Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 475 f.

Tendaguru-Expedition, eine der bedeutendsten paläontologischen Expeditionen aller Zeiten, unternommen zur Hebung der am Tendaguru (s.d.), nordwestlich von Lindi in Deutsch-Ostafrika lagernden Reste fossiler Tiere, hauptsächlich riesiger Dinosaurier (s.d.). - Nachdem Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der deutsche Ingenieur Sattler zuerst auf die teilweise frei zutage liegenden Knochen aufmerksam geworden war, wurde die Fundstelle durch den Stuttgarter Paläontologen Fraas genauer untersucht. Dieser erkannte die Reste als solche einer bis dahin unbekannten Dinosauriergattung aus der Familie der Sauropoden und gab der neuen Gruppe den Namen Gigantosaurus, auf die in der Tat gigantischen Größenverhältnisse der Tiere damit hinweisend. Da Fraas sowohl den Reichtum der Lagerstätten wie die wissenschaftliche Bedeutung der Funde richtig zu würdigen wußte, selbst aber nicht in der Lage war, eine größere Expedition auszurüsten, so wandte er sich an die Berliner Paläontologen, und forderte diese zur Bergung der fossilen Schätze auf. Durch die Tatkraft der Berliner Gelehrten, vor allem durch die energische Unterstützung von seiten der Gesellschaft Naturforschender Freunde und der Königl. Akademie der Wissenschaften, wurde eine größere Zahl finanzkräftiger Personen für das Unternehmen interessiert, und es kam ein Betrag von 180000 M zusammen, der es ermöglichte, im Frühjahre 1909 die Berliner Geologen W. Jannesch und E. Hennig sowie späterhin H. v. Staff nach dem Tendaguru zu schicken, um dort mit Hilfe angeworbener schwarzer Arbeiter die Ausgrabungen vorzunehmen. Als. nach dreijähriger Tätigkeit der genannten Forscher bereits mehr als 100000 kg fossiler Knochen geborgen und die Geldmittel, nicht aber die Fundstätten erschöpft waren, wurden vom Staate weitere 50000 M bewilligt, so daß die Grabungen bis zur wissenschaftlichen Erschöpfung der Lager fortgesetzt werden können. Was bisher geborgen wurde, wird zurzeit im Berliner paläontologischen Institute bearbeitet, und eine Reihe von Prachtstücken konnte bereits in der Schausammlung des Museums für Naturkunde dem Publikum zugänglich gemacht werden. Wie die aufgefundenen Reste von Muscheln, Schnecken, Belemniten und Eschen beweisen, handelt es sich am Tendaguru um Ablagerungen eines küstennahen Meeres der Kreideperiode, in das die zweifellos landbewohnenden Dinosaurier in irgendeiner Weise hineingeraten sein müssen. Gleichzeitig beweist nach Hennig das ungestörte Übereinanderlagern dreier Saurierschichten von je 20-30 m Dicke, daß der Gedanke an eine katastrophale Entstehung der Lagerstätte auszuschalten ist, daß wir es vielmehr mit einer in vielen Jahrtausenden langsam aufgebauten Ablagerung zu tun haben. Offenbar ist es häufig vorgekommen, daß die Saurier bei der Nahrungssuche in flachem Küstengewässer des Kreidemeeres von der Flut überrascht und ertränkt wurden. An einzelnen Stellen wurden Herden von mehr als, fünfzig Exemplaren, die offenbar gleichzeitig umgekommen waren, vorgefunden. Systematisch gehören die bis jetzt bearbeiteten Dinosaurierreste mehreren durchaus verschiedenen Gruppen an. Am seltensten fanden sich Spuren von Fleischfressern, doch bewies eine Anzahl gewaltiger, zweischneidiger Zähne, daß auch die Raubsaurier vorhanden waren. Auch Verwandte des aufrecht laufenden, aus den belgischen Funden so wohlbekannten Iguanodon fanden sich nur an einer Stelle, in einem zwerghaften Vertreter. Doch sind diese Reste so gut erhalten, daß eine Montierung des ganzen Skeletts wohl möglich sein wird. Zweifellos ist das der Fall bei den weit häufigeren Stegosauriern, großen, kleinköpfigen, kurzhalsigen Dinosauriern, deren Rücken und Schwanz bei den afrikanischen Formen mit riesigen, bis 1 m langen Stacheln bewehrt war. Alle diese Funde aber werden in Reichhaltigkeit wie vor allem in gigantischen Ausmaßen durch die der Sauropoden übertroffen. Von diesen liegen wenigstens 8-9 verschiedene Arten vor, die in ihrer Gestalt im allgemeinen sich den amerikanischen Riesensauriern, dem Brontosaurus und dem Diplodocus nähern, Tieren vom Körperbau ungeheurer Echsen, mit langem Schwanenhalse und kleinem Kopfe. In ihren Dimensionen aber übertreffen die größten ostafrikanischen Arten selbst die amerikanischen Riesen bei weitem, und sie sind somit die größten bekannten Landtiere überhaupt. Der größte bisher montierte Oberarmknochen im Berliner Museum hat eine Länge von 2,15 m und übertrifft den des 25 in langen Diplodocus um mehr als das Doppelte. Ein Schulterblatt hat eine Länge von 2 in, und die längste gemessene Halswirbelsäule maß nicht weniger als 12 m. Trotzdem mag die Totallänge der Tiere nicht viel über 30 in betragen haben, da der Schwanz nicht so peitschenartig langgezogen war wie bei dem amerikanischen Verwandten. Die Zahl der von diesen Arten vorliegenden Knochen ist so groß, daß es möglich sein wird, wenigstens vier oder fünf vollständige Skelette aufzustellen. Sonderbarerweise waren anfänglich gar keine Schädel aufgefunden worden, selbst dort nicht, wo große Herden der Saurier gleichzeitig ihren Untergang gefunden hatten. Offenbar waren die leicht ablösbaren, kleinen Köpfe von den Wellen frühzeitig abgeschwemmt worden. Erst als man sich entschloß, in der Richtung der Halswirbelsäulen, tief ins Gestein vorzudringen, wurden auch einige Schädel nach mühevollem Suchen aufgedeckt. Ihre wissenschaftliche Bearbeitung ist noch nicht erfolgt; sie dürfte wichtige Aufschlüsse vor allem über die Lebensweise der Riesentiere geben.

Literatur: E. Fraas, Palaeontographica. 1909, 120. - 8. Berichte über die Tendaguru-Expdition in Sitzungsber. der Gesellsch. naturforsch. Freunde zu Berlin, 1909 Nr. 6, 358 ff, Nr. 8, 500 ff, Nr. 10, 631; 1910 Nr. 8, 372 ff, 1912 Nr. 2 b.

Sternfeld-Tornier.