Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 375 f.

Sorghumhirse (s. Tafel 161). Die S. (Durrha, Dari, Mohrenhirse, Guineakorn, Kaffernkorn, Kisuah.: Mtama), Andropogon sorghum (L.) Brot., ist das wichtigste Getreide der altweltlichen Tropenzone. Ausdauerndes, in der Kultur aber meist nur einjährig gehaltenes, verhältnismäßig tief wurzelndes Gras, mit bis nahezu 7 m hohem Halm. Blütenstand eine terminale, mehr oder weniger hochgradig zusammengesetzte Rispe. Frucht 4 - 5 m lang, 3 - 5 m breit, gewöhnlich vom Rücken her zusammengedrückt. Einige Kulturformen zeichnen sich durch eine, von keinem anderen Getreide der Welt erlangte Reichfrüchtigkeit der Rispen aus. Die S. hat zahlreiche Kulturvarietäten mit einem erstaunlichen Reichtum an Formen ausgebildet, die sich u. a. in Größe und Habitus der Pflanze, in Form und Aufbau der Blüten- bzw. Fruchtstände, Spelzenlänge, Farbe der Hüllspelzen, Größe und Farbe der Früchte unterscheiden (Hackel, Körnicke, Busse und Pilger). Man unterscheidet je nach Ausbildung und Größenverhältnis der Hüllspelzen: Bedeckte, halbnackte und nackte Varietäten, nach dem Aufbau der Rispe: lockerrispige, gedrängtrispige und kompaktrispige. In Deutsch -Ostafrika überwiegen im Küstenlande die lockerrispigen, langästigen Formen, im Zentrum und im Seengebiet die kompaktrispigen. Die Kulturformen Togos sind im allgemeinen durch verhältnismäßig schmale und lange Rispen und durchschnittlich große Früchte ausgezeichnet. Die Kameruner Formen sind noch wenig bekannt. - Die S. wird in erster Linie als Mehlgetreide, ferner zur Bierbereitung, drittens zur Zuckergewinnung, ferner (in Amerika) zur Herstellung von Besen verwendet, sie wird (in Amerika und Indien) zur Grünfutterbereitung angebaut und endlich (Togo und Sudan) zur Darstellung eines roten Farbstoffes. Jedem dieser Zwecke dienen verschiedene Kulturvarietäten in wechselnder Zahl. Das Mehl ist wegen zu geringen Klebergehalts nicht verbackbar. Die Bierbereitung aus den Samen ist im tropischen Afrika sehr verbreitet (s. Hirsebier). Die Samen enthalten - je nach Varietät - 2 - 5,2 % Fett, 4,5 - 11 % Eiweiß und 63 - 70 % Stärke; als Kraftfutter können sie nach neueren Untersuchungen eine Bedeutung für den Export nach Deutschland erlangen. Der bei den zuckerbildenden Varietäten ("Zuckerhirsen") im Mark des Stengels angehäufte Zucker kristallisiert infolge hohen Dextrosegehalts nicht aus, eignet sich daher nur zur Sirupbereitung. -Die Verwendung der Sorghumpflanze, als Grünfutter wird bisweilen durch das spontane Auftreten von Blausäure, bzw. eines blausäurehaltigen Glukosids, in den frischen Blättern, namentlich jüngerer Pflanzen, beeinträchtigt. Eine weitere bemerkenswerte Eigentümlichkeit der Sorghumhirse besteht darin, bei der geringsten Störung des chemischen Gleichgewichts einen roten Farbstoff zu bilden und zwar am stärksten in den Blattscheiden (Näheres bei Busse). Besonders farbstoffreiche Formen, z.B. var. colorans Pilg. in Togo, zum Färben von Flechtwerk und Geweben benutzt. - Ausbreitung der Sorghumkultur in den deutschen Kolonien: Deutsch-Ostafrika, Kameruner Grasland, Mittelund Nordtogo, Norden von Deutsch - Südwestafrika (Amboland). Anbau. Geht im tropischen Afrika im allgemeinen nicht über 1500 m hinauf (in Ruanda bis 1800 m). Bezüglich der Niederschlagsmengen ist die Sorghumpflanze nicht anspruchsvoll; Übermaß an Nässe bewirkt gesteigerte Krautwüchsigkeit und kann Blütenbildung sogar verhindern. Vegetationsdauer der afrikanischen Formen schwankt zwischen 4 und 9 Monaten. S. ist das ertragreichste Getreide der Welt. Exakte zahlenmäßige Ertragsfeststellungen aus den deutschen Kolonien fehlen noch, ebenso vergleichende Anbauversuche. (Über die Methodik des Anbaus s. Lambrecht, Busse, Fesca, Gaisser.) -Schädlinge und Krankheiten. A. Pflanzliche Parasiten: u.a. Brandpilze (Ustilago- und Tolyposporium -Arten), teilweise weit verbreitet, befallen entweder einzelne Blüten oder alle Blüten eines Blütenstandes oder zerstören auch (wie U. Reiliana Kühn) die gesamten Blatt- und Blütenanlagen im Sproßgipfel und können, unter Bildung ungeheurer Mengen von Sporen, ganze Felder verwüsten; Rostpilze, insbesondere Puccinia purpurea Cooke, ein sehr verbreiteter Pilz, der aber nur stellenweise zu bösartigen Schädigungen führt. - B. Tierische Schädlinge. Blattläuse, deren zuckerhaltige Ausscheidungen ("Honigtau") in Ostafrika ehedem zur Bildung des Begriffs der "Mafuta" - oder "Assali" -Krankheit führten. Das Auftreten der Blattlauskrankheit ist stets an Dürreperioden gebunden (in geringerem Umfange sind diese Insekten in jedem Jahr bemerkbar); die Stengelbohrer, Larven der Schmetterlinge (Noktuiden): Sesamia nonagrioides Lef., Busseola sorghicida Thurau und Diatraea orichalcociliella Strand. Sie höhlen die Stengelglieder aus, verhindern die Ausreifung des Korns und führen dadurch zu empfindlicher Herabsetzung des Ernteertrags; namentlich gilt das für Busseola, die zu Anfang des Jahrh. im Bez. Lindi (Deutsch - Ostafrika) große Verheerungen anrichtete. Nasse Witterung begünstigt das Auftreten der Bohrer.

Literatur: Botanisches: Hackel in Englers Botan. Jahrb. VII (1886) S. 118 ff. - F. Körnicke in O. Baumann, Usambara, 1891 S. 315 ff. - Ders. in O. Baumann, Massailand, 1894 S. 295 ff. - K. Schumann in Englers Pflanzenwelt Ostafrikas, Teil B S. 35 ff. Busse u. Pilger in Englers Bot. Jahrb. -II, 1902 S. 182 ff. - Pilger in Not. - Blatt Botan. Gartens Berl. IV, 1904 S. 139 ff; 2. Anbau, Züchtung, Krankheiten: Körnicke u. Werner, Handbuch des Getreidebaus Bd. II (1885). - Lambrecht in Ber. über Land- u. Forstwirtsch. Deutsch - Ostafrika, Bd. I (1903) Heft 6. - Fesca, Pflanzenbau i. d. Tropen Bd. I, 1904 S. 140 ff. - Busse in Arb. a. d. Biolog. Abt. d. Ksl. Gesundk. - Amts IV, 1904 S. 319 ff. - Ders., KolBl. 1907 Nr. 10. Stuhlmann, Beitr. Kulturgesch. Ostafrika 1909. - Busse u. Fruhwirth in Fruhwirth, Züchtung landwirtsch. Kulturpflanzen Bd. V S. 55 ff. - Gaisser in Mitt. a. d. d. Schutzgeb. Bd. 25, 1913 S. 250 ff. - 3. Chemisches: Brünnich in Chem. Zentralbl. 1903, (II) S. 61. - Dunstan u. Henry in Proceed. Royal Soc. LXX, 1904 S. 153. - Crawford, The poisonous action of Johnson grass (U. S. Departm. of Agricult., Wash. 1906. - König, Nahrungs- u. Genußmittel Bd. I S. 568 ff. - Hansen in Mitt. d. D. L. G. 1912, Stück 24 S. 342. - Honcamp in Landw. Versuchstationen Bd. 77 S. 305 ff.

Busse.