Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 362 ff.

Sklavenhandel. Der Kampf gegen den S. richtete sich ursprünglich gegen die Versorgung der Pflanzungsgebiete Amerikas mit Negersklaven aus dem tropischen Westafrika. Insofern hat er seit dem Aufhören der Sklaverei in Amerika nur noch historisches Interesse. Die Existenz der Sklaverei in den unabhängigen mohammedanischen Staaten in Nordafrika und dem westlichen Asien ließ aber den afrikanischen S. zur Versorgung des dortigen Bedarfs bestehen, ja seit den siebziger Jahren scheint er mit der Belebung des Handels, namentlich der wachsenden Nachfrage nach Elfenbein, einen neuen Aufschwung genommen zu haben. Lastentragen und S. gingen Hand in Hand. Seit die Sklavenausfuhr im Westen aufgehört hatte, vollzog sich der S. auf drei Wegen a) aus dem Sudan (Zentrum Bornu) nach Marokko und Tripolis; b) vom oberen Nil (Zentrum Khartum und Gondokoro) übers Rote Meer; c) von der ostafrikanischen Küste südlich nach Madagaskar nördlich nach Sansibar und weiter nach Arabien und Persien. Der erste Weg hatte keine so große Bedeutung wie die beiden anderen. Für diese erfolgte die Versorgung vor allem aus dem Gebiet der großen Seen und den westlich anstoßenden Ländern zum oberen Kongo hin, die von den arabischen Sklavenhändlern aufs furchtbarste verwüstet wurden. Der Kampf gegen den S. hatte sich zunächst auf den Transport der Sklaven über See gerichtet, dessen Unterdrückung nur auf dem Wege internationaler Vereinbarungen über das Durchsuchungsrecht möglich war. Die Erklärung des Wiener Kongresses (8. Febr. 1815) hatte freilich nur theoretische Bedeutung gehabt. Aber der Vertrag der Großmächte vom 20. Dez. 1841, den jedoch Frankreich nicht ratifizierte, sprach nicht nur die Verpflichtung der Signatarmächte aus, den Handel mit Negern zu untersagen und für Seeräuberei zu erklären, sondern räumte auch das gegenseitige Recht ein, des Negerhandels verdächtige Schiffe durch Kriegsschiffe durchsuchen zu lassen und sie eventuell mit Beschlag zu belegen. Praktisch kam das zunächst auf eine Ermächtigung für die englischen Kriegsschiffe hinaus, die allein den S. systematisch verfolgten. Nachdem bereits 1837 die Hansestädte den S. mit Strafe bedroht hatten, erließ Preußen 1844 eine dem Vertrage entsprechende Verordnung. An Stelle Preußens trat nach Übereinkommen mit Großbritannien vom 29. März 1879 das Deutsche Reich, das wenige Jahre später ein unmittelbares, eigenes Interesse an der Unterdrückung des S. erhalten sollte. In den Wegen des S. im östlichen Afrika vollzogen sich bis zu den achtziger Jahren unter dem Einfluß vor allem der englischen Maßregeln gewisse Änderungen. Durch die Ausdehnung der ägyptischen Herrschaft nach den oberen Nilländern (seit etwa 1869) wurden hier die Sklavenhändler zurückgedrängt, wogegen allerdings 1883 mit der Aufgabe des Sudan ein heftiger Rückschlag erfolgte (s. Emin Pascha). In Ägypten selbst aber wurde seit 1884 der S. und Verkauf verboten und allmählich unterdrückt. In Madagaskar führten englische Verträge von 1868 und 1881 zum Verbot der Einfuhr und des Verkaufs von Negersklaven. In Sansibar selbst bewirkte ein englischer Vertrag von 1873 wenigstens eine gewisse Einschränkung und Verschiebung des Handels nach der Somaliküste. Durch die europäischen Besitzergreifungen in Ostafrika und am Oberkongo seit 1884 entstanden alsbald weitere Konflikte mit den arabischen Sklavenhändlern, die Möglichkeit wirksamerer Unterdrückung des S. an der Küste, aber auch die Erkenntnis, daß zu seiner gänzlichen Unterdrückung seine Bekämpfung an den Quellen im Innern des Kontinents notwendig sei. So entstand die Antisklavereibewegung (s.d.), die auch für die Deutsche Kolonialpolitik von größter Bedeutung wurde, da gerade für den S. besonders wichtige Teile Ostafrikas deutsch geworden waren. Zur Bekämpfung des S. wurden die ersten größeren Mittel von Reichs wegen für die neuen Kolonien bewilligt. Hatte schon die Kongoakte (s.d.) die Verpflichtung zur Unterdrückung des Negerhandels ausgesprochen, so wurden durch die Brüsseler Antisklavereikonferenz (s.d.) in ihrer Generalakte vom 2. Juli 1890 die Maßregeln zur Unterdrückung des S. im einzelnen vereinbart. - Die Brüsseler Generalakte enthält die Richtlinien für die in den deutschen Schutzgebieten gegen den S. zu treffenden Maßregeln. Über das Verfahren gegen ein unter deutscher Flagge fahrendes, des S. verdächtiges Schiff erging die V. vom 17. Febr. 1893. Um die Bestrafung des S. unter allen Umständen sicherzustellen, wurde dem Reichstage der Entwurf eines Gesetzes vorgelegt (1891), kam aber nicht zur Verabschiedung. Das gelang erst mit einem zweiten Entwurfe von 1895, aus dem das Reichsgesetz vom 28. Juli 1895 hervorging, das vorsätzliche Mitwirkung an einem auf Sklavenraub gerichteten Unternehmen mit Zuchthaus und, wenn bei einem zu diesem Zwecke unternommenen Streifzuge der Tod einer Person verursacht worden ist, die Veranstalter und Anführer mit dem Tode bedroht. Der Betrieb des S. und die diesem dienende Beförderung von Sklaven ist mit Zuchthausstrafe bedroht. Um die Anwendung des Gesetzes auf die eigenartigen Verhältnisse des am meisten berührten Schutzgebietes, Deutsch-Ostafrika, sicherzustellen, erging am 19. Aug. 1896 ein Runderlaß des Gouverneurs mit einer Anweisung, betr. die bei Bestrafung des S. zu befolgenden Grundsätze, worin Menschenraub, gewerbsmäßiger S., Sklaventransport, Sklavenausfuhr mit Strafe bedroht wird. Gleichzeitig wurden für Strafanzeigen in Sklavensachen Belohnungen ausgesetzt. Die Trägerkarawanen wurden besonderer Prüfung unterworfen. Die Verbote der Ausfuhr von Eingeborenen ohne Genehmigung dienen in erster Linie der Unterdrückung des S., aber auch alle Maßregeln, die auf eine Verminderung der Sklaverei (s.d.) hinwirken. Insbesondere ist die Bestimmung von Bedeutung (Ostafrika 1891), daß ein Sklave, den sein Herr einem Nichteingeborenen abtritt, dadurch an sich schon die Freiheit erhält. Das ist für Inder und seit Aufhebung der Sklaverei in Sansibar (1897) gegenüber Sansibariten von Bedeutung. Solange bei den Eingeborenen selbst Sklaverei besteht und daher die Übertragung des Herrenrechts. zugelassen ist, liegt darin immer eine gewisse Gefahr des Mißbrauchs. Während in Kamerun und Togo die Veräußerung von Haussklaven verboten ist, ist sie in Ostafrika an die Zustimmung der Haussklaven und die Genehmigung der Verwaltungsbehörde gebunden. Diese wird bei Sklaven, die aus anderen Bezirken als dem, in dem sie angesessen sind, vor allem aus dem Innern angebracht werden, immer versagt. Im ganzen ist der S. durch die Maßregeln der Verwaltung in dem Maße, wie die wirkliche Befriedung und Beherrschung der Schutzgebiete fortschritt, immer mehr eingeschränkt, doch ist eine dauernde Überwachung, namentlich der Karawanen, nötig, und Fälle heimlicher Verschleppung aus entlegenen Gebieten können vorkommen, so daß durch RErl. vom 10. Dez. 1902 gewerbsmäßiger S. in schweren Fällen mit der Todesstrafe bedroht wurde. Die Zahl der wegen Sklavenraubes und Verschiffung über See verurteilten Personen ist von dem Maximum 114 im Jahre 1899 auf 10 im Jahre 1910, 2 und 3 in den Jahren 1911 und 1912 zurückgegangen.

Literatur: von Martitz, Das internationale System zur Unterdrückung des afrikanischen Sklavenhandels. Archiv f. öffentl. Recht. 1886. - La Traite des esclaves en Afrique. Renseignements et Documents receuillis pour la Conférence de Bruxelles. 1890. - F. Lentner, Der afrikanische Sklavenhandel. 1891. Kaysel, Die Gesetzgebung der Kulturstaaten zur Unterdrückung des afrikanischen Sklavenhandels. Strafrechtliche Abhandlungen Heft 63. 1905.

Rathgen.