Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 358 f.

Sippen. Alle Personen, die sich durch gemeinsame, Abstammung verbunden fühlen, bilden die S. Jede Person stammt von Vater und Mutter ab, doch wird gewöhnlich nur die eine Linie beachtet. Gründet sich die Verwandtschaft nur auf die Gemeinschaft des väterlichen Blutes, so spricht man von Vater -S., im anderen Falle von Mutter - S. Vom Standpunkte der Kinder aus handelt es sich dann um Vaterfolge oder Mutterfolge. Die Herrschaft des Mannes in der Familie, das Patriarchat, pflegt mit der Vater - S. verbunden zu sein; in der Mutter - S. kann Matriarchat, d.h. die Herrschaft der Mutter in der Familie, bestehen, doch sind auch dann die Kinder meist unter der Gewalt eines Mannes, und zwar des Vaters, des Bruders oder, falls ein solcher fehlt, des nächsten männlichen Verwandten der Mutter. Dementsprechend liegt auch die Führung der Mutter - S. der Regel nach in der Hand eines Mannes (Androkratie), während Frauenherrschaft (Gynäkokratie) auch in der Vater - S. etwa durch Erbgang vorkommen kann. - Die Mutter - S. ist weit verbreitet; die Abstammung durch die Mutter ist bei lockeren Eheverhältnissen die weitaus sicherere, überdies überall dort die einzige, wo die ursächliche Verknüpfung von Beischlaf und Geburt nicht erkannt ist. Da letzteres ursprünglich wohl allgemein der Fall war, ist auch die Mutter - S. als die ursprüngliche Form der S. anzusehen. In ihr liegt die Fürsorge für die Kinder allein der Mutter und ihren Verwandten ob, der angeheiratete Vater rechnet nicht dazu; die Kinder erhalten von der Mutter und deren Bruder die Unterweisung, von ihnen erben sie Rang, Besitz, Anrecht auf Nutznießung des S.eigentums.; hat ein Mann Geiseln oder Bürgen zu stellen, so sind nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester die vollgültigen oder wertvolleren; stirbt die Mutter, so zieht der Vater zu seiner eigenen S. zurück, die Kinder verbleiben den Verwandten der Mutter (s. a. Matriarchat). - Ein besonderes Merkmal der S.organisation ist die Exogamie, d.h. das strenge Verbot der Eheschließung und des Geschlechtsverkehrs zwischen Angehörigen der gleichen Sippe. Daher sind der Regel nach mindestens zwei S. (A und B) durch Zwischenheiraten miteinander verbunden. Der A - Mann heiratet eine B -Frau, ihre B - Tochter heiratet wieder einen A - Mann, deren B - Sohn eine A - Frau, und der letzteren Kinder gehören wieder der Sippe A an. Die Bezeichnung der S. ergibt sich aus dem Totemismus (s.d.), insofern das Totem als mythischer Ahn gilt und alle seine Abkömmlinge als blutsverwandt angesehen werden (s. Ehe der Naturvölker). In der typischen S. ist die aus Eltern und Kindern bestehende Familie zwar vorhanden, sie hat aber keine Bedeutung. Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Verwandtschaftsbezeichnung, die nicht von der Familie ausgeht, sondern von der Generationenreihe (s. Verwandtschaft). Auch das Individuum tritt nicht selbständig hervor. Begeht ein S.genosse ein Verbrechen, so ist die ganze S. haftbar und stellt z.B. statt des eigentlichen Täters irgendeinen anderen Mann zur Bestrafung. Umgekehrt hat sie die Pflicht der Blutrache, wenn eines ihrer Mitglieder erschlagen wurde, und nimmt sie an irgendeinem Mitgliede der S., der der Täter angehört. Neben dem totemistischen Ahnendienst ist vor allem die Wirtschaftsform für den Bestand der S. bedeutungsvoll. Die S.angehörigen wohnen zusammen (S.dörfer in Melanesien und Afrika), die S. ist Eigentümerin der Jagd- oder Weidegebiete, des anbaufähigen Landes, der Fischgründe an der Küste, und das Land wird mitunter geradezu als Eigentum der Ahnen bezeichnet. Auf Grund seiner Zugehörigkeit zur S. hat der einzelne ein Nutzungsrecht, das bei seinem Tode an die S. zurückfällt. Daher kann auch kein einzelner Grund und Boden verkaufen, sondern allein die S. durch ihren Vertreter. Die größte Macht erlangt die S. dort, wo sie Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft ist, also auch allein Anrecht auf die Jagdbeute, die Ernte oder den Arbeitsverdienst des einzelnen hat, die allen Genossen zustehen. Schurtz hat die Entstehung der S. aus den kleinen Familienhorden durch den Geselligkeitstrieb der Männer zu erklären versucht. Danach hätten sich die Männer zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, Frauen und Kinder mehr oder weniger sich selbst überlassen, so daß der Frau naturgemäß die Hauptrolle in der Blutsverwandtschaft zufiel. Erst eine Lockerung der Männerbünde soll dann die Interessen der Männer der Familie zugewandt haben, in der sie dann bald die Herrschaft an sich nahmen. Die Folge war dann die Wandlung der Mutter - S. zur Vater - S., das Hervortreten der Familie in der S., die Minderung des Kommunismus, das Erscheinen von Privatbesitz usw. Mag diese Theorie sich bestätigen oder nicht, so ist doch wohl die Vaterfolge als die jüngere Form anzusehen, obgleich sie gelegentlich neben der Mutterfolge besteht (Herero). Auch im Erbgang tritt das hervor, wenn bei den Wanjamwesi die Kinder Eigentum des Vaters sind, aber ihren Mutterbruder beerben, oder bei den Ewe die Söhne Haus und Land des Vaters erben, während der bewegliche Besitz den Neffen und Nichten zufällt. Auch Herden oder Fruchtbäume sind Privatbesitz, und das Land, das ein Bauer außerhalb des S.landes urbar macht und nutzt, kann sein Eigentum werden. Solche der straffen Organisation der Mutter - S. widersprechende Besonderheiten sind heute häufiger als die typische Form; Neffenerbrecht oder Totemismus oder gemeinsames Landeigentum können die einzigen oder Hauptkennzeichen für das Bestehen einer S.organisation sein. Faßt man diese Dinge entwicklungsgeschichtlich auf, so ist die S. schon längere Zeit in der Umwandlung u nd Auflösung begriffen und wird durch die Einzelfamilie und eine höhere Stammes- oder Staatsorganisation ersetzt.

Literatur: E. Große, Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft, Freiburg 1896. - H. Schurtz, Altersklassen und Männerbünde, Berlin 1902. - F. Starcke, Die primitive Familie, Leipzig 1888.

Thilenius.