Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 435

Sudansprachen. Der Ausdruck S. bezeichnet linguistisch nicht etwa alle im Sudan (s.d.) gesprochenen Sprachen, sondern nur die Sprachen einer bestimmten Form. Sie sind im wesentlichen isolierend, d. h. sie bestehen aus einsilbigen Wurzeln. Bildungselemente (Vor- und Nachsilben) fehlen entweder ganz oder sind nur in bescheidenen Ansätzen vorhanden. Die Wurzeln werden meist durch musikalische Töne unterschieden. Den Sprachen fehlt die Klasseneinteilung und das grammatische Geschlecht, die Pluralbildung geschieht meist ganz mechanisch durch Anhängung einer Silbe, die aber u. a. beim Zahlwort wegfällt. Weil die Sprachen in ihrer Eigentümlichkeit nicht erkannt waren, hat es lange gedauert, bis ihre Zusammengehörigkeit und ihre Verschiedenheit von den Bantu- und den Hamitensprachen (s.d.) festgestellt wurde. Erst Westermanns Arbeit hat hier Klarheit geschaffen.

Literatur: J. G. Christaller, Bemerkungen zu R. Lepsius' Einleitung über die Völker und Sprachen Afrikas. Nubische Grammatik. Zeitschr. für afr. Spr. I. 241 ff. - R. N. Cust, A Sketch of the Modern Languages of Africa. Lond. 1883. - C. R. Lepsius, Nubische Grammatik. Berl. 1880. - C. Meinhof, Sudansprachen u. Hamitensprachen. Zeit-sehr. f. Kol. Spr. I., 161-166. -C. Meinhof, Die Sprachen der Hamiten. Hamb. 1912. F. Müller, Grundriß der Sprachwissenschaft. Wien 1877. - L. Reinisch, Das persönliche Fürwort und die Verbalflexion in Chamitosemitischen Sprachen. Wien 1909. - L. Reinisch, Die sprachliche Stellung des Nuba. Wien 1911. - D. Westermann, Die Sudansprachen. Hamb. 1911.

Meinhof.