Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 455 ff.

Tanganjika, der große See, der auf ungefähr 670 km (in seiner Mitte gemessen, Deutsch - Ostafrika 1) in der Richtung SSO - NNW die Grenze zwischen Deutsch - Ostafrika und der Kongokolonie bildet. Am T. langten 1858 als erste Europäer die Briten Burton und Speke an. Der T. ist im Mittel 50 km (zwischen 25 und 75) breit und 32 300 qkm groß, steht damit in Afrika nur dem Victoriasee nach; er liegt im Zentralafrikanischen Graben (s.d.), der freilich auf einem Teil dieser Strecke durch andere Grabenbildungen beeinflußt erscheint. Man kann annehmen, daß die nördliche Fortsetzung des Rukwagrabens (s. d.) den T. unter spitzem Winkel kreuzt, so daß die Gegend, wo der Lukuga (s.d.) den See verläßt, zum Rukwasystem gehört. Gegen das Nordende des T. vollzieht sich die eine große Richtungsänderung des Zentralafrikanischen Grabens, die Ubwarischolle streicht schon S - N. Zur Sohle des T.grabens, die nur im N (s. Russisi) ein wenig verlandet ist, Fallen die westl. Wände im Durchschnitt viel steiler ein als die des Ostufers. Im N erreichen auf belgischer Seite die gegen den T. hin ansteigenden Hochflächen bis zu 3290 m Mh., auf der deutschen der hier ebenfalls aufgewulstete Rand kaum 2500 m. So liegt im N die Wasserscheide sehr dicht am T., im Durchschnitt nur 25 km vom Ufer. Das spricht für ein geringes Alter dieses Grabenteils. Weiter nach S ist das Land am See oft nur hügelig zu nennen, obwohl das Ufer selbst steil ist. Die Westküste ist meist bergiger. Die größten Tiefen des Sees sindneuerdings zu 1430, demnächst 1277 m gemessen worden. Da der Spiegel 782 m ü. d. M. liegt, reicht der Boden 648 m unter das Meer. Er hat deutliche Grabenform;, am Westufer ist der Absturz sehr schroff zu großen Tiefen, am östlichen ist er etwas sanfter. Die Gesteinsbeschaffenheit der gegenüberliegenden Ufer ist keineswegs immer dieselbe. Im N besteht es beiderseits aus kristallinen Schiefem, hauptsächlich Gneisen. Von 4 1/2 ° s. Br. nach S tritt am Ostufer die Zwischenseenformation (s. Zwischenseengebiet) auf, am Wegrufen erst etwas südlicher; im W reicht sie bis 6° s. Br., im O etwa 15 km weniger weit. Das Tal des unteren Mlagarassi (s.d.) und das des oberen Lukuga (s.d.) liegen in dieser Zone. Diese Formation, besteht hier hauptsächlich aus roten, gelegentlich etwas kalkigen Sandsteinen, daneben aus Kalkkieselschichten. Die Lagerung ist im allgemeinen flach, doch sehr wenig regelmäßig. Das Alter der Sandsteine wurde früher als mesozoisch angesehen, neuerdings aber vordevonisches Alter vermutet. In ihrer Gesamtheit gehören diese Gesteine hier einer Senkungszone an, die quer zum T.graben verläuft. Vielleicht gilt dasselbe für die anscheinend verwandten Gesteine im S des T., wo sie von Bismarckburg bis n. von Sumbu (an der Cameronbucht, Westufer) die Hore - Bucht umrahmen. Diese Senken und ihre Sandsteine sind sicher älter als der T.graben in seiner heutigen Gestalt, vielleicht auch älter als eine erste Anlage. Die Beziehung der Diabasvorkommnisse der Magarassi - Senke, die wohl älter sind als die Sandsteine, zum T.graben ist noch weniger klar. Die zwischen den beiden Sandsteingebieten liegende Küste besteht wieder aus Urgestein, Gneisen, Gneisgraniten usw. Doch tritt an der Westküste noch einmal auf kurze Erstreckung der rote Sandstein zutage, der westwärts, im Kongobecken, noch viel stärker verbreitet ist. Für die Altersbestimmung des T.grabens haben wir wenig sichern Anhalt. Die Formen der Randgebiete und die trotz der großen Tiefen reichlichen Deltabildungen lassen es möglich erscheinen, daß die Form schon im Mesozoikum zu entstehen begann; einzelne Teile (s.o.) dürften spättertiär sein. Das Wasser des T. ist. stark kalkhaltig und süß. Häufig lassen sich am Ufer Spuren früherer, höherer Wasserstände in Terrassen erkennen, die bis zu 20 m über dem jetzigen Spiegel liegen. Der Wasserstand des Sees wechselt auch heutzutage, abgesehen von einer jährlichen mit der Regenzeit gehenden Periode, je nach den Regenmengen längerer Jahresreihen und der Stärke des Abflusses im Luguka (s.d.). Vor 80 -90 Jahren soll der See einen Wasserstand gehabt haben, der höher war als je seitdem, 10 m höher als der von 1913. Seit dem Jahr der Entdeckung, 1858, stieg er bis etwa 1874, von 1879 an fiel er um etwa 7 in. Seit 1909 steigt er wieder langsam, bis 1913 um 1 m. - Der nördl. Teil des T. wird gewöhnlich zur Provinz des äquatorialen, der übrige See zu der des kontinentalen Passatklimas (s. Deutsch- Ostafrika 4) gerechnet. Vielleicht tut man besser daran, das ganze T.becken als Übergangsgebiet zu bezeichnen. Denn südwärts bis nach Bismarckburg (s.d.) besteht doppeltes Maximum und doppeltes Minimum im Verlauf der Wärmekurve des Jahres. Umgekehrt hat auch Usumbura (s.d.) nicht zwei Regenzeiten, sondern nur ein Nachlassen des Regens inmitten der Regenzeit (s. Tabelle unter Deutsch-Ostafrika 4). In Bismarckburg sind die mittleren Monate der Regenzeit die niederschlagsreichsten. Die jährliche Schwankung der Temperatur ist allerdings am T. schon ziemlich hoch, besonders im Süden. Im folgenden seien die Temperaturmittel in °C für Bismarckburg (1), 810 m ü. d. M., und Usumbura (II), 800 m ü. d. M. gegeben.

Regenmengen s. Usumbura, Udjidji, Kaserne, Bismarckburg; ferner hat Kirando am See, südl. von Karema, 714 mm (dreijähr. Mittel) und Marienheim, südl. von Usumbura, 1300 m ü. d. M. 1550 mm (siebenjähr. Mittel). Auf der Westseite des Sees regnet es erheblich mehr. - Das Einzugsgebiet des T. ist nur nach O hin, dank der Senke des unteren Mlagarassi (s.d.), groß, sonst, auch im SW, nicht breit; seine Gesamtgröße ist einschließlich des Kiwugebietes ungefähr 237 300 qkm, die Seeflächen eingerechnet. - Die Vegetation des Trockene ist auf der Ostseite durchweg Buschsteppe aller Art, auch Hochgebirgsbusch, während an den höheren Bergen der Westseite. kräftigere Vegetation, auch Höhenwald auftritt. Die geschlossene afrikanische Hylaea (s. Deutsch-Ostafrika 6) beginnt erst 20 - 50 km w. vom T. - Der Fauna des Sees ist vielfach große Aufmerksamkeit geschenkt worden. Auf Grund des Vorkommens einer Hydromeduse, der Linmocnida Tanganyicae, und mancher anderer eigenartiger und altertümlicher Formen sprach man von einer Reliktenfauna, die beweise, daß der T. als einziger der großen Seen einst, wohl nach W hin, mit einem Meer in Zusammenhang gestanden habe. Die neuerdings erkannten verwandtschaftlichen Beziehungen der Fauna des T. zu den andern afrikanischen Seen und Flüssen haben diese Ansicht widerlegt. Auch die Annahme eines einstigen Zusammenhangs des T. mit dem Meere nordwärts über andere Teile der Senke des Zentralafrikanischen Grabens oder südwärts über Rukwa und Njassa ist mangels geologisehen Beweismaterials recht unwahrscheinlich. Auf deutscher Seite grenzen an den T. Grunde, Uha, Uwinsa, Uwende, Ufipa (s. die Einzelartikel) und Urungu (s. Bismarckburg). Nur ein Streifen dieser Landschaften von 1/2 bis zu mehreren Kilometern Breite gehört zur Seelandschaft; dazu kommen die vielen kleinen Schwemmlandgebiete der Flüsse, deren Fruchtbarkeit den Anbau von Reis und Ölpalmen sehr entwicklungsfähig erscheinen läßt. Auch der Fischreichtum des Sees könnte stärker ausgenutzt werden. Freilich macht die Schlafkrankheit (s.d.) eine dichtere Besiedelung des Küstengebietes schwierig, aber keineswegs unmöglich. - Die für den Verkehr in ungefähr meridionaler Richtung sehr günstige Lage des Sees kam bisher nur wenig zur Geltung. Am See war nicht viel zu holen, Küstenebenen von einiger Ausdehnung fehlen, ebenso gute Häfen, es gibt nur sehr wenige bequeme Verbindungen mit dem Hinterland. Zudem ist der See als stürmisch bekannt. Dieser letztere Umstand hat auch den Querverkehr etwas gehemmt, dessen Entwicklung durch die erheblichen geographischen und wirtschaftlichen Unterschiede. zwischen Ostafrika und Kongogebiet begünstigt wird. Deutsch-Ostafrika gehört der 80 t haltende Dampfer "Hedwig v. Wissmann" (seit 1901 hier). Außerdem ist ein belgischer Dampfer von 100 t in Tätigkeit, einige andere halbe Wracks. Dhaus und große Einbäume, die mit Staken bewegt werden, sind ziemlich zahlreich. Ein deutscher Dampfer mit 1200 t Wasserverdrängung (70 m lang, 2,30 m Tiefgang, 10 Seemeilen Fahrt) ist im Bau, ein zweiter in Aussicht. Sie sollen der Entwicklung des Fernverkehrs dienen, die in Zukunft nicht nur von Kigoma (s. Tafel 106), dem Hafen der deutschen Zentralbahn, einsetzen wird, sondern auch von Toa, dem Endpunkt der vom Kongo kommenden Lukugabahn (s.d.) und wohl auch von Kituta (Endpunkt der geplanten Bahn nach Katanga).

Literatur: E. Stroms von Reichenbach, Ist der Tanganjika ein Reliktensee? P. X. 47, Gotha 1901. - J. E. S. Moore, The Tanganyika Problem, Lond. 1903. - Zoologioal results of the third Tanganyika expedition, Proc. Zool. Soc. Lond. 1906. - E. Retzler; Der Tanganjikasee, Diss. Gießen 1912. - Steudel, Der Kampf gegen die Schlafkrankheit, Kolbl. 1912. - H. Marquardsen, Der Wasserstand du Tanganjikasee, X. a. d. Sch. 1913. - F. Tornau, Zur Geologie des mittl. und w. Teils von Deutsch - Ostafrika, Beitr. z. geol. Erforsch. d. d. Schutzgeb. 6, Berl. 1913. - Kniep, Der Tanganjikasee und seine Schiffahrt, DKolZtg. 1913. F. 0. Karstedt, Gegenwärtiges und Zukünftiges vom Tanganjikasee, ZKolPol. 1913.

Uhlig.