Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 347 f.

Seminar für orientalische Sprachen. Durch Reichsgesetz vom 23. Mai 1887 wurde der RK. ermächtigt, mit der preußischen Regierung eine Vereinbarung wegen Errichtung eines S. f. o. S. an der Universität zu Berlin abzuschließen. Daher ist das S. eine vom Deutschen Reiche und Preußen gemeinsam verwaltete Hochschule. Es wurde am 27. Okt. 1887 in Berlin eröffnet, und befindet sich jetzt daselbst Dorotheenstr. 7. Aufgabe des S. ist es, "den theoretischen Unterricht in den lebenden orientalischen Sprachen mit praktischer Übung zu verbinden und dadurch künftigen Aspiranten für den Dolmetscherdienst sowie Angehörigen sonstiger Berufsstände, welche den erforderlichen Grad geistiger und sittlicher Reife besitzen, neben der theoretischen Erlernung besonders die praktische Anwendung dieser Sprachen zu ermöglichen". Der Eintritt Deutschlands in die Reihe der Kolonialmächte stellte dem S. neue Aufgaben, denen es unter der langjährigen Leitung seines Direktors Geh. Oberregierungsrat Prof. Dr. Sachau (s.d.) gerecht wurde. Gegenwärtig werden folgende Sprachen gelehrt: Chinesisch, Japanisch, Arabisch (Syrisch, Ägyptisch und Marokkanisch), Amharisch, Äthiopisch, Persisch, Türkisch, Suaheli, Indisch (Guzerati und Hindustani), Haussa, Ful, Jaunde, Ewe, Tschi, Nama, Herero, Ovambo. Neben einem deutschen Gelehrten unterrichtet in der Regel ein eingeborener Lektor in seiner Muttersprache. seit Winter 1888 traten hinzu Neugriechisch und Russisch, seit 1901 Konversationskurse im Englischen, Französischen, Spanischen, seit 1906 Rumänisch und seit 1912 Portugiesisch. Den Bedürfnissen der kolonialen Ausdehnung entsprach die im Sommer 1892 geschaffene Abteilung für Realien. In dieser wurden zunächst gelehrt Theorie der geographischen Ortsbestimmung, verbunden mit praktischen Übungen, Tropenhygiene, Tropenkulturen, Geschichte der neueren deutschen Handelspolitik und später Rechtsund Wirtschaftsverhältnisse der deutschen Kolonien, Anleitung zur Routenaufnahme, Landeskunde von Deutsch - Ostafrika, Kamerun und Togo, ethnologische und sprachliche Verhältnisse im Sudan, Islamkunde, Samariterkursus, chemische Technologie der Produkte des Welthandels sowie Handelspolitik Deutschlands und der Weltmächte. - Der Lehrplan gliedert sich demnach in drei Gruppen, die sprachliche der orientalischen, kolonialen und europäischen Sprachen, die historisch-kulturelle und die naturwissenschaftlich - technische. Neben der Lehrtätigkeit pflegt das S. die wissenschaftliche Forschung. Eine Reihe von Lehrbüchern (bis jetzt 30 Bände) führen in das Studium von Sprachen und Realien des Orients ein. Seit dem Jahre 1898 erscheint ferner jährlich ein Band von etwa 40 Bogen unter dem Titel "Mitteilungen des S." (s.d.) in 3 Abteilungen (westasiatische, ostasiatische, afrikanische Studien), in welchen die Lehrer, ehemalige Hörer des S. und Außenstehende, ihre Forschungsergebnisse darlegen. Endlich besteht seit 1902 ein Archiv für das Studium deutscher Kolonialsprachen (s.d.). Die Kurse im S. sind unentgeltlich, doch zahlt jeder Hörer 20 bzw. 10 M Bibliotheksbeitrag im Semester. Über den Erfolg des Unterrichts ist eine Schlußprüfung zur Erlangung eines Diploms eingeführt (Best. vom 22. Juni 1889); sie ist nicht obligatorisch, aber die Aspiranten für den Dolmetscherdienst beim Auswärtigen Amt, die sie bestanden haben, werden anderen Bewerbern vorgezogen. - Von seiten des Auswärtigen Amtes werden Lehrer für die deutschen Auslandsschulen zur Ausbildung im Chinesischen, Englischen, Französischen, Portugiesischen und Spanischen sowie von der Kolonialverwaltung und dem Kommando der Schutztruppen Beamte, Lehrer und Offiziere zur Vorbereitung für den Dienst in Ost- und Westafrika dem S. überwiesen. Ferner beordert auch das Reichspostamt Beamte, welche für den Postdienst in China, Marokko, Türkei und Deutsch-Ostafrika bestimmt sind, zum Studium der betreffenden Landessprache auf das S. Seit 1900 findet ein Spezialkursus für Beamte der Reichspost- und Telegraphen-Verwaltung im Russischen statt. In den gesamten Kursen, zu denen die genannten Behörden Beamte. auf das S. entsenden, finden halbjährlich bzw. jährlich Schlußprüfungen statt. In Anlehnung an das S. ist eine kolonialwissenschaftliche Studienkommission eingesetzt, welche in jedem Semester eine Übersicht über alle an Berliner Hochschulen und sonstigen Instituten gehaltenen Vorlesungen und Übungen, die kolonialen Zwecken dienen, können, veröffentlicht. - Im Wintersemester 1913/14 wurden die Vorlesungen des S. insgesamt von 541 Hörern besucht. Davon hörten Suaheli 48, Arabisch 26, Chinesisch 37, Haussa 4, Ful 3, Jaunde 9, Ewe 3, Phonetik afrikanischer Sprachen 18, Tropenhygiene 41, koloniale Rechtsprechung und Verwaltung 36, wirtschaftliche Verhältnisse der Schutzgebiete 37, Landeskunde von Deutsch-Ostafrika 29, Geschichte und Entwicklung des Handels von Deutsch-Ostafrika 24, tropische Nutzpflanzen 36, Samariterkursus 28, Routenaufnahme 17, Chemie usw. 18, Handelspolitik Deutschlands und der Weltmächte 7, Landeskunde von Kamerun und Togo 6, wissenschaftliche Beobachtungen auf Reisen 4. Außerdem finden in jedem Semester eine Reihe von unentgeltlichen, öffentlichen Vorträgen in Abendstunden 8 - 9 Uhr vor einem größeren Publikum über kulturelle Verhältnisse der verschiedenen orientalischen Länder sowie sprachliche Vorlesungen im Japanischen und Suaheli statt.

v. König.