Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 414 ff.

Strafen. Die Strafe ist das Übel, das der Staat über denjenigen verhängt, der die staatliche Rechtsordnung verletzt. Über den Zweck und den Rechtsgrund der Strafe gehen die Meinungen von jeher auseinander. Insbesondere stehen sich zwei Anschauungen gegenüber, die einerseits in den absoluten und andererseits in den relativen Theorien ihren Ausdruck finden. Die ersteren sehen in der Strafe ausschließlich eine Vergeltung, die die Übeltat notwendig nach sich zieht, wobei es auf einen weiteren Zweck nicht ankommt. Nach den anderen (relativen) Theorien wird um eines Zweckes willen gestraft: Die Strafe soll den Übeltäter bessern oder ihn sichern, d.h. für immer oder auf Zeit. unschädlich machen, oder sie soll Genugtuung bringen, d. h. das zerstörte Gefühl, der Rechtssicherheit wieder herstellen, oder endlich die Allgemeinheit von Übeltaten abschrecken. In jüngster Zeit hat die kriminalsoziologische Schule in dem Streit um den Rechtsgrund der Strafe neue Gesichtspunkte geltend gemacht. Nicht die Tat, sondern der Täter sei zu bestrafen; das Verbrechen sei durch individualisierende Einwirkung auf den Verbrecher zu bekämpfen; die Strafe habe sich daher in Art und Maß nach der Eigenart des Verbrechers zu gestalten. - Die heutige Rechtsordnung stützt sich nicht einseitig auf eine der Lehrmeinungen ausschließlich, sondern hat, wenn sie auch den Gesichtspunkt der Vergeltung in den Vordergrund stellt, den verschiedenen Nützlichkeitszwecken Berücksichtigung zuteil werden lassen. Die staatliche Ordnung bedarf des Schutzes gegen Störung und Verletzung. Als Mittel hierzu dient die Strafe. Sie findet hiernach ihren Rechtsgrund und ihr Ziel in dein Schutz der Gesellschaft. Findet dies auch im Einzelfalle Beachtung, so wird die Strafe nach den verschiedensten Rücksichten, .nämlich sowohl nach der persönlichen Eigenart des Täters, seinem Alter, seiner Gesinnung, seiner psychischen Anlage usw., als auch nach der voraussichtlichen Wirkung der Strafe: Abschreckung, Besserung usw., zu bemessen sein. - In den Schutzgebieten bestehen verschiedene Strafvorschriften, je nachdem es sich um Nichteingeborene (Weiße) oder Eingeborene handelt. - A. Die Nichteingeborenen (Weißen) unterliegen den dem Strafrecht angehörenden Vorschriften der deutschen Reichsgesetze (§ 3 SchGG., § 19 Ziff. 2 KonsGG.). Danach finden im allgemeinen die Bestimmungen des Reichs -Strafgesetzbuchs Anwendung (l. Abschn. des 1. Teils dorts. §§ 13 - 42). Nur Strafen, die das Gesetz bestimmt, können festgesetzt werden (§ 2 StGB.). Das Strafgesetzbuch läßt nur folgende Strafen zu: Todesstrafe, Zuchthaus, Gefängnis, Festungshaft-, Haft, Geldstrafe und Verweis; ferner sog. Nebenstrafen, d. h. Strafen, die neben einer der vorbezeichneten Strafen ausgesprochen werden: Geldstrafe, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter, dauernde Unfähigkeit zu einer Beschäftigung im Eisenbahn- oder Telegraphendienst oder in bestimmten Zweigen dieser Dienste (§ 319 StGB.), Verlust der bekleideten öffentlichen Ämter sowie der aus öffentlichen Wahlen hervorgegangenen Rechte, dauernde Unfähigkeit, als Zeuge oder Sachverständiger eidlich vernommen zu werden (§ 161 StGB.), Zulässigkeit von Polizeiaufsicht, Überweisung an die Landespolizeibehörde (§ 362 StGB.), Einziehung (§§ 40, 42, 152 ff StGB.), Verfallerklärung des als Vorteil Empfangenen oder dessen Wertes (§ 335 StGB.). Als Privatgenugtuung kommen in Betracht: Buße (§§ 188, 231 StGB.), öffentliche Bekanntmachung der Verurteilung (§§ 165, 200 StGB.). Die Todesstrafe ist in den Schutzgebieten durch Enthaupten, Erschießen oder Erhängen zu vollstrecken. Der Gouverneur bestimmt die Vollstreckungsart im einzelnen Falle (§ 6 Ziff. 5 SchGG.; § 9 Ksl. V., betr. die Rechtsverhältnisse in den deutschen Schutzgebieten, vom 9. Nov. 1900 [RGBl. S. 1005]). Im übrigen gilt nichts Abweichendes. - B. Gegen die Eingeborenen sind in Afrika folgende Strafen zulässig: Körperliche Züchtigung (Prügelstrafe, Rutenstrafe), Geldstrafen, Gefängnis mit Zwangsarbeit, Kettenhaft, Todesstrafe (V. des RK. wegen Ausübung der Strafgerichtsbarkeit usw. vom 22. April 1896 [KolBl. S. 241, KolGG. 2, 215]; V. des Landeshauptmanns von Deutsch - Südwestafrika, betr. die Strafgerichtsbarkeit der Eingeborenen in Südwestafrika, vom 8. Nov. 1896 [KolGG. 2, 294]). Gegen Frauen, Araber und Inder und in Deutsch -Südwestafrika auch gegen Eingeborene besseren Standes ist die Anwendung körperlicher Züchtigung als Strafmittel ausgeschlossen (§§ 3, 4 dorts.). Männliche Personen unter 16 Jahren dürfen nur Rutenstrafe erhalten (§ 5 dorts.). In Togo darf an alten Leuten die Prügelstrafe n icht vollstreckt werden (Dienstanweisung des Gouverneurs von Togo vom 10. Jan. 1906 [KolGG. 10, 9]), in Deutsch - Ostafrika nicht an Personen von mehr als 35 Jahren (GouvV. vom 6. Juli 1906 [KolGG. 10, 2741). In Deutsch - Neuguinea und auf den Marshallinseln sind die zulässigen Strafen: Todesstrafe, Gefängnis mit Zwangsarbeit, Zwangsarbeit ohne Verwahrung im Gefängnis, Geldstrafe (Strafverordnung der Neuguinea - Kompagnie für die Eingeborenen vom 21. Okt. 1888 [KolGG. 1, 555], geändert durch V. des Gouverneurs von Deutsch - Neuguinea vom 7. April 1899 [KolBl. S. 432, KolGG. 4, 561 und des RK. vom 28. Okt. 1908 [KolBl. S. 1087, KolGG. S. 468]; Strafverordnung des RK. vom 10. März 1890 [KolGG. 1, 6271). Die Todesstrafe wird durch Erschießen oder Erhängen vollstreckt, worüber der Gouverneur bestimmt (§ 5 dorts.). Auf Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit kann von drei Tagen bis zu fünf Jahren, auf Zwangsarbeit ohne Verwahrung im Gefängnis von einem Tage bis zu einem Jahre erkannt werden (§ 9 dorts.). Der Mindestbetrag der Geldstrafe ist 1 M, der Höchstbetrag 300 M. Die Geldstrafe wird unter Umständen in Naturalien entrichtet (§ 10 Abs. 3 dorts.). Bei Uneinziehbarkeit ist sie in Zwangsarbeit ohne Gefängnis oder nach Umständen in solche mit Gefängnis umzuwandeln (§ 10, Abs. 4, § 12 dorts.). Durch die V. des Gouverneurs von Deutsch -Neuguinea, betr. die Erhaltung der Disziplin unter den farbigen Arbeitern, vom 20. Juni 1900 (KolGG. 6, 248), geändert durch GouvV. vom 22. Jan. 1907 (KolGG. S. 61) sind gegen Farbige, die in einem Dienst- oder in einem Arbeitsvertragsverhältnis stehen, als Disziplinarstrafen: körperliche Züchtigung (Prügelstrafe, Rutenstrafe), Einsperrung mit oder ohne Anschließung in abgesonderten Räumen, Geldstrafen für zulässig erklärt. Die körperliche Züchtigung darf nur an männlichen, völlig gesunden Arbeitern vollzogen werden. Noch nicht erwachsene männliche Personen erhalten nur Rutenstrafe (§ 2). Chinesische Arbeiter dürfen nicht körperlich gezüchtigt werden, in Niederländisch -Indien beheimatete Arbeiter nur während der Dauer von Freiheitsstrafen, die sie wegen Verbrechen oder Vergehen erhalten haben (GouvV. vom 16. Jan. 1903 [KolGG. 7, 2] und vom 11. Juli 1900 [KolGG. 6, 248]). Die Einsperrung darf drei Tage, Geldstrafen dürfen 30 M nicht übersteigen (§ 5). In Kiautschou sind nach der V. des dortigen Gouverneurs vom 15. April 1899 (MVBl. S. XXV, KolGG. 4, 191) zulässige Strafen: Prügelstrafe bis zu 100 Schlägen, Geldstrafe bis zu 5000 Dollar, zeitige Freiheitsstrafe bis zu 15 Jahren, lebenslängliche Freiheitsstrafe, Todesstrafe. Auf die Strafen kann allein oder in Verbindung mit einander oder mit Ausweisung aus dem Schutzgebiet erkannt werden. Bei Umwandlungen von Geldstrafen in Freiheitsstrafen ist der Betrag von 1 Dollar einer ein- bis fünftägigen Freiheitsstrafe gleich zu achten (§ 6 dorts.). Gegen Personen weiblichen Geschlechts darf auf Prügelstrafe nicht erkannt werden (§ 8). Die Freiheitsstrafe kann mit Zwangsarbeit verbunden werden (§ 10). Die Art, wie Todesstrafe zu vollstrecken ist, bestimmt der Gouverneur (§ 14 dorts.). S.a. Eingeborenenrecht. - C. Die Angehörigen der Schutztruppen unterstehen den Militärstrafgesetzen des Deutschen Reichs. Es kommen daher die dort bestimmten Strafen zur Anwendung (Ksl. V betr. die Einführung der deutschen Militärstrafgesetze in den afrikanischen Schutzgebieten, vom 26. Juli 1896 [RGBl. S. 669]) -Gegen Farbige Angehörige der Schutztruppen kann. auch Prügelstrafe verhängt werden (Ksl. V., betr. das strafgerichtliche Verfahren gegen Militärpersonen der Ksl. Schutztruppen, vom 2. Nov. 1909 [RGBl. S. 943]; AusfBest. des RK. dazu vom 6. Nov. 1909 [RGBl. S. 954]; Vorschriften des RK., betr. strafrechtliche und Disziplinarverhältnisse bei den farbigen Mannschaften der Ksl. Schutztruppe für Kamerun, vom 22. März. 1905 [KolGG. 9, 85]; V. des RK., betr. die strafrechtlichen und Disziplinarverhältnisse der farbigen Angehörigen der Ksl. Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, vom 7. Sept. 1910 [KolBl. S. 789]). S.a. Militärstrafgerichtsbarkeit und Militärstrafgesetze.

Straehler.