Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 461

Tatauierung. Die Bezeichnung des Brauches geht auf polynesisch tatau = "richtig", nämlich die Muster einschlagen, zurück. Die Form Tätowierung ist eine englische Verballhornung dieses Wortes und verschwindet besser aus dem Sprachgebrauch zugunsten von T. Die T. besteht darin, daß Farbstoffe (Kohle) durch Stiche oder Schnitte in die obersten Schichten der Lederhaut eingeführt werden mit dem Ergebnis, daß nach der Heilung der Wunden bläulich durch die Oberhaut durchscheinende Male zurückbleiben. Zur Herstellung der Wunden dienen Dornen, Haizähne, Nadeln oder aus Zähnen geschnittene Platten, die, an einer Seite gezähnt, mit der gegenüberliegenden hammerartig an einem Holzstil befestigt sind. Man stellt auf diese Weise Muster her, die den ganzen Körper oder einzelne Abschnitte (z.B. auf den Karolinen die vom Schurz nicht bedeckten) einnehmen. Die größte Verbreitung hat die T. in Polynesien und Mikronesien, d.h. bei den hellbraunen Völkern; in Melanesien ist sie wesentlich geringer, in Afrika unbedeutend, dafür treten hier die Ziernarben in den Vordergrund (s. Narbenverzierung). Im allgemeinen ist die T. der Männer umfangreicher als die der Frauen. Die Muster haben bestimmte Bezeichnungen, doch ist auch ihre Anordnung von Bedeutung. Angebracht wird die T. meist zur Zeit der Pubertät und bildet einen wichtigen Teil der dabei üblichen Bräuche (s. Pubertätsfeste); gelegentlich wird sie außerdem, wenn auch in weit geringerem Umfange, zu Heilzwecken vorgenommen. Die Unvergänglichkeit der T. macht sie zum Schmuck geeignet, vor allem aber als Mittel zur Kennzeichnung ihres Trägers; sie hat soziale Bedeutung. Wer sich der schmerzhaften, lange dauernden und keineswegs ungefährlichen Operation unterzog, hat damit seinen persönlichen Mut bewiesen, der Mann gilt als vollwertiges Glied der Gesellschaft und kann ebenbürtig heiraten, die Frau wird heiratsfähig. Die T. selbst läßt die Zugehörigkeit zu einem Stamme erkennen, darüber hinaus macht sie Häuptlinge, den Adel, die Freien untereinander und gegenüber den Hörigen sofort sichtbar; sie enthält Abzeichen für kriegerische Taten und bietet überhaupt die Möglichkeit, wichtige Ereignisse festzuhalten. Daß sie gelegentlich zur Zauberei (s. Religionen der Eingeborenen, Abschn. Zauberglaube) Beziehungen erlangt, ist selbstverständlich; sie kann Schutz gewähren und Glück verschaffen und wirkt wie ein Amulett.

Thilenius.