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Technik der Eingeborenen (s. Tafel 190).
1. Werkzeuge. 2. Steinbearbeitung. 3. Töpferei. 4. Verarbeitung tierischer
Rohstoffe. 5. Verarbeitung pflanzlicher
Rohstoffe; Holzschnitzerei, Rindenstoffe.
6. Flechterei, Weberei.
Rohstoffe, die die Natur bietet, versteht
der Mensch nach seinen besonderen Zwecken und Absichten zu formen. Die
Arbeitsverfahren sind in dem Rohmaterial begründet, stellen aber auch eine
Leistung des menschlichen Geistes dar. Das letztere Element, das eine Generation
der anderen übermittelt, nennt man T. Sie kann ausgebaut werden durch
Verfeinerung der Methoden, durch Anpassung an neue Rohstoffe, aber auch abnehmen
und zerstört werden, wenn neue Arbeitsweisen die alten ersetzen oder die
heimischen Erzeugnisse durch eingeführte abgelöst werden. Insbesondere
vernichtet die Einfuhr europäischer Erzeugnisse
überall die alten Techniken, doch wird dadurch nicht allein eine aus anderen
Gründen vielleicht erwünschte Entlastung der Arbeitenden erzielt, die bisher
ihre Kraft auf durchweg mühsame und zeitraubende T. verwenden mußten, sondern es
geht gleichzeitig ein Erziehungsmittel verloren, und die Kultur verarmt vor
allem nach der künstlerischen Seite hin, denn jede T. bietet dem Individuum
reichlich Gelegenheit zur Entfaltung seiner Geschicklichkeit und seines
Geschmackes. Dieses individuelle Moment spielt eine um so größere Rolle, als der
Eingeborene die Mechanisierung der Arbeit,
wie sie die Maschine bietet, ursprünglich nicht kennt und erst neuerdings
annimmt.
1. Werkzeuge. Seine wichtigsten Werkzeuge sind seine eigenen Glieder,
die er in außerordentlich geschickter Weise verwendet, indem er z. B.
die Schnur zwischen den Zehen beider Füße ausspannt, um dann mittels der
Hände die mit den Zähnen hergerichteten Bänder an sie zu knüpfen, wenn
er einen Schurz herstellen will. Die Mehrzahl der technischen Arbeiten
wird im Hocken oder Sitzen ausgeführt, um den Boden als Arbeitsfläche
benutzen zu können, die Geräte, die als Hilfsmittel dienen, sind
einfachster
Art und erweisen sich fast alle als Projektionen der Organe des
menschlichen
Körpers. Körperfremdes Material, von dem die Entwicklung der Werkzeuge
ausgeht, ist zunächst der Stein, den die Hand faßt, um zu zertrümmern,
zu zerreiben und zu stampfen. Er vertritt zum Teil noch heute in Afrika
den Hammer des Schmieds. Steinsplitter mit scharfen Kanten führen zum
Schaber und zum Messer; der der Härte nach dem Stein verwandte Haizahn
dient zum Bohren und Sägen, der scharfe Rand einer Muschel zum Schneiden
und Schaben. Dem Messer
(s.d.) verwandt ist der Meißel; setzt man Steinsplitter oder Haizähne
nebeneinander in einen Holzgriff, so erhält man die Säge, die Raspeln
und Feilen, die dagegen in Ozeanien aus Korallenstücken oder Rochen- und
Haihaut
bestehen. Ein Knieholz ergibt die Hacke;
bildet ein zugeschärftes Stück Stein oder Muschel den kurzen Schenkel,
so erhält man die Axt (s.d.). Diese
einfachen Werkzeuge sind zum Teil
heute noch bei Naturvölkern in Gebrauch, andere können auf sie
zurückgeführt
werden, obgleich die Metalltechnik einen großen Formenreichtum
hervorrief,
der die Anpassung z.B. des Messers an die verschiedensten Zwecke
ermöglichte
und u.a. die Schere ergab. Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß alle T.
jedes größeren Gebiets selbständig erfunden wurden, da manche Verfahren
einander mitunter völlig gleichen (Flechterei), so ist doch ihre
Wanderung
im einzelnen bisher kaum nachzuweisen. Erschwerend wirkt hierbei der
Umstand,
daß eine Reihe von T. an das Vorkommen bestimmter Rohstoffe anknüpft,
wie die Metallindustrie (s.d.),
die Töpferei oder die Verwertung von größeren
Säugerfellen, daß ferner engverwandte T. verschiedene Rohstoffe
behandeln,
wie Stein und Muschel. Eine Übersicht über die wichtigsten T. geht daher
am besten von den Rohstoffen aus.
2. Steinbearbeitung. Ihr Gebiet ist heute vor allem die Südsee, wo sie indessen vor dem eingeführten Eisen ebenso zurückgeht, wie sie in Afrika schon weit
früher der Eisentechnik Platz machte. Werkstücke bietet das Geröll der
Wasserläufe und Küsten, seltener anstehendes Gestein, das man erst zertrümmern
muß. Das Geröll ist handlich, muß aber oft noch zerkleinert werden. Durch
Einschleifen von Rinnen zeichnet man die Stücke vor, in die ein Block brechen
soll, wenn er zerschlagen wird; wiederum durch Schleifen erhält das Stück seine endgültige
Gestalt, nachdem zunächst durch Abschlagen von Splittern die Umrisse hergestellt
sind. Zum Schleifen verwendet man ein härteres Gestein oder Holz- und
Bambusstücke in Verbindung mit hartem Sand; ebenso verfährt man mit Muscheln (Tridacna). Spaltbares Gestein, wie Obsidian, kann man durch Druck oder Schlag in
Späne zerlegen, die dann weiter bearbeitet werden zu Speerspitzen, Messern u.
dgl. oder unmittelbar zum Schneiden dienen. Zum Bohren von Stein oder Muschel
dienen mit Spitzen aus gleichem Material versehene Stäbe, die man in den Händen
quirlt oder in der Form des Pumpenbohrers verwendet; auch hier setzt man Sand
hinzu als eigentliches Bohrmaterial, wenn das Werkstück nicht wesentlich weicher
als das Werkzeug ist. Indessen werden die kostbaren Armringe (Neumecklenburg) aus der Schale der Tridacna
oder Angelhaken aus Perlmutter in noch
mühsamerer Weise durchbohrt, indem man das glatte Werkstück in der Mitte von
beiden Flächen her mittels eines Lavastückes so lange reibt, bis ein Loch
entsteht, das man dann mit einem durchgesteckten Lavastück erweitert, bis der
Ring gebildet ist. Zum Schluß wird das Werkstück mit Sand auf Stein geglättet,
so daß eine leichte Politur entsteht. Auch weiche Steine wie Bimsstein,
Korallenkalk, werden verwendet, freilich nicht zur Herstellung von Gerät und
Werkzeug, sondern um Figuren (s. Ingiet) zu
gewinnen; man bearbeitet sie mit Messern und glättet mit Raspeln.
3. Töpferei (s. Tafel
10, 30). Die Töpferei geht von dem Ton aus, der durch Zusatz von Wasser knetbar gemacht
ist. Vorgeschichtliche Funde und moderne Stücke, die den Abdruck von Flechtwerk oder ein entsprechendes Ornament
zeigen,
lassen wenigstens einen Weg erkennen, auf dem die T. wahrscheinlich
entstand:
man bestrich Körbe mit Lehm und brannte sie, wobei das organische
Material
zerstört wurde und das Gefäß übrig blieb, das man dann bald ohne Hilfe
der geflochtenen Form herzustellen lernte. Die verbreitetsten Verfahren
sind folgende: Die Frau arbeitet aus einem Tonklumpen, der in der Mitte
vertieft wird, unter gleichzeitiger Heraufziehung des dabei entstehenden
Randes, das Gefäß heraus oder sie stellt eine Anzahl von Rollen
("Wülsten")
aus Ton her, die in Kreis- oder Schneckenform übereinander gelegt und
verstrichen werden. Seltener fertigt sie aus dem Ton lappenartige
Stücke,
die an- und übereinander gesetzt das Gefäß ergeben. Bei der ersteren
Methode
sind wiederum verschiedene Arbeitsweisen üblich. In Neuguinea
z.B. und in anderen ozeanischen Gebieten, die vorwiegend kugelförmige
Gefäße besitzen, formt man zunächst die spätere Unterhälfte, dann die
andere, die eine berandete Öffnung erhält. Beide Hälften werden
aufeinander
gepaßt, die Ränder verstrichen. Darauf stülpt sich die Frau das Gefäß
über die linke Hand und verarbeitet die Außenfläche mit einem Stabe.
Durch
dieses Klopfen wird eine innigere Verbindung der beiden Hälften
erreicht,
ferner aber dem Gefäß die endgültige Form gegeben, und die ursprünglich
1 - 2 cm dicke Wand auf die Hälfte und wenige verdünnt, wobei das Gefäß
auch größer wird. Man bezeichnet diese Form der Töpferei als
Treibarbeit, deren Abschluß die Herstellung
von Ausgußöffnungen, Rändern, Ornamenten usw. bildet. Zur Erleichterung
der Arbeit setzt man das Gefäß auf einen aus Blättern und Schnüren
hergestellten
Ring, auf dem es während der Bearbeitung in der Art eines Kugelgelenks
bewegt wird (Admiralitätsinseln). Wird das Gefäß
aus Rollen aufgebaut, so beginnt man mit der -Herstellung des Bodens aus
einer Tonscheibe, an die die Rollen angesetzt werden. Die Tonscheibe
wird
dabei gedreht. Ein verwandtes, in Afrika verbreitetes Verfahren besteht
darin, daß man die Arbeit auf einer besonderen Unterlage (etwa einer
Matte
oder einem alten Topfboden) beginnt, die gedreht wird. Im übrigen ist
das Werkzeug der Töpferin ein außerordentlich primitives. Nächst ihren
Fingern, dem Rande und der Fläche der Hand verwendet sie kaum mehr als
einen Topfscherben, einige Kalebassenstücke, auch wohl eine Tierrippe
und einen entkernten Maiskolben zum Verstreichen und Glätten, die
Fingernägel,
zugeschärfte Stäbchen zur Herstellung der Ornamente. Um so erstaunlicher
sind die Ergebnisse; neben rohen und einfachen Gefäßen fertigt die Frau
künstlerische, die geübtes Augenmaß, Gefühl für Symmetrie und
Schönheitssinn
beweisen. Während die Frau die freihändige Töpferei ausführt, als deren
Erfinderin sie anzusehen ist, scheint die Verwendung der Töpferscheibe
(Nordafrika), die aus Altägypten stammen dürfte, mit der Männerarbeit
zusammenzuhängen. An der Grenze der eigentlichen Töpferei steht die
Herstellung
von Pfeifenköpfen, die Männerarbeit ist. Sie leitet zu der Verwendung
des Tons für plastische Arbeiten über, wie sie in Melanesien und dem Sudan in Idolen, nahezu überall in selbstgefertigtem
Spielzeug der Kinder vorliegen. Die fertiggeformten Stücke werden an der
Luft getrocknet und gelegentlich nachgearbeitet, um Luftrisse zu
schließen,
dann der Regel nach in offenem Feuer
gebrannt.
Vorher kann durch Auftragung einer dünnen Schicht eisenhaltigen feinen
Tons, die Verwendung von Öl oder Harz usw. eine nach dem Brande rote
oder
schwarze Färbung des Gefäßes erzielt werden; Ornamente können an dem
gebrannten
Stück durch Einreiben mit Kalk, Rotholz
usw. hervorgehoben werden. Da der Ton gewöhnlich nicht fein geschlämmt,
der Brand ungleichmäßig und bei größerer Stärke ungenügend ist, so ist
die Keramik der Naturvölker meist wenig haltbar. - Mit der Töpferei
verwandt
mag die Herstellung von Flaschen sein, die in den Salomoninseln aus einer Kokosnuß, in die ein
Bambusrohr eingesetzt ist, dadurch gewonnen werden, daß man das Ganze
gleichmäßig mit einer plastischen Masse bekleidet; auch die Verzierung
der als Wassergefäße dienenden Kokosnüsse mit solcher Masse in den
Admiralitätsinseln
dürfte hierher gehören. Diese Verfahren stehen wieder in Zusammenhang
mit der Dichtung von Körben, die Flüssigkeiten aufnehmen sollen, durch
aufgestrichene Harzmassen oder Ton.
4. Verarbeitung tierischer Rohstoffe. Unter dem tierischen Rohmaterial
steht
das Fell in erster Linie, das als solches verwendet oder zu Leder
verarbeitet
wird. Das frische Fell wird auf der Fleischseite mit Messern Schabern
usw. gereinigt; will man auch die Haare entfernen, so läßt man es
zusammengerollt
einige Tage faulen und zupft sie dann aus oder stößt sie mit Schneiden
aus Knochen, Holz usw. ab. Um der Haut Geschmeidigkeit zu geben, wird
sie gewalkt, mitunter auch mit Dickmilch, Hirn, Fett usw. behandelt, so
daß sie sämischgar wird; die Gerberei ist anscheinend eingeführt, im
Sudan
wohl durch Araber (s. Lederindustrie).
Als Binde- und Nähmaterial dienen die Sehnen, die zu Fäden zerrissen
werden.
Wertvoll sind ferner größere Knochen, die zu Spateln und Dolchen
(Melanesien),
zu Schmuckteilen und Amuletten verarbeitet werden, Zähne liefern Ring-
und Behangschmuck, kleines Gerät, aber auch Tuthörner; kleine Knochen,
z.B. aus dem Flügel der Fledermaus werden an Speerspitzen
(Salomoninseln)
angebracht. Technisch ist die Behandlung (Schleifen, Schärfen,
Durchbohren)
gleich der des Steins und der Muschel. Von den inneren Organen werden
Magen oder Blase als Wasserbehälter (Buschmänner) benutzt, anscheinend
ohne besondere Bearbeitung.
5. Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe; Holzschnitzerei, Rindenstoffe. Pflanzliches
Rohmaterial wird in sehr großem Umfang verwendet. Aus Holz werden Haus-
und andere Geräte, Waffen und Waffenteile, Idole,
Haus und Boot gefertigt. Technisch handelt es sich dabei um das
Herausarbeiten
der gewünschten Form aus dem größeren Holzstück, was mit Messern (s.d.)
und Äxten (s.d.) geschieht. Für Holzstücke (z.B. Milchgefäße) sind im
Gebiet der Eisentechnik besonders gekrümmte Messer in Gebrauch. Die
Bearbeitung
des Holzes ist wesentlich Holzschnitzerei der Männer. Die Verbindung der
vorbereiteten Balken und Bretter für Häuser und Boote geschieht durch
Nähte oder Bindungen mittels geflochtener Schnüre. Eine Vereinigung
durch
Dübel, Zapfen, Federn usw. ist kaum bekannt, und, wo sie vorkommt (Aua
im Bismarckarchipel, zum Teil Sudan, auch Deutsch-Ostafrika),
wahrscheinlich eingeführt. Daher wird zerbrochenes oder gesprungenes
Holzgerät
durch Bindung mit nachfolgender Harzdichtung wieder hergestellt, für
Neuarbeiten
stets ein Holzstück gewählt, das größer ist als der geplante Gegenstand.
Daß hierbei, zumal bei sperrigen Formen, unnötig Material und Arbeit
aufgewandt
wird, liegt auf der Hand; anderseits wird aber auch die Form des
Gegenstandes
durch die des Rohholzes bestimmt (z.B. bei Idolen), da man Bindungen
vermeiden
will, und nur Aststücke bieten eine gewisse Freiheit der Formgebung. Als
Werkzeuge dienen Axt und Messer, für die Fertigstellung Feilen, Raspeln
usw. - Der Baum liefert außer dem Holz auch die Rinde. Sie wird gleich
dem Fell zu flächenhaften Stoffen verarbeitet, und die Rindenstoffe sind
überall in Ozeanien verbreitet, während sie in Afrika an die Gebiete der
Fellbearbeitung grenzen, aber auch schon
vor der allgemeinen Kolonisation
vor Baumwollstoffen zurückwichen; in beiden Gebieten wird die
einheimische
T. jetzt von eingeführten Stoffen verdrängt. Die Herstellung beginnt mit
dem Ablösen eines Rindenstückes von einem Baum oder abgehauenen Ast. Ein
oberer und unterer Ringschnitt begrenzen das Rindenstück, das man
entweder
als Rindenplatte ablöst, nachdem die Ringschnitte durch einen
Längsschnitt
verbunden sind, oder das ohne diesen durch Klopfen vom Holz gelöst und
als Schlauch von ihm abgeschoben wird. Demnächst muß die Schicht des
Innenbastes
von der äußeren harten Schicht getrennt werden, was durch Mazeration mit
Wasser und Klopfen mit kurzen Knüppeln erreicht wird. Das soweit
vorbereitete
Stück soll geschmeidig und haltbar werden. Beides. ist das Ergebnis
einer
lange fortgesetzten Behandlung, bei der das angefeuchtete Stück auf
einem
Baumabschnitt oder Brett mit einem Klöppel aus Holz oder Elfenbein
(Afrika) in der Form eines Stabes oder eines Hammers geklopft oder
gewalkt
wird. Man erreicht dadurch die Verfilzung der freigelegten Bastfasern
und die Entfernung des Pflanzensaftes. Je nach der Baumart, von der man
die Rinde nimmt, erhält man gröbere oder feinere Stoffe. Die
fertiggestellten
Stücke können durch Klebstoff zu größeren verbunden werden. Zur
Verzierung
dient zunächst das Muster, das die Schlagfläche des Klöppels trägt und
dem Stoffe mitteilt, ferner einfache Bemalungen in Strichen usw.
(Afrika);
Farbige mit der Hand hergestellte Musterungen kennt
man in Ozeanien, wo in Samoa außerdem
Muster
oder Vorzeichnungen für die Bemalung dadurch erzielt werden, daß man den
Stoff auf eine mit dem erhabenen Muster versehene Holzplatte legt und
die freie Stofffläche mit einem Erdfarbstoff reibt, wobei das Muster
hervortritt.
6. Flechterei, Weberei (s. Tafel 111). Eine Fülle von
Verwendungsarten
hat die Flechterei, zu der technisch auch das Knoten und Knüpfen
gehören.
Sie liefert Palisaden, Fischzäune,
Tierfallen, Netze, Säcke, Taschen, Körbe, Flaschen, Siebe, Mützen,
Maskenanzüge,
Schmuck, Kleidung, Schurze, Matten,
Decken,
Bänder, Schnüre usw. usw., Teile der Waffen, Geräte, Häuser, Boote usw.
usw. Zahlreich sind die Pflanzen, die
das Material liefern (auch Tierstoffe, wie Sehnen, Lederstreifen, Haare
werden geflochten), und die bisher unterschiedenen rund 100
Geflechtarten
umfassen längst noch nicht alle Formen. Das Gebiet der Flechterei ist
noch wenig bearbeitet worden, doch läßt sich erkennen, daß kein Volk auf
nur eine Flechtart beschränkt ist, während umgekehrt einzelne eine große
Zahl kennen, so die Anwohner des Kaiserin - Augustaflusses. Manche
Flechtarten
sind auf wenige Gebiete beschränkt, so bildet z.B. Australien mit
Neuguinea
und Neupommern ein Verbreitungsgebiet
bestimmter Formen, Indonesien m it den Karolinen ein anderes, während viele weit
verbreitet
sind. Als Flechten bezeichnet man im
allgemeinen eine Arbeit, bei der aus einem schmalen und langen Material
durch Verschränkung ein breiteres oder längeres und festeres hergestellt
wird. Die Arbeit wird dabei lediglich mit den Händen ausgeführt oder mit
Hilfe eines Werkzeugs, das zur Verschränkung dient; die Herstellung des
Flechtmaterials geschieht durch Spaltung von Zweigen, Rinden, Blättern
usw. zu Streifen, oder man verwendet geflochtene Schnüre u.ä. zu anderen
Flechtereien. Durch Verarbeitung verschieden gefärbter Flechtstreifen
oder durch sekundäre Einflechtung gefärbter lassen sich Muster erzielen.
Bei der Mehrzahl der Geflechte kreuzen sich die Flechtstreifen
schiefwinklig.
Indessen kann man auch rechtwinklige Kreuzung erzielen, wenn man eine
Anzahl von Streifen parallel nebeneinander an einem Rahmen befestigt und
sie mit anderen Streifen durchflicht. Verwendet man weiterhin statt mehr
oder weniger starrer Streifen weiche oder biegsame und sehr schmale
Streifen,
so ergeben sich die Übergänge vom Flechten zum Weben, das sich vor allem
zur Herstellung weicher, schmiegsamer Stoffe eignet. Ein besonderer
Fortschritt
auf dem Wege ist die Herstellung von Fäden, die in beliebiger Länge
erhalten
werden können. Man gewinnt sie aus kürzeren runden Fasern, die wie die
Kokosfasern durch Rollen auf dem Oberschenkel
ineinandergedreht oder wie Baumwollfasern, Haare usw. mittels der
Handspindel
versponnen und zum Gebrauch in Knäueln oder auf Spulstäbe gewickelt
aufbewahrt
werden. Die Übergänge zwischen Flechterei
und Weberei, die man als Halbweberei zusammenfassen kann, sind durch
Verwendung
eines Rahmens mit parallelen Fäden oder schmalen Streifen, die "Kette"
gekennzeichnet, zwischen denen der "Schuß" mit der Hand oder einem
Stock,
in dessen Ende der Faden eingeklemmt ist, durchgeführt wird, während ein
flaches, schweres Holz, das man hinter dem Faden einschiebt, zum
Festschlagen
des Schusses dient. Inwiefern hier das Gerät schon von der eigentlichen
Weberei bestimmt ist, also eine Beeinflussung der älteren Flechterei von
der jüngeren Weberei her erfolgte, mag dahingestellt bleiben. Das
Kennzeichen
der Weberei im engeren Sinne ist die mechanische Bildung des "Faches".
Spannt man in einem viereckigen Rahmen von einer Seite zur
gegenüberliegenden
die nebeneinanderliegenden Kettenfäden, so kann man mittels eines
eingeschobenen
Lineals, der Lade, den 1., 3., 5. usw. Kettfaden von dem 2., 4., 6. usw.
abheben. Stellt man nun das Lineal auf die schmale Seite, so entsteht
ein prismatischer Raum, dessen Seiten gebildet werden von der Lade, von
den ungeraden, endlich von den geraden Kettfäden. Dieser Raum ist das
"Fach", durch das man nun den Schußfaden hindurchführen kann. Hebt man
darauf die Kettfäden 2, 4, 6 usw. auf die Lade, unter der dann die
Kettfäden
1, 3, 5 usw. liegen, so entsteht das Gegenfach. Eine weitere Stufe ist
folgende: Der Webeapparat liegt wagerecht, die Kettfäden sind über den
mit beiden Enden etwa an einem Baume befestigten stabförmigen Kettbaum
und den vor der Weberin liegenden, an ihr durch ein Taillenband
befestigten
Brustbaum gespannt. Zwischen diesem und dem Kettbaum folgen aufeinander
1. zwei Stäbchen, die die geraden (oberen) von den ungeraden (unteren)
Fäden trennen, das Kreuz; 2. ein Stab, an dem mittels Schlingen die
unteren
Kettfäden befestigt sind (Schlingenstab); 3. ein dicker Stab
(Trennstab);
4. ein zweites Kreuz. Durch Heben des Schlingenstabs bildet man das
Fach,
senkt man ihn, so entsteht durch den Trennstab das Gegenfach. Zum
Durchführen
des Schusses dient ein der Netznadel ähnliches Gerät, das den Faden
aufgewickelt
trägt, zum Anschlagen des Fadens wird dann noch eine Lade eingeschoben.
An diesem Webeapparat wird der Schlingenstab durch den Griff der Hand
bewegt, so daß man ihn als Griffwebstuhl bezeichnet. Statt den Apparat
wagerecht anzuordnen (mikronesischer Typus), kann man ihn auch mit Hilfe
eines besonderen Gestells senkrecht anordnen und erhält damit den
afrikanischen
Typus. Verwendet man statt des Schlingenstabes einen vierseitigen
Rahmen,
den lotrecht gespannte Fäden einnehmen, deren jeder eine Schlinge trägt,
so kann man durch diese Schlingen alle ungeraden Kettfäden spannen.
Verwendet
man einen zweiten solchen "Schaft" für die geraden Kettfäden, so kann
man die Oberkanten beider Schäfte miteinander durch eine Schnur
verbinden,
die an einem Gestell oberhalb des wagerechten Webeapparates über eine
Rolle läuft. Von der Unterkante jedes Schaftes geht ferner eine Schnur
aus, die in einem auf dem Boden mit einer Kante aufliegenden Brett endet
(das Ganze bildet das "Geschirr"). Tritt man auf das eine Brett, so hebt
sich der entsprechende Schaft, hebt man den Fuß ab, so senkt er sich.
Durch abwechselndes Treten erreicht man die Hebung des einen oder des
anderen Schaftes, d.h. die Bildung von Fach und Gegenfach. Statt ein
Brett
zu verwenden, pflegen z.B. die Ewe die
Schnur
an dem großen Zeh zu befestigen, die Bedienung der beiden Schälte (des
Geschirrs) erfolgt dann durch abwechselndes Heben und Senken der Füße.
Dieser Trittwebstuhl, den Männer bedienen (der
Griffwebstuhl
gehört in Afrika ursprünglich der Frau), kommt an der Küste von
Ostafrika
und im Sudan vor sowie in ganz Nordafrika. Zur Durchführung des Schusses
dient das Schiffchen, das eine Spule enthält, von der sich der Faden
selbsttätig
abwickelt; zum Anschlagen dient wiederum eine Lade. Durch Verwendung
verschieden
gefärbter Kett- und Schußfädchen, durch verschiedene Webart, d.h.
verschiedene
Verteilung der Kettfäden auf das "Geschirr" und durch Vermehrung der
Schäfte
lassen sich mannigfaltige Muster erzielen. Steigt die Zahl der Schäfte
über die von dem Weber zu übersehende Zahl hinaus, so übergibt man die
Bedienung einer Anzahl von ihnen einem über, dem Weber sitzenden
Gehilfen,
der die Schäfte nach dem Muster hebt und senkt. Dieser Typus, der eine
praktisch unbegrenzte Zahl von Mustern. herzustellen gestattet, ist der
ostasiatische Zugwebstuhl.
Literatur: H. Schurtz, Urgeschichte
der Kultur, Lpz. 1900. - J. Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit, Stuttg.
1886. - K. Weule, Kulturelemente d. Menschheit,
Anfänge und Urformen d. materiellen Kultur, Stuttg. 1911. - H. Ephraim, Über d.
Entwicklung d. Webetechnik usw., Lpz. 1905. - J. Lehmann, Systematik u. geogr.
Verbr. d. Geflechtsarten, Lpz. 1907. Thilenius.
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