Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 453 f.

Talweg. Unter T. versteht man diejenige ideelle Linie in der Längsrichtung eines Flusses, die die tiefsten Punkte aller durch das Flußbett gelegt gedachten Querprofile miteinander verbindet. Die Lage dieser Linie läßt sich in einem Fluß durch Lotungen festlegen und kartographisch darstellen. Infolge der von den Flüssen mitgeführten Gerölle und Sedimente wechselt die Lage des T. bei afrikanischen Flüssen indessen häufig. Eine durch den T. eines Flusses bestimmte Grenze ist daher nichts absolut Feststehendes, sondern sie ist gewissen Schwankungen und Veränderungen im Laufe der Jahre unterworfen. Falls Flüsse politische Grenzen bilden, wird man, um den beiden angrenzenden Uferstaaten die freie Schiffahrt, Fischfang und andere Vorteile eines Wasserlaufes zu sichern, die Grenze vertragsmäßig am zweckmäßigsten mit dem T. zusammenfallen lassen. Die Nichtbeachtung dieser Vorsicht hat schon zu vielen Grenzstreitigkeiten und zu Benachteiligungen der wirtschaftlichen und Verkehrsinteressen des einen oder anderen vertragschließenden Staates geführt. Da die Querprofile der meisten Flüsse ein sehr wechselndes Bild zeigen und die tiefsten Stellen von der Flußmitte bald nach dem linken, bald nach dem rechten Ufer. herüber- und hinüberwechseln, so ist der T. selten mit der Mittellinie des Flußbettes identisch. Liegt eine Insel in einem, eine politische Grenze bildenden Fluß, so wird die dem T. folgende Grenze durchaus nicht immer längs desjenigen Flußarmes zu verlaufen haben, der das meiste Wasser führt, sondern in demjenigen Arm, der am tiefsten in das Bett eingeschnitten ist. Davon hängt dann auch die politische Zugehörigkeit der betreffenden Insel ab (s.a. Grenzfestsetzungen). Das Wort "Talweg", das sich in vielen Fällen mit dem Begriff "tiefste Fahrrinne" deckt, hat infolge seiner häufigen Anwendung in den Staatsverträgen, die die politische Aufteilung Afrikas in den letzten 25 Jahren gezeitigt hat, das Bürgerrecht in vielen Kultursprachen erworben. Den meisten von ihnen fehlt ein ebenso knapper wie präziser Ausdruck für den in Rede stehenden Begriff.

Danckelman.