Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 352

Siedlung in den Schutzgebieten. Die Frage der kolonialen Siedlung im engeren Sinne, d.h. der dauernden generationsweisen Niederlassung von Weißen, besonders Volksgenossen, in den Kolonien zu wirtschaftlicher, speziell landwirtschaftlicher, Tätigkeit ist bei uns in Deutschland mehr und mehr eine parteipolitische Frage geworden und wird dann meist grundsätzlich gelöst. Die einen wollen um jeden Preis besiedeln, die anderen die Weißen möglichst ferne halten. Dazu kommt bei tropischen Kolonien, daß auch über die Frage, wieweit Weiße überhaupt in den Tropen siedeln können, die Meinungen noch grundsätzlich auseinandergehen. Für eine praktische Kolonialpolitik, die unter den mannigfachen Zwecken und Zielen der Kolonisation auch die Besiedelung kolonialer Gebiete durch Volksgenossen - ich möchte sagen: selbstverständlich - anerkennt, erscheint diese scharfe grundsätzliche Zuspitzung des Problems nicht bloß unfruchtbar, sondern sie wirkt auch vielfach verwirrend und störend ein. Eine solche Kolonialpolitik wird stets nur auf Grund genauer Prüfung aller in Betracht kommenden örtlichen und sonstigen individuellen Verhältnisse, Versuche mit Besiedlung in den hierfür strittigen Gebieten machen und sich nicht durch Schlagworte, sondern nur durch gute Erfahrungen zu weiterem Fortschreiten auf dem beschrittenen Wege ermuntern lassen. - Unter den deutschen Schutzgebieten in Afrika und der Südsee kommt nun als Siedlungsgebiet gegenwärtig unbestritten nur Deutsch- Südwestafrika in Betracht. Kamerun und Togo können zur Zeit noch ganz unberücksichtigt bleiben. Die übrigen Schutzgebiete können als bestrittene Gebiete bezeichnet werden, in denen Siedlungsversuche gemacht werden, deren Dauer und Ergebnisse aber, da es sich ja um die Frage der Generationssiedlung handelt, noch nicht hinreichend sind, um ein endgültiges Urteil zu fällen. (Bez. Kiautschou s. d. Art.) - Da Deutsch-Südwestafrika zum größten Teile in der subtropischen Zone liegt, so spielt das Problem einer dauernden Generationssiedlung von Weißen in den Tropen hier in der Hauptsache keine Rolle. Nachdem die alten Stammesorganisationen der Eingeborenen hier vernichtet waren, ist die Besiedlungsfrage in diesem Schutzgebiete zu einer agrikulturellen und agrarpolitischen Frage geworden, die eng mit Staatshilfe und Kreditorganisation verknüpft ist. Eine, wenn auch geringe Besiedlung hatte hier bereits vor der Begründung der deutschen Schutzherrschaft eingesetzt, da sich im Süden der Kolonie aus der Kapkolonie eingewanderte Engländer und Buren niedergelassen hatten. Später brachte eine zu diesem Zwecke gegründete Gesellschaft eine Anzahl von Ansiedlern, zumeist in der Nähe des Regierungssitzes Windhuk, auf Farmen unter. Auch ein großer Teil der alljährlich von der Schutztruppe entlassenen Mannschaften blieb als Ansiedler in der Kolonie. Einen bedeutenderen Umfang hat die S. bis zum Ausbruche des großen Eingeborenenaufstandes noch nicht gehabt. Dies änderte sich erst, als nach dem Aufstande mit der Auflösung der alten Stammesorganisationen der Eingeborenen auch die bisher von ihnen innegehabten Landstriche frei wurden. Zunächst waren es die in der Nähe der Staatsbahnstrecke Swakopmund - Windhuk gelegenen Gebiete, zu denen ein starker Zuzug von Ansiedlern erfolgte. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes durch Eröffnung der Otavibahn und der Südbahn wurden auch entfernter liegende Bezirke der Besiedlung zugänglich gemacht. Nach dem amtlichen Jahresbericht 1912/13 ist der Stand der gegenwärtigen Besiedlung folgender: Es bestehen 1331 Farmen mit einem Viehbestand von 168 977 Stück Großvieh und 670 514 Stück Kleinvieh. Die vorhandenen Farmen sind fast durchweg Viehfarmen, Ackerbau und Gartenwirtschaft wird in größerem Maßstabe nur an einigen Stellen, z.B. im Bezirk Grootfontein, im Klein - Windhuker Tale, in der Nähe von Okahandja und an einigen Punkten im äußersten Süden der Kolonie betrieben. Die angebaute Fläche hatte nach dem amtlichen Jahresbericht einen Umfang von 6061 ha. Zur Zeit besteht ein Projekt, durch Schaffung von Stauanlagen im Gebiete des Großen Fischflusses größere Ländereien für Ackerkultur nutzbar zu machen. - In Deutsch-Ostafrika lagen die Verhältnisse für eine Besiedlung von Anfang an wesentlich anders, da schon aus klimatischen Gründen nur sehr eng begrenzte Gebiete als Siedlungsland in Betracht kommen. Es sind dies im Inneren gelegene Hochländer, die zwar nicht überall von tropischen Krankheiten frei sind, aber durch ihr kühleres Klima bis zu einem gewissen Maße dem Europäer eine körperliche Betätigung nach heimischer Art gestatten. Für die S. ist aber das Klima allein nicht ausschlaggebend. Es sind ebenso zu beachten die wirtschaftlichen und sozialen Faktoren: Die Bodenbesitzverhältnisse und Stammesorganisationen der Eingeborenen, die Produktionsmöglichkeiten mit und ohne Bewässerung, die Absatzgelegenheiten für die Produktion und die Verkehrsverbindungen der Siedlungen überhaupt! Bisher konnten nun unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte nur die Abhänge des Kilimandscharo und Meru und die westlich und nordwestlich davon gelegenen Gebiete besiedelt werden, während die anderen Hochländer, insbesondere die im Süden gelegenen, nur die allerersten Anfänge einer Besiedlung zeigen. Der erste Versuch einer planmäßigen Besiedlung fällt in die Jahre 1903 und 1904, indem nach Beendigung des Südafrikanischen Burenkrieges eine Anzahl Burenfamilien zwischen Kilimandscharo und Meru, zunächst gefördert durch die Regierung, sich ansässig machten. Die Hoffnungen, die man auf sie als auf ein besonders zur ersten Besiedlung geeignetes Element setzte, haben sich nur teilweise erfüllt. Eine Anzahl von ihnen schritt nicht z ur Anlage von Farmen, sondern suchte den Lebensunterhalt durch Frachtfahren und Jagen zu erwerben, letzteres oft unter sinnloser Vernichtung der in den reichen Wildbeständen vorhandenen wirtschaftlichen Werte. Gegenwärtig ist ein Teil wieder aus dem deutschen Gebiete fortgezogen, ein Teil fristet unter primitiven Lebensverhältnissen als Frachtfahrer sein Dasein, die besseren Elemente haben dagegen recht ansehnliche Farmen mit guten Viehbeständen und damit beträchtliche wirtschaftliche Werte geschaffen. Im Jahre 1906 wurde dann der Versuch gemacht, eine geschlossene deutsche Ansiedlung am Meruberg ins Leben zu rufen. Das Ostafrikanische Besiedlungskomitee der Deutschen Kolonialgesellschaft unternahm es, einen Teil der in jener Zeit von Rußland nach Kanada auswandernden, deutschen Ansiedler nach Deutsch -Ostafrika zu lenken. So ging zunächst im Jahre 1906 ein Vortrupp von 4 deutsch - russischen Familien mit insgesamt 22 Köpfen nach Deutsch - Ostafrika und siedelte sich am Meruberg in Leganga bei Aruscha im Bezirk Moschi an. Im Oktober desselben Jahres folgten weitere Ansiedler, und im Februar 1907 traf alsdann ein Vertreter des Besiedlungskomitees, der Hauptmann a. D. Leue, in Leganga ein, um durch Errichtung einer Station für den weiteren Ausbau der S. zu sorgen und gleichzeitig die spätere Ansiedlung Reichsdeutscher vorzubereiten. Der Erfolg dieser S. kann gleichwohl als ein besonders geglückter nicht gut bezeichnet werden, da etwa die Hälfte der zugewanderten deutsch- russischen Familien wieder abwanderten und zum Teil sogar als Mittellose aus Deutsch - Ostafrika heimbefördert werden mußte. Im Jahre 1910 erfolgte als ein weiterer Versuch, mit Unterstützung des Gouvernements eine S. ins Leben zu rufen, die Ansiedlung von Palästina - Deutschen (Nachkommen von Württembergern, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. nach Palästina ausgewandert waren). Es werden 8 Familien am Meruberge angesetzt, zwei kehrten aus privaten Gründen bald wieder nach Palästina zurück. Die Palästina - Deutschen haben sich als ein durchaus brauchbares Ansiedlermaterial erwiesen. Sie haben pro Ansiedler durchschnittlich 200 ha Land erhalten, wovon je 100 ha als Kulturland und als Weideland vorgesehen waren. Obwohl unter dem Mangel einer genügenden Zahl von farbigen Arbeitern leidend, ist es ihnen gelungen, außer europäischen Getreidearten Pfirsiche, Apfel, Wein und Orangen anzubauen. Bei den Palästina - Deutschen erwies sich der Umstand, daß sie das Arbeiten in einem heißen, südlichen Klima schon gelernt hatten, als besonders günstig für ihr Fortkommen in der Kolonie. - Eine weitere Ansiedlung in größerem Maßstabe ist in den Gebieten des Kilimandscharo und Meru nicht mehr möglich, da die vorhandenen Ländereien nahezu aufgeteilt sind. Nach den bei der Besiedlung Deutsch- Ostafrikas mit Weißen bisher gemachten Erfahrungen ist wenigstens eine Frage geklärt, nämlich, daß man unterscheiden muß zwischen Kleinsiedlungen und anderen Siedlungen. Unter den ersteren sind solche Siedlungen zu verstehen, bei denen der Ansiedler selbst mit seinen Familienmitgliedern die Arbeiten im Hause und der Wirtschaft besorgt, während er sich hierzu bei der anderen Gruppe auch der Arbeitskraft der Eingeborenen bedient. Der Kleinsiedler braucht eine ständige und möglichst nahe Absatzgelegenheit für seine Produkte, muß den klimatischen Verhältnissen körperlich schwer arbeitend vielmehr gewachsen sein als andere Siedler. Der Gouverneur Dr. Schnee sagt hierüber in seinem Bericht über die Frage der Besiedlung Deutsch - Ostafrikas: "Ich will dahingestellt sein lassen, ob der Ansiedler in dem tropischen Höhenklima dasjenige Maß von körperlicher Arbeit, das für die eigene Bearbeitung der Scholle notwendig ist, auf die Dauer würde leisten können. Dann aber ergibt sich von vornherein die Frage, warum dann gerade nach solchen Orten die Auswanderung solcher Kleinsiedler gelenkt werden soll." Aussichtsreicher erscheinen die ostafrikanischen Siedlungsbestrebungen auf Grund der Erfahrungen der Kommission, die unter Führung des damaligen Unterstaatssekretärs Dr. v. Lindequist im Jahre 1908 die im tropischen Höhenklima gelegenen Siedlungsgebiete Deutsch - Ostafrikas bereiste, und deren Ergebnisse im 147. Bande der Schriften des Vereins für Sozialpolitik niedergelegt sind. Die Kommission hat durch an Ort und Stelle ausgeführte Untersuchungen versucht, sich ein Bild von der Besiedlungsmöglichkeit Deutsch - Ostafrikas zu machen, wobei großer Wert auf die eigenen Angaben der Siedler gelegt wurde. Sie faßt die Ergebnisse der in dem Hauptsiedlungsgebiet am Kilimandscharo und Meru angestellten Untersuchungen dahin zusammen, daß Gesundheitszustand und Kulturzustand dieselben seien wie in der Heimat der betreffenden Ansiedler, wobei zu berücksichtigen sei, daß Deutsche, Buren, Russen, Griechen bedeutende Unterschiede in der Lebenshaltung wie in der Gesundheitspflege aus ihren Vaterländern mitgebracht haben. Großes Gewicht auf eine rein sachliche Beurteilung der Siedlungsmöglichkeit von Fall zu Fall unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und soizalen neben den natürlichen Verhältnissen legte der derzeitige Staatssekretär des Reichs-Kolonialamts Dr. Solf in seiner Reichstagsrede vom 9. März 1914. Auch er rechnete zu den unbestrittenen Siedlungskolonien nur Südwestafrika und läßt Samoa nur unter gewissen Einschränkungen als Siedlungskolonie in diesem Sinne gelten. Über die Besiedlungsfähigkeit der Hochplateaus von Deutsch -Ostafrika und Kamerun ist er der Ansicht, daß diese von Weißen besiedelt werden könnten, wenn eine Wassererschließung vorgenommen würde und ferner diese Gebiete Anschluß an das Verkehrsnetz der betreffenden Kolonien hätten. Siedlungen von Weißen in den tropischen Gebieten und Küstenstrichen seien nicht möglich. In der Südsee findet sich in kleinerem Maßstabe eine Kleinsiedlung von Weißen auf dem Baininggebirge auf der Gazellehalbinsel Neupommerns. Es sind hier eine Anzahl von Bauern aus Queensland im Jahre 1905 angesiedelt worden. Die Absicht war, eine Bauernsiedlung nach europäischer Art ins Leben zu rufen. Infolge des Klimas, wozu noch die Malaria kam, waren die Leute aber bald nicht mehr imstande, jede Arbeit im Freien zu verrichten, so daß sie ihr farbiges Personal vermehren mußten. Aus der Kleinsiedlung wurde eine Pflanzungskolonie mit farbigen Hilfskräften. - Auf den Samoainseln sind von den Besitzern der kleineren Pflanzungen und von den zahlreichen weißen Kaufleuten und Handwerkern, die einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb haben, einige schon Jahrzehnte ansässig. Trotzdem wird man nach den bisherigen bevölkerungspolitischen Erfahrungen Samoa nicht als eine Siedlungskolonie im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnen können. - Im Zusammenhang mit der Weißensiedlung, der kolonialen Siedlung im engeren Sinne, soll hier auch, um dem kolonialen Siedlungsbegriff im weiteren Sinne gerecht zu werden, die in einigen Schutzgebieten stattgefundene Ansiedlung von nichteingeborenen Farbigen innerhalb eines Stammesgebietes erwähnt werden. Solche Ansiedlungen fanden früher wiederholt aus politischen Gründen durch die Regierungen der betreffenden Schutzgebiete z. B. in Deutsch - Südwestafrika und der Südsee, innerhalb der Kolonien statt. Gegenwärtig sind meist wirtschaftliche Gründe hierfür maßgebend, besonders, um in Pflanzungsgebieten einen brauchbaren Arbeiterstamm zur Verfügung zu haben oder um an einigen Stellen eine höherstehende Eingeborenenschicht, als es die vorhandenen Stämme sind, zu schaffen. So sind die Ansiedlungen auf den Samoainseln und die malaiische Siedlung auf Eitape (Deutsch-Neuguinea) entstanden. Die Organisation dieser Eingeborenensiedlungen, ihre Stellung zur autochthonen Bevölkerung, bietet für die Regierungen manche Schwierigkeiten. Die Frage der Anpassung an das Tropenklima spielt dagegen bei diesen Siedlungen von nichteingeborenen Farbigen an sich keine Rolle, da diese ja dieses Klima gewöhnt sind. Wohl aber leiden die Eingeborenen bei solchen Übersiedlungen oft sehr durch sonstige Abweichungen von dem gewohnten Klima und von den gewohnten natürlichen Verhältnissen überhaupt.

Literatur: Förster, Die Siedelung am Kilimandjaro u. Meru, Kol. Abhandlungen Nr. 12, Berl. 1907. - v. Lindequist, Deutsch - Ostafrika als Siedelungsgebiet für Europäer (Ansiedelung von Europäern in den Tropen, Bd. 1), München u. Leipzig 1912. - Steudel, Die Kleinsiedelungen am Meruberg, Kol. - Blatt 1912, S. 483 ff. Schnee, Zur Frage der Besiedelung Deutsch -Ostafrikas, Kol. - Blatt 1913, S. 260. - Solf, Rede in der Sitzung des Reichtags vom 9. März 1914, RT. Drucks. 13. Legisl. - P. I. Session 1912/14, 231. Sitzung.

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