstützung des Gouvernements und der Kommune, und eine höhere Mädchenschule der katholischen Mission in Windhuk. Die Europäer - S. wurden 1914 insgesamt von 775 Schülern, 370 Knaben und 405 Mädchen, besucht, 245 waren auswärtige, wovon 210 in Pensionaten untergebracht waren, 163 Kinder waren Ausländer, 657 evangelisch, 85 katholisch, 33 jüdisch. An den Volks - S. wirkten 18 Lehrer und 16 Lehrerinnen. Die Knaben erhalten meist Unterricht in Handwerken; eine Lehrfarm für junge Mädchen befindet sich in Brakwater. In Apia (Samoa) besteht eine dreiklassige Regierungs - Volks - S., die 1913 von 80 Schülern (31 Knaben, 49 Mädchen) besucht wurde; 45 Schüler waren Deutsche, 35 fremde Staatsangehörige. In Kiautschou ist ein Reform - Realgymnasium nebst dreiklassiger Vorschule für Knaben und Mädchen vorhanden, auch unterhalten die Franziskanerinnen ein Mädchenpensionat. S.a. Höhere Schulen, Missionsschulwesen, Handwerkerschulen.

Literatur: v. König in der KolRundsch. 1912, Maiheft und ff. S. bes. Nr. 1 vom 1. Jan. 1913 über: Die wichtigsten Fragen der kolonialen Schulpolitik. - Dr. Barth, Über das Schulwesen unserer Schutzgebiete, DKol - Ztg. 1911 Nr. 1 ff. - Schlunk, Miss. -Insp., Das Schulwesen in den deutschen Schutzgebieten, Hamburg 1914, dazu gehörig Tabellen nach dem Stande vom 1. Juni 1911 (Abh. d. Kol. - Instituts). -Schmidlin, D. kathol. Miss. i. d. d. Sch., Münster 1913.

v. König.