Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 331 ff.

Seemannsamt. Für die Rechtsverhältnisse der Schiffsbesatzungen der deutschen Handelsmarine (im Gegensatz zur Kriegsmarine siehe Art. 54 u. bzw. Art. 53 Reichsverfassung) gelten in erster Reihe die Vorschriften der Seemannsordnung vom 2. Juni 1902 (BGBl. S. 175). In diesem Gesetz sind den Seemannsämtern zahlreiche und wichtige Aufgaben zugewiesen, die die Wahrung und Sicherung der Ordnung in den Rechtsbeziehungen der Seeleute während der Fahrt zum Ziele haben. Seemannsämter bestehen in in- und ausländischen Häfen. In dem deutschen Reichsgebiet sind es von den Landesregierungen errichtete Ämter, in den Schutzgebieten, die im Sinne der Seemannsordnung (abgekürzt: SeemO.) Inland sind (§ 6), von dem Reichskanzler bestellte Behörden, im Auslande die Konsulate des Reichs für Hafenplätze (§ 5 SeemO.). Die Geschäftsführung sämtlicher Seemannsämter, auch der landesrechtlichen unterliegt der Oberaufsicht des Reichs (§ 5 Abs. 2). In den Schutzgebieten Afrikas und der Südsee sind S. die Bezirksrichter in Daressalam, Tanga, Swakopmund, Lüderitzbucht, Duala, Kribi, Lome, Rabaul, Friedrich Wilhelmshafen, Ponape, Jap, Apia, Jaluit (V. des RK. vom 27. Sept. 1903 [KolGG. S. 214], V. dess. vom 9. Mai 1906 [KolGG. S. 191]), in Kiautschou der Hafenkapitän in Tsingtau (V., betr. das Seemannsamt in Kiautschou, vom 12. Sept. 1898 [MVBl. S. 393]). - Die Zuständigkeit der Seemannsämter beschränkt sich auf die Angelegenheiten derjenigen Schiffe und ihrer Besatzungen, auf die die SeemO. Anwendung findet, nach § 1 SeemO. also aller Kauffahrteischiffe, welche das Recht, die Reichsflagge zu führen, ausüben dürfen. Kauffahrteischiffe sind zum Erwerbe durch die Seefahrt bestimmte Schiffe (§ 1 Gesetz, betr. das Flaggenrecht der Kauffahrteischiffe, vom 22. Juni 1899 [BGBl. S. 319]). Die Reichsflagge dürfen nur Kauffahrteischiffe führen, die im ausschließlichen Eigentum von Reichsangehörigen stehen. Den letzteren stehen gleich: offene Handelsgesellschaften und Kommanditgesellschaften, wenn die persönlich haftenden Gesellschafter sämtlich Reichsangehörige sind, andere Handelsgesellschaften, eingetragene Genossenschaften und Juristische Personen, wenn sie im Inlande - wozu auch die Schutzgebiete zählen - ihren Sitz haben, Kommanditgesellschaften auf Aktien jedoch nur dann, wenn die persönlich haftenden Gesellschafter sämtlich Reichsangehörige sind (§ 2 des gen. Ges. vom 22. Juni 1899). Eingeborene der Schutzgebiete können in Beziehung auf das Recht zur Führung der Reichsflagge den Reichsangehörigen gleichgestellt werden (§ 28 Flaggen - G., § 10 SchGG., ferner Ges. vom 29. Mai 1901 [BGBl. S. 184] und die Ksl. V. vom. 5. Juli 1903 [BGBl. S. 257, KolGG. S. 149]; Gerstmeyer: Das Schutzgebietsgesetz, Anm. 2 zu § 10). Das Recht die Reichsflagge zu führen, setzt die Eintragung des Schiffes im Schiffsregister voraus (§ 4 Flaggen - G.). Die Geltung der SeemO. kann durch Kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrats auch auf Binnenschiffe ausgedehnt werden, welche die Reichsflagge führen dürfen (§ 1 Abs. 3 SeemO.; §§26, 26a Flaggen. - G. in der Fassung der Novelle vom 29. Mai 1901 [RGBl. S. 184]; V. vom 1. März 1900 [BGBl. S - 41 ]; V. vom 5. Juli 1903 [RGBl. S. 257]). - Das S. entwickelt eine vielseitige Tätigkeit, die bald richterlicher, bald verwaltender Art ist. Es betätigt sich auf dem Gebiete der freiwilligen sowie der streitigen und zwar sowohl der zivilrechtlichen als auch der strafrechtlichen Gerichtsbarkeit, ferner als Schiedsmann, auf polizeilichem Gebiet, auf dem Gebiet der Fürsorge und der Aufsicht. Es fertigt Seefahrtsbücher aus (§§ 9, 10 SeemO.), nimmt die An- und Abmusterung vor (§§ 13, 18 dorts.), erteilt die Musterrolle (§ 14), stellt Zeugnisse und Bescheinigungen aus, die für oder bei der Musterung notwendig werden, und beglaubigt Unterschriften (§§ 9, 15, 16, 20, 21, 22, 233 25, 136). Den angemusterten Schiffsmann, der sich unentschuldigt dem Antritt oder der Fortsetzung des Dienstes entzieht, kann es auf Antrag des Kapitäns zwangsweise zur Erfüllung seiner Pflicht anhalten (§ 33). Wenn es angerufen wird, entscheidet es, ob ein Schiffsmann während der Fahrt im Range herabgesetzt und seine Heuer verringert werden durfte (§ 43). In der Regel ist vor dem Amt oder durch seine Vermittlung die Heuer dem Schiffsmann auszuzahlen. Auf dessen Wunsch hat das S. die Heuer in Empfang zu nehmen und an auswärtige Angehörige des Seemanns, an Sparkassen oder sonstige Verwahrungsstellen gebührenfrei z u übermitteln (§ 46). Ihm ist Anzeige zu machen, wenn bei der Abfahrt ein Schiffsmann vermißt wird (§ 51). Es vermittelt die Auszahlung der der Mannschaft eines verschollenen Schiffes geschuldeten Löhne (Heuer usw.) an die Empfangsberechtigten (§ 53). Über die Vergütung für erlittene Entbehrungen erläßt es einen vorläufigen Bescheid (§ 57). Auf Beschwerde prüft es die Seetüchtigkeit des Schiffes und den Proviant und sorgt nötigenfalls für die geeignete Abhilfe von Mängeln (§ 58). Im Falle der Erkrankung oder des Todes eines Schiffsmanns obliegen ihm Pflichten der Fürsorge und der Vertretung sowie auch die Entscheidung über hierbei entstandene Streitpunkte (§§ 59, 60, 61, 63, 65). Hat ein Schiffsmann nach Beendigung des Vertragsverhältnisses an Stelle des Rechts auf freie Zurückbeförderung eine Vergütung zu beanspruchen, so hat im Streitfalle das S. die Vergütung vorläufig festzusetzen (§§ 66, 69, 72, 76). Auch in anderer Richtung wirkt es vermittelnd und ausgleichend, wenn die Vertragslösung berechtigte Interessen der Beteiligten zu gefährden droht (§§ 67, 73, 74 Ziff. 5, 77, 78, 79, 83). Über einige weitere Fälle der Tätigkeit des S. siehe §§ 94, 97. Nach dem Gesetz vom 2. Juni 1902 (RGBl. S. 212) haben die deutschen Kauffahrteischiffe die Pflicht, deutsche -und unter bestimmten Voraussetzungen auch ausländische - Seeleute, die außerhalb des Reichsgebiets sich in hilfsbedürftigem Zustande befinden, oder wegen strafbarer Handlungen an die heimischen Behörden abzuliefern sind, gegen Entschädigung nach dem Bestimmungshafen mitzunehmen. Die hierbei notwendigen behördlichen Anordnungen trifft ebenfalls das S. (§§ 1, 2, 3, 5, 6 Ges. vom 2. Juni 1902). Zum Reichsgebiet gehören nicht die Schutzgebiete. Dort befindliche Seeleute halten sich außerhalb des Reichsgebiets auf. Nach §14 Gesetz, betr. die Untersuchung von Seeunfällen, vom 27. Juli 1877 (RGBl. S. 549) haben die Seemannsämter von den zu ihrer Kenntnis gelangenden Seeunfällen einem zuständigen Seeamt (s.d.) ungesäumt Anzeige zu machen. Die deutschen Seemannsämter im Auslande (Konsulate) haben, sobald sie von einem Seeunfalle Kenntnis erlangen, zur vorläufigen Feststellung des Tatbestandes diejenigen Ermittlungen und Beweiserhebungen vorzunehmen, welche keinen Aufschub dulden (§ 15 SUG.). Diese Pflicht liegt nach § 8 SchGG., § 1 Abs. 2 V. des RK. vom 27. Sept. 1903 (KolGG. S. 214) und vom 12. Sept. 1898 (MVBl. S. 393) auch den Seemannsämtern in den Schutzgebieten ob. - Bei einer Reihe von Übertretungen kommt dem S. eine strafrichterliche Tätigkeit zu, und zwar in gewissen Fällen der Übertretung der Seem0. (§ 122 dorts.), des Gesetzes, betr. die Verpflichtung der Kauffahrteischiffe zur Mitnahme heimzuschaffender Seeleute, vom 2. Juni 1902 (RGBl. S. 212) - § 8 dorts. - und des Stellenver. Mittlergesetzes vom 2. Juni 1910 (RGBl. S. 860) - §13 dorts. Es vernimmt den Angeschuldigten, stellt mit möglichster Beschleunigung den Tatbestand fest und erläßt nach Abschluß der Untersuchung einen mit Gründen versehenen Strafbescheid. Die Verhandlung ist öffentlich (§ 123 SeemO.). Des näheren ist das Strafverfahren durch die V. des Bundesrats, betr. das Strafverfahren vor den Seemannsämtern, vom 13. März 1903 (RGBl. S. 42) geregelt. Gegen den Strafbescheid kann der Beschuldigte innerhalb einer zehntägigen Frist von der Verkündung oder der Zustellung ab auf gerichtliche Entscheidung antragen (§ 124 SeemO.). Auf das weitere Verfahren finden nach § 5 EG. zur StPO. die Vorschriften über das Verfahren nach vorangegangener polizeilicher Strafverfügung (s.d.) statt (§§ 455 - 458 StPO.); für die Schutzgebiete: Ksl. V., betr. Zwangs- und Strafbefugnisse usw., vom 14. Juli 1905 (RGBl. S. 717, KolGG. S. 169); s. auch § 125 SeemO. Seeleute, die auf der Fahrt eine strafbare Handlung begehen, werden dem nächsten S. übergeben, das, je nachdem der Tatbestand seine Zuständigkeit begründet oder nicht, den Täter aburteilt oder an die heimische Behörde abliefert (§ 127 SeemO.). In Streitigkeiten, die zwischen dem Kapitän und dem Schiffsmann bestehen, hat das S. den Versuch eines gütlichen Ausgleichs zu machen (§ 128 SeemO.). Will der Schiffsmann den Kapitän zivilrechtlich oder strafrechtlich in Anspruch nehmen, so ist das Amt in eiligen Fällen berufen, eine vorläufige Entscheidung zutreffen (§§ 129, 130, 131 SeemO.). Über die Nichtanwendbarkeit einzelner Bestimmungen auf kleinere Fahrzeuge s. § 134 SeemO. und Bek. des Bundesrats vom 16. Juni 1903 (RGBl. S. 252).

Straehler.