| Sisalagaven (s. Farbige Tafel ). Unter dem Namen S. werden
die
heute am meisten kultivierten und für den Welthandel Fasern liefernden Agaven
zusammengefaßt. Früher unterschied man zwei Varietäten der Agave rigida
und zwar die var. elongata und die var. sisalana. Die erstere ist der sog.
Hennequen, die Sacci, der weiße Sisal oder die Silberagave, die andere der Hennequen verde,
die Yaxci oder der grüne Sisal. Dazu kam noch eine im Ostindischen
Archipel
kultivierte, ebenfalls Agave rigida var. elongata genannte, Form, die Cantula. -Heute hält man diese drei für
selbständige.
Arten. Der weiße Sisal ist A. fourcroydes, der grüne A. sisalana und die
Cantula A. cantula. Die erste Art hat meist hellgrüne, silberweiß
schimmernde,
sehr steife Blätter mit reichlichen, nach unten gekrümmten Randdornen und
einem kräftigen Enddorn, die zweite blaugrüne oder dunkelgrüne, weniger
starr aufrechte, selten mit Randdornen versehene Blätter. Die Farbe der
Blätter steht bei der dritten Art zwischen derjenigen der beiden ersten.
Sie tragen nach oben gekrümmte Randdornen und wesentlich längere
Enddornen.
Agave fourcroydes ist fast ausschließlich die Stammpflanze der aus
Mittelamerika
(Yukatan, Mexiko) und Kuba stammenden, meist Sisal oder Yukatansisal
genannten
Faser. Sie liefert etwa 90 %, der Handelsware. Agave sisalana stammt
ebenfalls
aus Mittelamerika und wird dort in geringem Umfange für den einheimischen
Gebrauch kultiviert. Über Florida kam sie nach den Bahamainseln, nach
Hawai,
Java, Deutsch - Ostafrika, Bengalen und Hinterindien. Sie ist die am
meisten
außerhalb des Heimatgebietes kultivierte Agave. Sie liefert die beste
Faser
unter den drei Arten. Es ist angeregt worden, den Namen Sisal allein für
sie festzulegen. Agave cantula scheint sehr frühzeitig von Amerika nach
H interindien eingeführt worden zu sein. Heute wird sie auf den
Philippinen,
Java und in geringem Umfange in Britisch - Ostindien kultiviert. Ihr Hanf wird ebenfalls als sehr wertvoll bezeichnet. Sie
soll auch auf schwerem Boden gut gedeihen und sogar auf ganz leichtem noch
fortkommen. Außerdem ist sie gegen Nässe nicht so empfindlich wie die
andern.
Für den Anbau kommen vor allem Agave sisalana und A. cantula in Betracht.
Da die erstere fast ausschließlich die Stammpflanze des
deutschostafrikanischen
Sisals ist, so seien die Kulturbedingungen und der Anbau für diese hier
näher besprochen. Man war früher allgemein der Meinung, daß die Agaven auf
einem trockenen, sandigen Boden gut gedeihen und daß ein gewisser
Nährstoffreichtum
ihnen nicht schadete. Später wurde festgestellt, daß kalkreicher
Untergrund
das Wachstum wesentlich beförderte. Man kann heute nach den Erfahrungen
in Deutsch - Ostafrika die Bedingungen ungefähr dahin zusammenfassen, daß
die Kultur der Agaven auf ausgesprochen lehmigem oder nährstoffarmem,
sandigem
Boden nicht anzuraten ist, daß das Vorhandensein von Kalk
nur fördernd wirkt, daß aber Kalkarmut bei sonstigen guten
Bodenverhältnissen
die Kultur nicht ausschließt. Gut verwitterte, nicht allzu feste, etwas
humusführende und durchlässige Böden scheinen das beste für die
Anpflanzungen
zu sein. Der S. verlangt viel Sonne, mäßigen, leichten Regen und gute
Luftfeuchtigkeit.
Schattengebende Bäume und Zwischenkulturen sind daher durchaus zu
vermeiden.
Schwere Tropenregen schaden vor allem den Wurzeln., Als wünschenswerte
Regenmenge
werden 700 - 1200 mm angegeben. Die Luftfeuchtigkeit beträgt in Mexiko 73
- 89 %. Die Anzucht erfolgt, am häufigsten durch Wurzelschößlinge, in
geringerem
Umfange durch Bulbillen. Bulbillen sind kleine Knospen, die an Stelle der
Blüten entstehen und zu jungen Pflanzen
auswachsen. Ihre Verwendung ist überall da zu empfehlen, wo für den Bezug
von Pflanzenmaterial längere Transporte nötig sind. Die Bulbillen werden
allgemein
zunächst in Saatbeeten weiter entwickelt, während die Wurzelschößlinge
meist
an Ort und Stelle eingesetzt werden. Bei der Verwendung der letzteren ist
möglichst darauf zu achten, daß annähernd gleich kräftige Pflanzen für
eine
Feldeinheit ausgewählt werden. Nach verschiedenen Wandlungen wird heute
als normale Pflanzweite 2,25m zu 1,25 m vorgeschlagen. Vor engerer
Pflanzung
wird entschieden gewarnt. Sind Zwischenkulturen beabsichtigt, so
empfiehlt
sich 2,5 m im Quadrat zu pflanzen. In den ersten beiden Jahren sind die
jungen Pflanzungen gründlich rein zu
halten. Später kann der Graswuchs zur Beschattung des Bodens geduldet
werden.
Über Zwischenkulturen gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls sind
Pflanzen,
die den Sisal beschatten oder gar in ihn hineinwachsen, zu vermeiden. Man
kann durch geeignete. Zwischenkultur allerdings die Kosten der Reinigung
in den ersten Jahren verringern. Da man in Ostafrika mit einer Lebensdauer
von nur etwa 7 - 10 Jahren für die Sisalplantagen rechnet - zu dieser Zeit
fängt die größere Zahl der Pflanzen an, Blütenschäfte zu treiben -, so ist
es notwendig, rechtzeitig an die Anlage neuer Pflanzungen zu denken. Auf
guten Böden kann man die neue Pflanzung zunächst in die Zwischenräume der
alten setzen. Rationeller ist aber, ein neues Gebiet in Angriff zu nehmen
und dessen Größe so einzurichten, daß man stets dieselbe Zahl
schnittreifer
Agaven hat und für das zurzeit eingehende Feld eine längere Ruhezeit
möglich
ist. Die Schnittreife der Pflanzen variiert je nach den Kulturbedingungen.
Im Durchschnitt kann man annehmen, daß drei Jahre nach der Anlage mit dem
ersten Schnitt begonnen werden kann. Je früher der Schnitt beginnt, desto
früher ist auch meist der Lebensprozeß der Pflanzen beendet. Man rechnet
auf eine Pflanze etwa 200 Blätter für die Lebenszeit. Neben der
rationellen
Kultur findet sich in Deutsch - Ostafrika die sog. Wildkultur, bei der die
Wurzelschößlinge nicht regelmäßig entfernt werden, sondern sich selbst
überlassen
werden und als Nachwuchs und Ergänzung der Plantage dienen. Die
Bewirtschaftung
eines solchen Betriebes ist wesentlich leichter, erschwert aber die Ernte
und liefert ein ungleiches Blattmaterial. Der rationellen Kultur gehört
zweifellos die Zukunft. Die geschnittenen Blätter müssen möglichst am Tage
der Ernte aufbereitet werden. Hierfür gibt es eine Reihe von erprobten
Maschinen,
für Hand- oder einfachen Maschinenbetrieb die gewöhnlichen Raspadoren
(Leistung
10 000 Blätter pro Tag), für größere Anlagen die fast automatisch
arbeitenden
Neu - Corona - Maschinen (Leistung 100 000 Blätter pro Tag, s. Landwirtschaftliche
Geräte und Maschinen). Das Prinzip dieser Maschinen beruht darauf, daß
ein rotierender, mit Schlagmessern besetzter Zylindermantel sich an einem
verstellbaren Widerlager vorbeibewegt. Zwischen d ieses Widerlager und die
daran vorbeistreifenden Schlagmesser wird das frische Blatt zur Hälfte
hineingesteckt.
Die Messer Schaben die Oberhaut und das Fleisch der Blätter
herunter, und die Fasern werden frei gelegt. Ist dies hinreichend
geschehen,
so wird das Blatt herausgezogen und die andere Hälfte bearbeitet. Bei den
komplizierteren Maschinen werden die Blätter durch ein Band ohne Ende
automatisch
herangeführt und nacheinander von zwei hinter einander stehenden
Raspadoren
rechts und links abgeschabt. Der Hanf wird dann gespült, um ihn von den
noch anhaltenden Gewebsteilen und dem Rest des Blattsaftes zu befreien.
Für diese Zwecke ist es wünschenswert, ausreichend fließendes Wasser in
der Nähe der Fabrik zu haben, sonst ist die Anlage gemauerter Bassins und
eines Wasserreservoirs zur Bedienung derselben erforderlich. Der Hanf wird
darauf in den schwach mit Wasser beschickten Bassins mit den Füßen
ausgetreten.
Nach vorsichtigem Ausschütteln kommt er etwa 3 - 4 Stunden auf besondere
Gestelle zum Trocknen. Durch kräftigen Sonnenschein geht auch der letzte
grüne Schimmer aus der Faser verloren, und man erhält ein rein weißes
Produkt.
Der getrocknete Hanf passiert nun noch Maschinen mit rotierenden Bürsten,
die die etwas verklebten Fasern wieder lockern und den letzten Rest der
Schäbe entfernen. Beim Verpacken ist ein Verknoten und Verfilzen der
Fasern
unbedingt zu vermeiden. Die Faserbündel müssen möglichst vorsichtig
zusammengelegt
in die Ballenpressen gebracht werden. Die Sisalballen haben in der Regel
ein Gewicht von 200 kg, werden in Juteleinen eingehüllt und mit eisernen
Bändern zusammengehalten. Aus der Art der Aufbereitung geht zur Genüge
hervor,
daß eine Sisalplantage ohne genügendes Wasser nicht leistungsfähig ist.
Es ist ferner erwünscht, die Fabrik so anzulegen, daß sie von dem gesamten
Pflanzenareal möglichst gleich weit entfernt liegt. - Die bei der
Fabrikation
sich ergebenden längeren Abfälle werden. zum Teil zu Stricken für den
eigenen
Bedarf verarbeitet. Die kürzeren hat man versuchsweise zu Briketts
gepreßt,
um sie als Heizmaterial zu verwerten. Auch aus den Abfällen der Blätter
hat man versucht, Nebenprodukte wie Alkohol usw. zu gewinnen, bis jetzt aber ohne
nennenswerten
Erfolg. - Die Sisalkultur ist durchaus Großplantagenbetrieb. Eine
Pflanzung
mit einer Million Agaven bedarf eines Betriebskapitals von 500 000 M. Die
Sisalkultur in Deutsch-Ostafrika
lieferte
im Jahre 1901: 15 tons, 1905: 1400 tons, im Jahre 1910: 7000 tons, 1912:
16 000 tons und für die letzte Saison werden 20 000 tons erwartet. Der
Hanf
ist durchweg von sehr guter Qualität und übertrifft alle Fasern verwandter
Agaven. Er ist allmählich in sehr ernsten Wettbewerb mit dem Manilahanf getreten und gewinnt immer mehr an
Boden neben diesem. Mittelamerika produzierte 1912 rund 140 000 Tonnen,
Java 4000 t und die Bahamainseln 3000 t. Solange der deutsch -
ostafrikanische
Sisal sich auf der Höhe seiner Qualität hält, dürfte eine Ausdehnung der
Produktion mit gutem Gewissen angeraten werden.
Die Preise für die Tonne schwankten in den Jahren 1900 bis 1912 zwischen
470 und 860 M. Der durchschnittliche Preis 1912 betrug ungefähr 600 bis
650 M.
Literatur: K. Braun, Die Agaven, ihre Kultur und Verwendung, mit
besonderer Berücksichtigung von A. rigida var. sisalana, Engelm., Der Pflanzer,
1906 u. 1908 (hier vollständige Literaturübersicht). - J. Dekker, Vezelstoffen,
Agave - vezels, in: Van Gorkom's Oost -Indische cultures, Bd. III, 500/24.
Amsterdam 1913 (Bussy). - W. F. Bruck, Die Sisalkultur in Deutsch -Ostafrika,
Arbeiten der Deutschen Landwirtschafts -Gesellschaft, Heft 244. Berl. .1913
(Selbstverlag). 70 S. -Derselbe, Praktische Anleitung zur Kultur der Sisalagave
in Deutsch - Ostafrika. Berl. 1913 (Kolonial -Wirtschaftliches Komitee). 20 S., Voigt.
|