Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 364 ff.

Sklaverei. S., das Verhältnis, bei dem ein Mensch das Eigentum eines anderen und für ihn zu arbeiten gezwungen ist, findet sich auf früheren Kulturstufen als eine weit verbreitete gesellschaftliche Einrichtung bei primitiven und Halbkulturvölkern und ist auch bei Kulturvölkern erst in der Neuzeit verschwunden. Sie findet sich bei primitiven Stämmen, wenn die wirtschaftlichen Zustände die Versklavung vorteilhafter erscheinen lassen als die Tötung von Gefangenen, Verbrechern, Schuldnern. Sie findet sich deshalb eher bei Landbau treibenden Völkern, als bei solchen, die von Fischfang, Jagd, Viehzucht leben, bei denen es auch schwieriger ist, den Sklaven am Entlaufen zu verhindern. In den deutsch gewordenen Gebieten wird in der Südsee wirkliche S., entstanden aus Wegfangen fremder Stammesangehöriger, gelegentlich erwähnt von der Nordküste der Gazellehalbinsel, auf den Salomoninseln, Neumecklenburg und den Admiralitätsinseln, ohne daß sie dort eine wesentliche Rolle spielt. In Südwestafrika hatten die Hereros Sklaven, ob auch die Hottentotten, ist strittig, was durch die Umwälzung ihres politischen Zustandes praktisch gegenstandslos geworden ist. Die noch nicht in Verwaltung genommenen Ndonga sollen Sklaven besitzen. Von erheblicher Bedeutung war dagegen die S. in den drei Schutzgebieten des tropischen Afrika, in denen sie überall verbreitet war, außer bei den Nomadenvölkern (Massai, Wandorobbo). Doch soll sie bei den Wassukuma erst neu gewesen sein. Wichtig war in diesen Schutzgebieten auch, daß das islamische Recht bei wohlwollender Behandlung des Sklaven die S. anerkennt (s. Scheria). Tatsächlich sind die mohammedanischen Eroberer, Araber (s. d.), Fulbe (s. d.), die Hauptträger der großen Ausdehnung der S., der Sklavenjagden und des Sklavenhandels (s. d.) gewesen. - Bei der Beurteilung der S., wie wir sie im tropischen Afrika vorfanden, darf man nicht ausgehen von den Verhältnissen der Negersklaverei auf den Pflanzungen der Europäer in Amerika. Hier handelte es sich um kapitalistische Großunternehmungen, für welche der Sklave nichts als ein möglichst wirtschaftlich zu verwendendes Produktionsinstrument war. In den afrikanischen Gesellschaftszuständen handelt es sich um Haus -S. und patriarchalische Verhältnisse. Die Entstehung des Sklavenverhältnisses war vielfach schrecklich durch Sklavenjagden, räuberische Überfälle (für die in Ostafrika die Wahehe [s.d.] und Mafiti [s.d.] berüchtigt waren), Wegfangen Einzelner, Weglocken von Kindern. Auch Selbstverkauf und Verkauf durch Verwandte (z. B. bei Hungersnöten) kam vor, doch war das mehr eine Verpfändung, da meist der Käufer den Verkauften gegen Ersatz des Preises herausgeben mußte (z. B. im ostafrikanischen Küstengebiet). Auch als Strafe für Verbrechen kam Versklavung vor. Meist aber entstand die S. durch Geburt. Der Haussklave ist Mitglied des Haushalts seines Herrn. Wie er für ihn arbeiten muß, so gehört auch sein Erwerb dem Herrn. Dafür ist aber auch der Herr verpflichtet, für den Sklaven zu sorgen (auch für den alten, arbeitsunfähigen), ihm eine Frau zu geben, ihn zu schützen. Der Sklave nennt den Herrn "Vater". Der Herr haftet für Schulden des Sklaven, auch aus strafbaren Handlungen. Wie wenig sich der Sklave dem Verhältnis zu entziehen sucht, sieht man daraus, wie vielfach Sklaven von ihrem Herrn auf den Handel ausgeschickt werden. Die theoretischen Konsequenzen der S. wurden überall durch die Sitte gemildert. Der Koran erklärt die Freilassung für verdienstlich, während bei den heidnischen Duala die Emanzipation unbekannt war. An sich erwirbt der Sklave nicht für sich und hat kein Eigentum. Tatsächlich wird überall davon berichtet, daß ein Peculium des Sklaven besteht, daß er auf der Handelsfahrt für sich selbst Geschäfte macht, daß der auf dem Lande angesiedelte Sklave einen Teil der Zeit (in Ostafrika zwei Tage der Woche) für sich verwenden darf. Der Sklave kann selbst Sklaven besitzen. Auch wenn der Nachlaß dem Herrn gehört, wird er z. B. bei den Duala unter die Söhne und die Mitsklaven verteilt. Der Herr kann seinen Sklaven verkaufen, aber die Sitte, vielleicht auch das Recht, mißbilligt das bei gewissen Sklaven (der Konkubine, Milchgeschwistern, der Amme) oder wenn nicht bestimmte Gründe vorliegen (Unbotmäßigkeit, Schuldenmachen, strafbare Handlungen), Rücksichten, die freilich bei Verschuldung des Herrn, den seine Gläubiger drängen, wegfallen. Züchtigung über das bei Familienangehörigen Übliche hinaus wird gemißbilligt. Gelegentlich ist Tötung des Sklaven, wenn ohne Grund erfolgt, strafbar (Unjamwesi). Im allgemeinen hat man den Eindruck, daß schon zur Zeit der Besitzergreifung an der Küste in Ostafrika, wie in Kamerun die S. viel von ihrer ursprünglichen Roheit verloren hatte. Forderte dort der Islam die Freilassung, so war hier bei den Duala rechtens, daß die Kinder von Sklaven Halbfreie (Mujáberi) wurden, die nur zur Strafe verkauft werden können, sich vielfach von Freien kaum unterscheiden. Ein gewisser Rechtsschutz der Sklaven begann. Gegenüber diesem freundlicheren Bilde ist aber nicht zu vergessen, daß es bei den roheren Stämmen des Innern nicht so günstig sich darstellte. Überall hängt der Sklave eben doch fast ganz ab vom Wohlwollen des Herrn. Solange S. besteht, besteht auch der Anreiz zum Menschenfang. Solange wirtschaftliche Arbeit von Männern nur Sklavenarbeit ist, wird sie verachtet, und der Freie scheut es, auf Arbeit zu gehen. Die Unwirtschaftlichkeit der Sklavenarbeit, ohne große Bedeutung in primitiven Zuständen, ist ein Hemmnis für den wirtschaftlichen Fortschritt. - Nun muß sich die Lage der Sklaven schon wesentlich dadurch ändern, daß europäische Herrschaft den Frieden herstellt und den Sklavenhandel (s. d.) unterdrückt. Wenn keine Kriegs- und Handelssklaven mehr hinzukommen, wenn auch die Schuldknechtschaft verboten wird, dann bleiben nur die alten Haussklaven, deren Stellung ohnehin besser ist. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung werden die Sklaven teurer, so daß nur wenige sie halten können (so bei den Ewe). Den Sklaven wird eigener Erwerb und damit der Freikauf leichter. Ihre ganze Stellung wird besser, wenn, wie die deutsche Verwaltung alsbald tat, der Sklave als Rechtssubjekt anerkannt, das Verhältnis als ein Dienstverhältnis angesehen wird, aus dem Herr wie Sklave vor Gericht klagen können. Im übrigen beschränkte sieh die deutsche Verwaltung zunächst darauf, den Loskauf von Sklaven zu erleichtern und die Erteilung von Freibriefen zu ordnen (V. für Ostafrika vom 4. Sept. 1891, für Togo vom 15. Jan. 1893, für Kamerun vom 25. Jan. 1893). Weiter in der Bekämpfung der S. zu gehen, zögerte die Regierung aus Furcht vor der Erschütterung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände und daraus folgender politischer Erregung. Gegenüber der im Reichstag erhobenen Forderung (Kommissionsbericht 28. März 1892), bis zum 1. Okt. 1895 Vorsorge zu treffen, daß die gesamten, die S. betreffenden Angelegenheiten gesetzlich geregelt würden, wurde zunächst zur Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse ein Fragebogen für die Berichterstattung der lokalen Behörden aufgestellt (KolBl. 1892, 513). Die Berichte der Gouverneure (für Kamerun KolBl. 1892, 514, für Ostafrika KolBl. 1893, 565) kamen zu dem Ergebnis, die Aufhebung der. S. sei zurzeit nicht durchführbar. Aus Ostafrika heißt es: die Bebauung des Landes geschehe vorzugsweise durch Sklaven und würde fast gänzlich unterbleiben, wenn die Sklaven freigelassen würden. Zu einer plötzlichen Aufhebung liege auch kein Grund vor, da die S. dort nur in der mildesten Form auftrete, und die Befreiung von den Sklaven selbst nicht gewünscht werde. Der Bericht aus Kamerun erklärte, daß die einfache Aufhebung der S. gar keine Wirkung auf den Fortbestand der einmal gegebenen Verhältnisse äußern werde. Wohl aber könne die Aufhebung der S. vorbereitet werden. - In dieser Richtung ging die Kameruner V. vom 7. Dez. 1896, welche verbot, weibliche Personen wegen Schulden anderer, insbesondere ihrer Ehemänner, in Pfand oder Haft zu nehmen, wegzufangen oder zu verkaufen. Für Ostafrika erfolgte ein weiterer wichtiger Schritt durch die V. des Reichskanzlers vom 29. Nov. 1901, wonach Neubegründung eines S.verhältnisses durch Selbstverkauf, Verkauf seitens Verwandter, durch Schulden oder sonstige Verpflichtungen, sowie als Strafe für Ehebruch verboten ist. Jeder Haussklave ist befugt, die Beendigung des S.verhältnisses durch Zahlung einer Ablösungssumme herbeizuführen, deren Höhe durch die Verwaltungsbehörde festgesetzt wird; diese erhält damit einen sehr weit gehenden Einfluß. Dem Haussklaven muß gestattet werden, an zwei Tagen der Woche für sich selbst zu arbeiten, soweit nicht das bisherige Gewohnheitsrecht noch günstiger für ihn war. Der Herr ist verpflichtet, den Haussklaven im Alter und bei Krankheit zu unterstützen und zu pflegen, auch wenn der Haussklave nachträglich freigelassen wird. Die Übertragung des Herrenrechts darf nur mit Zustimmung des Sklaven vor der zuständigen Verwaltungsbehörde erfolgen und ist von deren Genehmigung abhängig. Dabei hat die Behörde auch die Rechtmäßigkeit des S.verhältnisses zu prüfen und darauf zu achten, daß Familieniiiitglieder ohne ihre Zustimmung nicht voneinander getrennt werden. Das Herrenrecht wird verwirkt, wenn der Herr seine Pflicht gegen den Haussklaven schwer verletzt. - Damit war ein Zustand der Hörigkeit geschaffen, auf den der Name der S. kaum noch paßte. Sie war ihrer allmählichen Auflösung sicher. Die Zahl der Freibriefe, Anfang der 90er Jahre zwischen 400 und 800, stieg 1901 über 2000 und hat 1911 und 1912 4094 und 4234 betragen. Von der letzten Zahl kam auf Freikauf 2221, Freilassung 1729, amtliche Freierklärung 280, andere Gründe 4. So bedeutet es nur eine weitere Beschleunigung eines ohnehin sich vollziehenden Prozesses, wenn durch Reichskanzler - V. vom 24. Dez. 1904 bestimmt ist: die in Deutsch - Ostafrika nach dem 31. Dez. 1905 geborenen Kinder der Haussklaven sind frei. Durch Anlegung eines Registers der vorher geborenen Kinder wird die Durchführung gesichert (RErl. 31. Mai 1905). - Für Westafrika waren entsprechende Maßregeln schon getroffen durch zwei Reichskanzler - V. vom 21. Febr. 1902. Für Togo ist bestimmt, daß die nach Verkündung dieser Verordnung geborenen Kinder von Haussklaven frei sind. Durch Selbstverkauf, Verkauf seitens Verwandter, Schulden oder sonstige Verpflichtungen, als Strafe für Ehebruch kann ein S.verhältnis nicht neu begründet werden. Jede Art von Veräußerung, sowie die Schuldknechtschaft ist verboten. Das Herrenrecht wird verwirkt, wenn der Herr seine Pflichten schwer verletzt. Die Verordnung für Kamerun hat im übrigen den gleichen Wortlaut, geht aber in etwas langsamerem Tempo vor. Sie dehnt das Recht der Duala, wonach die Kinder von Sklaven Halbfreie (Mujáberi) sind, auf das ganze Schutzgebiet aus und erklärt die nach Erlaß dieser Verordnung geborenen, Kinder von Halbfreien für frei. - Obgleich damit die S. überall ohnehin auf den Aussterbeetat gesetzt ist, hat eine Resolution des Reichstags doch 1912 die völlige Aufhebung der S. gefordert. 1914 wurde dem Reichstag eine Denkschrift über die Haussklaverei in Deutsch - Ostafrika vorgelegt. S.a. Menschenraub.

Literatur: J. E. Cairnes, The slave power. 2. Aufl. 1863. (Die erste gründliche Untersuchung der wirtschaftlichen Voraussetzungen und Bedeutung der Sklavenarbeit.) - H. J. Nieboer, Slavery as an industrial System. Ethnological researches. 2. Aufl. 1910. (Setzt die Untersuchung von Cairnes fort für die "wilden Völker" auf Grund umfassendsten Materials. Beste Zusammenstellung über die Verbreitung der Sklaverei auch in den Schutzgebieten). - Sehr lehrreich: F. O. Karstedt, Beiträge zur Praxis der Eingeborenenrechtsprechung in Deutsch - Ostafrika. 1912.

Rathgen.