Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 398 f.

Stanley, Henry Morton (eigentlich James Rowland), hervorragender Afrikaforscher, geb. 28. Jan. 1841 bei Denbigh in Wales, gest. 10. Mai 1904 zu London. Nach einer ungemein harten und entbehrungsreichen Jugend trat S. zunächst als Kriegsberichterstatter in den Dienst des New York Herald. Im Auftrage desselben führte er 1871 eine Expedition durch das heutige Deutsch-Ostafrika zur Auffindung des verschollenen Livingstone (s.d.), den er im Nov. 1871 in Ujiji antraf und nach einer gemeinsamen Befahrung des Tanganjikasees in Unjanjembe mit neuen Vorräten versah. Durch diesen glänzenden Erfolg wurde S. der gegebene Mann, die Forschungen Livingstones fortzusetzen, wozu ihn 1874 der New York Herald und der Londoner Daily Telegraph von neuem aussandten. Am 17. Nov. 1874 in Bagamojo aufgebrochen, erreichte S. zunächst den Victoriasee, dessen gesamtes Gestade er befuhr und aufnahm. Nach längerem Aufenthalt in Uganda und einem Vorstoß nach Westen, bei welchem er den Edwardsee (früher "Albert Edward") entdeckte, wandte er sich durch Karagwe zum Tanganjikasee, den er ebenfalls vollständig kartierte. In Nyangwe begann er, durch Tippu Tib (s.d.) mit Fahrzeugen versehen, seine berühmte Stromfahrt Lualaba abwärts, die er bis zu den Stromschnellen unterhalb des Stanley Pool durchführte, um dann durch Landmarsch am 9. Aug. 1877 Boma an der Mündung des Kongo zu erreichen. Hiermit war nicht nur das schwierigste hydrographische Problem Afrikas gelöst, sondern gleichzeitig dem Zentrum des Kontinents ein glänzender Verkehrsweg erschlossen. In den Jahren 1879/84 legte S. im Auftrage der Association Internationale du Congo an Ort und Stelle die Grundlagen des nachmaligen Kongostaates. Bei seiner letzten großen Aufgabe, die Befreiung Emin Paschas (s.d.) 1886/89, bevorzugte S. wiederum die Route über den Kongo. Diesen und den Ituri aufwärts verfolgend, gelangte er an den Albertsee, wo er am 29. April 1888 mit Emin östlich Kavalli zusammentraf. Der lange zögernde Pascha wurde schließlich zum Abzuge nach der ostafrikanischen Küste bestimmt; am 5. März 1889 trafen beide in Bagamojo ein. S.s Erfolge auf dem Gebiete der praktischen Lösung schwierigster Forschungsprobleme sind einzigartig. Seine Rücksichtslosigkeit und seine feindselige Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Forschung setzten ihn jedoch zahlreichen, heftigen Anfeindungen aus. Schriften: How I found Livingstone: travels, adventures and discoveries in Central Africa, Lond. 1872; Through the Dark Continent or the sources of the Nile around the Great Lakes of Equatorial Africa and down the Livingstone River to the Atlantic Ocean, Lond. 1878; The Congo and the founding of its free state, Lond. 1885; In darkest Africa, orthe quest, rescue and retreat of Emin Pascha, Governor of Equatoria, Lond. 1890.