Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 350 f.

Seuchen. Als S. bezeichnet man allgemein das Auftreten von Volkskrankheiten in weiter Ausdehnung, sowohl in Endemien (fortwährend in einem Lande einheimischen) als in Epidemien (zeitweise auftretenden, meist eingeschleppten). Gegen die Volksseuchen wissen wir jetzt wirksam vorzugehen, seitdem nach den bahnbrechenden Entdeckungen der meisten Krankheitserreger in den letzten drei Jahrzehnten R. Koch (s. d.) und andere die Mittel und Wege ihrer Bekämpfung gezeigt haben. Die Seuchenbekämpfung ist in Deutschland, insbesondere in Preußen, jetzt in mustergültiger Weise geregelt. Das "Reichsgesetz, betr. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten, vom 30. Juni 1900" mit den dazugehörenden Ausführungsbestimmungen vom 6. Okt. 1900 und 22. Juli 1902 bildet die Grundlage der Prinzipien, die in besonderen Anweisungen ausführlich zusammengestellt sind. So existieren z. B. folgende Anweisungen: 1. Anw. zur Bekämpfung der Pest (3. Juli 1902); 2. Anw. zur Bekämpfung der Cholera (28. Jan. 1904); 3. Anw. zur Bekämpfung der Pocken (28. Jan. 1904); 4. Anw. zur Bekämpfung des Fleckfiebers (28. Jan. 1904); 5. Anw. zur Bekämpfung des Aussatzes (28. Jan. 1904). - Zu allen Anweisungen sind Deckblätter vom 21. März 1907 herausgegeben. Die Anweisungen sind erschienen im Verlag von Julius Springer, Berlin. -Preußen hat noch sein besonderes Gesetz, betr. die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, vom 28. Aug. 1905 (GS. S. 373) mit Ausführungsbestimmungen vom 7. Okt. 1905. Über die Ausführung der Bestimmungen wacht die Seuchenpolizei. Das Reichsgesetz hat für Übertretungen zum Teil hohe Strafen vorgesehen, insbesondere dann, wenn der Anzeigepflicht nicht genügt worden ist. Die Anzeigepflicht kann durch Landesgesetz oder Bundesratsbeschluß auch auf andere Krankheiten ausgedehnt werden. Auch kann der Bundesrat besondere Vorschriften zur Verhütung der Einschleppung von S. aus anderen Ländern auf dem Seewege erlassen, insoweit solche noch nicht in internationalen Vereinbarungen vorhanden sind. Zur Abwehr von Pest und Cholera ist in Deutschland maßgebend die Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 19. Aug. 1907, betr. die gesundheitliche Behandlung der Seeschiffe in den deutschen Häfen" (RGB. S. 563). Die englischen Vorschriften sind ähnliche (vom 9. Sept. 1907, Statutory Rules and Orders 1907 No. 710). Von internationalen Vereinbarungen sind zu erwähnen die der Dresdener Sanitätskonvention vom 16. April 1893 gegen die Cholera, die der Sanitätskonferenz in Venedig (anfangs 1897) gegen die Pest und die der Sanitätskonferenz in Paris Ende 1903. Die "Pariser Konvention" faßte die vorausgegangenen verschiedenen Übereinkünfte einheitlich zusammen. Der Konvention sind die meisten zivilisierten Länder beigetreten. Auch gegen die Verbreitung von Viehseuchen existieren besondere Bestimmungen. S.a. Pest, Tropenkrankbeiten, Gesundheitspflege, Quarantäne und Cholera.

Literatur: Eulenburgs Real - Enzyklopaedie, 4. Aufl. - Veröffentlichungen des Kais. Gesundheitsamtes. 1904 und 1907. - Kolle - Wassermann, Handbuch d. pathog. Mikroorganismen.

Mühlens.