Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 312

Schutzgebiete heißen die überseeischen Länder, die unter dem Schutze eines europäischen Staates stehen. Bildet das Schutzgebiet für sich einen eigenen Staat und erschöpfen sich die Pflichten und Rechte des schutzherrlichen Staates in der Gewährung des Schutzes, so besteht zwischen beiden nur ein völkerrechtliches Band. Ein solches Schutzverhältnis bezeichnet man als Protektorat (s.d.), das Schutzgebiet als Protektoratsland. Untersteht dagegen das fremde Gebiet nicht einer eigenen Staatsgewalt, sondern derjenigen des schutzherrlichen Staates, so sind ihre Beziehungen zu einander staatsrechtlicher Art und die Schutzgewalt ist ein Ausfluß der Souveränität des europäischen Staates über das Schutzgebiet. In solchem Falle spricht man von einer Kolonie. Die Staatsgewalt umfaßt alle Zweige der staatlichen Fürsorge für ein Land und äußert sich in der Gesetzgebung, der Rechtspflege, der Verwaltung und in dem Schutze des Gebiets gegen andere Mächte. Rücksichten politischer oder örtlicher Art können den Herrscherstaat bestimmen, die Staatsgewalt zunächst nur in dem Schutze des Auslandsgebiets zu betätigen. Die Kolonie ist dann im engeren Sinne des Wortes bloßes Schutzgebiet. -Die deutschen Schutzgebiete stehen zu dem Deutschen Reiche in staatsrechtlicher Abhängigkeit; sie sind zwar dem Reichsgebiet nicht einverleibt (Art. 1 Reichsverfassung), gehören, aber staatsrechtlich und völkerrechtlich zu dem Reiche. Dieses hat die unbeschränkte Souveränität über sie. Anfangs hat das Reich in den erworbenen Gebieten die Staatsgewalt nicht in vollem Umfange ausgeübt, sondern seine nächste Aufgabe vornehmlich in dem Schutz gesehen. Darauf beruht die Bezeichnung der Erwerbungen als "Schutzgebiete" und der dem Reiche zustehenden Gewalt als "Schutzgewalt" (s.d. [§ 1 SchGG.]). Inzwischen hat das Reich auch die weiteren Aufgaben der Staatshoheit: Gesetzgebung, Rechtspflege, Verwaltung übernommen und, seine Souveränität nach allen Seiten entfaltet. Der Name "Schutzgebiet" trifft daher nicht mehr ganz das Wesen der Beziehungen zwischen dem Reich und seinen Nebenländern. Die Schutzgebiete sind tatsächlich Kolonien des Reichs geworden, die vom Mutterlande mehr als bloßen Schutz erhalten. Im einzelnen sind es: Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Neuguinea, Samoa und Kiautschou (s.d. u. Deutsche Schutzgebiete). - Von den einzelnen Schutzgebieten sind die Interessensphären (s.d.) zu unterscheiden. Es sind dies durch völkerrechtliches Übereinkommen abgegrenzte Gebiete, in denen dem interessierten Staate freie Hand gelassen wird, seinen Einfluß geltend zu machen und die Schutzherrschaft vorzubereiten. Die deutschen Schutzgebiete sind bereits in ihrer ganzen Ausdehnung der Staatsgewalt des Reiches unterworfen und bilden auch nicht teilweise bloße Interessensphären. S.a. Deutsche Schutzgebiete.

Straehler.