Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 360 ff.

Sisalagaven (s. Farbige Tafel ). Unter dem Namen S. werden die heute am meisten kultivierten und für den Welthandel Fasern liefernden Agaven zusammengefaßt. Früher unterschied man zwei Varietäten der Agave rigida und zwar die var. elongata und die var. sisalana. Die erstere ist der sog. Hennequen, die Sacci, der weiße Sisal oder die Silberagave, die andere der Hennequen verde, die Yaxci oder der grüne Sisal. Dazu kam noch eine im Ostindischen Archipel kultivierte, ebenfalls Agave rigida var. elongata genannte, Form, die Cantula. -Heute hält man diese drei für selbständige. Arten. Der weiße Sisal ist A. fourcroydes, der grüne A. sisalana und die Cantula A. cantula. Die erste Art hat meist hellgrüne, silberweiß schimmernde, sehr steife Blätter mit reichlichen, nach unten gekrümmten Randdornen und einem kräftigen Enddorn, die zweite blaugrüne oder dunkelgrüne, weniger starr aufrechte, selten mit Randdornen versehene Blätter. Die Farbe der Blätter steht bei der dritten Art zwischen derjenigen der beiden ersten. Sie tragen nach oben gekrümmte Randdornen und wesentlich längere Enddornen. Agave fourcroydes ist fast ausschließlich die Stammpflanze der aus Mittelamerika (Yukatan, Mexiko) und Kuba stammenden, meist Sisal oder Yukatansisal genannten Faser. Sie liefert etwa 90 %, der Handelsware. Agave sisalana stammt ebenfalls aus Mittelamerika und wird dort in geringem Umfange für den einheimischen Gebrauch kultiviert. Über Florida kam sie nach den Bahamainseln, nach Hawai, Java, Deutsch - Ostafrika, Bengalen und Hinterindien. Sie ist die am meisten außerhalb des Heimatgebietes kultivierte Agave. Sie liefert die beste Faser unter den drei Arten. Es ist angeregt worden, den Namen Sisal allein für sie festzulegen. Agave cantula scheint sehr frühzeitig von Amerika nach H interindien eingeführt worden zu sein. Heute wird sie auf den Philippinen, Java und in geringem Umfange in Britisch - Ostindien kultiviert. Ihr Hanf wird ebenfalls als sehr wertvoll bezeichnet. Sie soll auch auf schwerem Boden gut gedeihen und sogar auf ganz leichtem noch fortkommen. Außerdem ist sie gegen Nässe nicht so empfindlich wie die andern. Für den Anbau kommen vor allem Agave sisalana und A. cantula in Betracht. Da die erstere fast ausschließlich die Stammpflanze des deutschostafrikanischen Sisals ist, so seien die Kulturbedingungen und der Anbau für diese hier näher besprochen. Man war früher allgemein der Meinung, daß die Agaven auf einem trockenen, sandigen Boden gut gedeihen und daß ein gewisser Nährstoffreichtum ihnen nicht schadete. Später wurde festgestellt, daß kalkreicher Untergrund das Wachstum wesentlich beförderte. Man kann heute nach den Erfahrungen in Deutsch - Ostafrika die Bedingungen ungefähr dahin zusammenfassen, daß die Kultur der Agaven auf ausgesprochen lehmigem oder nährstoffarmem, sandigem Boden nicht anzuraten ist, daß das Vorhandensein von Kalk nur fördernd wirkt, daß aber Kalkarmut bei sonstigen guten Bodenverhältnissen die Kultur nicht ausschließt. Gut verwitterte, nicht allzu feste, etwas humusführende und durchlässige Böden scheinen das beste für die Anpflanzungen zu sein. Der S. verlangt viel Sonne, mäßigen, leichten Regen und gute Luftfeuchtigkeit. Schattengebende Bäume und Zwischenkulturen sind daher durchaus zu vermeiden. Schwere Tropenregen schaden vor allem den Wurzeln., Als wünschenswerte Regenmenge werden 700 - 1200 mm angegeben. Die Luftfeuchtigkeit beträgt in Mexiko 73 - 89 %. Die Anzucht erfolgt, am häufigsten durch Wurzelschößlinge, in geringerem Umfange durch Bulbillen. Bulbillen sind kleine Knospen, die an Stelle der Blüten entstehen und zu jungen Pflanzen auswachsen. Ihre Verwendung ist überall da zu empfehlen, wo für den Bezug von Pflanzenmaterial längere Transporte nötig sind. Die Bulbillen werden allgemein zunächst in Saatbeeten weiter entwickelt, während die Wurzelschößlinge meist an Ort und Stelle eingesetzt werden. Bei der Verwendung der letzteren ist möglichst darauf zu achten, daß annähernd gleich kräftige Pflanzen für eine Feldeinheit ausgewählt werden. Nach verschiedenen Wandlungen wird heute als normale Pflanzweite 2,25m zu 1,25 m vorgeschlagen. Vor engerer Pflanzung wird entschieden gewarnt. Sind Zwischenkulturen beabsichtigt, so empfiehlt sich 2,5 m im Quadrat zu pflanzen. In den ersten beiden Jahren sind die jungen Pflanzungen gründlich rein zu halten. Später kann der Graswuchs zur Beschattung des Bodens geduldet werden. Über Zwischenkulturen gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls sind Pflanzen, die den Sisal beschatten oder gar in ihn hineinwachsen, zu vermeiden. Man kann durch geeignete. Zwischenkultur allerdings die Kosten der Reinigung in den ersten Jahren verringern. Da man in Ostafrika mit einer Lebensdauer von nur etwa 7 - 10 Jahren für die Sisalplantagen rechnet - zu dieser Zeit fängt die größere Zahl der Pflanzen an, Blütenschäfte zu treiben -, so ist es notwendig, rechtzeitig an die Anlage neuer Pflanzungen zu denken. Auf guten Böden kann man die neue Pflanzung zunächst in die Zwischenräume der alten setzen. Rationeller ist aber, ein neues Gebiet in Angriff zu nehmen und dessen Größe so einzurichten, daß man stets dieselbe Zahl schnittreifer Agaven hat und für das zurzeit eingehende Feld eine längere Ruhezeit möglich ist. Die Schnittreife der Pflanzen variiert je nach den Kulturbedingungen. Im Durchschnitt kann man annehmen, daß drei Jahre nach der Anlage mit dem ersten Schnitt begonnen werden kann. Je früher der Schnitt beginnt, desto früher ist auch meist der Lebensprozeß der Pflanzen beendet. Man rechnet auf eine Pflanze etwa 200 Blätter für die Lebenszeit. Neben der rationellen Kultur findet sich in Deutsch - Ostafrika die sog. Wildkultur, bei der die Wurzelschößlinge nicht regelmäßig entfernt werden, sondern sich selbst überlassen werden und als Nachwuchs und Ergänzung der Plantage dienen. Die Bewirtschaftung eines solchen Betriebes ist wesentlich leichter, erschwert aber die Ernte und liefert ein ungleiches Blattmaterial. Der rationellen Kultur gehört zweifellos die Zukunft. Die geschnittenen Blätter müssen möglichst am Tage der Ernte aufbereitet werden. Hierfür gibt es eine Reihe von erprobten Maschinen, für Hand- oder einfachen Maschinenbetrieb die gewöhnlichen Raspadoren (Leistung 10 000 Blätter pro Tag), für größere Anlagen die fast automatisch arbeitenden Neu - Corona - Maschinen (Leistung 100 000 Blätter pro Tag, s. Landwirtschaftliche Geräte und Maschinen). Das Prinzip dieser Maschinen beruht darauf, daß ein rotierender, mit Schlagmessern besetzter Zylindermantel sich an einem verstellbaren Widerlager vorbeibewegt. Zwischen d ieses Widerlager und die daran vorbeistreifenden Schlagmesser wird das frische Blatt zur Hälfte hineingesteckt. Die Messer Schaben die Oberhaut und das Fleisch der Blätter herunter, und die Fasern werden frei gelegt. Ist dies hinreichend geschehen, so wird das Blatt herausgezogen und die andere Hälfte bearbeitet. Bei den komplizierteren Maschinen werden die Blätter durch ein Band ohne Ende automatisch herangeführt und nacheinander von zwei hinter einander stehenden Raspadoren rechts und links abgeschabt. Der Hanf wird dann gespült, um ihn von den noch anhaltenden Gewebsteilen und dem Rest des Blattsaftes zu befreien. Für diese Zwecke ist es wünschenswert, ausreichend fließendes Wasser in der Nähe der Fabrik zu haben, sonst ist die Anlage gemauerter Bassins und eines Wasserreservoirs zur Bedienung derselben erforderlich. Der Hanf wird darauf in den schwach mit Wasser beschickten Bassins mit den Füßen ausgetreten. Nach vorsichtigem Ausschütteln kommt er etwa 3 - 4 Stunden auf besondere Gestelle zum Trocknen. Durch kräftigen Sonnenschein geht auch der letzte grüne Schimmer aus der Faser verloren, und man erhält ein rein weißes Produkt. Der getrocknete Hanf passiert nun noch Maschinen mit rotierenden Bürsten, die die etwas verklebten Fasern wieder lockern und den letzten Rest der Schäbe entfernen. Beim Verpacken ist ein Verknoten und Verfilzen der Fasern unbedingt zu vermeiden. Die Faserbündel müssen möglichst vorsichtig zusammengelegt in die Ballenpressen gebracht werden. Die Sisalballen haben in der Regel ein Gewicht von 200 kg, werden in Juteleinen eingehüllt und mit eisernen Bändern zusammengehalten. Aus der Art der Aufbereitung geht zur Genüge hervor, daß eine Sisalplantage ohne genügendes Wasser nicht leistungsfähig ist. Es ist ferner erwünscht, die Fabrik so anzulegen, daß sie von dem gesamten Pflanzenareal möglichst gleich weit entfernt liegt. - Die bei der Fabrikation sich ergebenden längeren Abfälle werden. zum Teil zu Stricken für den eigenen Bedarf verarbeitet. Die kürzeren hat man versuchsweise zu Briketts gepreßt, um sie als Heizmaterial zu verwerten. Auch aus den Abfällen der Blätter hat man versucht, Nebenprodukte wie Alkohol usw. zu gewinnen, bis jetzt aber ohne nennenswerten Erfolg. - Die Sisalkultur ist durchaus Großplantagenbetrieb. Eine Pflanzung mit einer Million Agaven bedarf eines Betriebskapitals von 500 000 M. Die Sisalkultur in Deutsch-Ostafrika lieferte im Jahre 1901: 15 tons, 1905: 1400 tons, im Jahre 1910: 7000 tons, 1912: 16 000 tons und für die letzte Saison werden 20 000 tons erwartet. Der Hanf ist durchweg von sehr guter Qualität und übertrifft alle Fasern verwandter Agaven. Er ist allmählich in sehr ernsten Wettbewerb mit dem Manilahanf getreten und gewinnt immer mehr an Boden neben diesem. Mittelamerika produzierte 1912 rund 140 000 Tonnen, Java 4000 t und die Bahamainseln 3000 t. Solange der deutsch - ostafrikanische Sisal sich auf der Höhe seiner Qualität hält, dürfte eine Ausdehnung der Produktion mit gutem Gewissen angeraten werden. Die Preise für die Tonne schwankten in den Jahren 1900 bis 1912 zwischen 470 und 860 M. Der durchschnittliche Preis 1912 betrug ungefähr 600 bis 650 M.

Literatur: K. Braun, Die Agaven, ihre Kultur und Verwendung, mit besonderer Berücksichtigung von A. rigida var. sisalana, Engelm., Der Pflanzer, 1906 u. 1908 (hier vollständige Literaturübersicht). - J. Dekker, Vezelstoffen, Agave - vezels, in: Van Gorkom's Oost -Indische cultures, Bd. III, 500/24. Amsterdam 1913 (Bussy). - W. F. Bruck, Die Sisalkultur in Deutsch -Ostafrika, Arbeiten der Deutschen Landwirtschafts -Gesellschaft, Heft 244. Berl. .1913 (Selbstverlag). 70 S. -Derselbe, Praktische Anleitung zur Kultur der Sisalagave in Deutsch - Ostafrika. Berl. 1913 (Kolonial -Wirtschaftliches Komitee). 20 S.,

Voigt.