| Tendaguru-Expedition, eine der bedeutendsten paläontologischen
Expeditionen aller Zeiten, unternommen zur
Hebung
der am Tendaguru (s.d.), nordwestlich
von Lindi in Deutsch-Ostafrika
lagernden Reste fossiler Tiere, hauptsächlich riesiger Dinosaurier
(s.d.). - Nachdem Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der
deutsche Ingenieur Sattler zuerst auf die teilweise frei zutage liegenden
Knochen aufmerksam geworden war, wurde die Fundstelle durch den
Stuttgarter
Paläontologen Fraas genauer untersucht. Dieser erkannte die Reste als
solche
einer bis dahin unbekannten Dinosauriergattung aus der Familie der
Sauropoden
und gab der neuen Gruppe den Namen Gigantosaurus, auf die in der Tat
gigantischen
Größenverhältnisse der Tiere damit hinweisend. Da Fraas sowohl den
Reichtum
der Lagerstätten wie die wissenschaftliche Bedeutung der Funde richtig zu
würdigen wußte, selbst aber nicht in der Lage war, eine größere Expedition
auszurüsten, so wandte er sich an die Berliner Paläontologen, und forderte
diese zur Bergung der fossilen Schätze auf. Durch die Tatkraft der
Berliner
Gelehrten, vor allem durch die energische Unterstützung von seiten der
Gesellschaft
Naturforschender Freunde und der Königl. Akademie der Wissenschaften,
wurde
eine größere Zahl finanzkräftiger Personen für das Unternehmen
interessiert,
und es kam ein Betrag von 180000 M zusammen, der es ermöglichte, im
Frühjahre
1909 die Berliner Geologen W. Jannesch und E. Hennig sowie späterhin H.
v. Staff nach dem Tendaguru zu schicken, um dort mit Hilfe angeworbener
schwarzer Arbeiter die Ausgrabungen vorzunehmen. Als. nach
dreijähriger Tätigkeit der genannten Forscher bereits mehr als 100000 kg
fossiler Knochen geborgen und die Geldmittel, nicht aber die Fundstätten
erschöpft waren, wurden vom Staate weitere 50000 M bewilligt, so daß die
Grabungen bis zur wissenschaftlichen Erschöpfung der Lager fortgesetzt
werden
können. Was bisher geborgen wurde, wird zurzeit im Berliner
paläontologischen
Institute bearbeitet, und eine Reihe von Prachtstücken konnte bereits in
der Schausammlung des Museums für Naturkunde dem Publikum zugänglich
gemacht
werden. Wie die aufgefundenen Reste von Muscheln, Schnecken,
Belemniten und Eschen beweisen, handelt es sich am Tendaguru
um Ablagerungen eines küstennahen Meeres der Kreideperiode, in das die
zweifellos
landbewohnenden Dinosaurier in irgendeiner Weise hineingeraten sein
müssen.
Gleichzeitig beweist nach Hennig das ungestörte Übereinanderlagern dreier
Saurierschichten von je 20-30 m Dicke, daß der Gedanke an eine
katastrophale
Entstehung der Lagerstätte auszuschalten ist, daß wir es vielmehr mit
einer
in vielen Jahrtausenden langsam aufgebauten Ablagerung zu tun haben.
Offenbar
ist es häufig vorgekommen, daß die Saurier bei der Nahrungssuche in
flachem
Küstengewässer des Kreidemeeres von der Flut überrascht und ertränkt
wurden.
An einzelnen Stellen wurden Herden von mehr als, fünfzig Exemplaren, die
offenbar gleichzeitig umgekommen waren, vorgefunden. Systematisch gehören
die bis jetzt bearbeiteten Dinosaurierreste mehreren durchaus
verschiedenen
Gruppen an. Am seltensten fanden sich Spuren von Fleischfressern, doch
bewies
eine Anzahl gewaltiger, zweischneidiger Zähne, daß auch die Raubsaurier
vorhanden waren. Auch Verwandte des aufrecht laufenden, aus den belgischen
Funden so wohlbekannten Iguanodon fanden
sich nur an einer Stelle, in einem zwerghaften Vertreter. Doch sind diese
Reste so gut erhalten, daß eine Montierung des ganzen Skeletts wohl
möglich
sein wird. Zweifellos ist das der Fall bei den weit häufigeren
Stegosauriern,
großen, kleinköpfigen, kurzhalsigen Dinosauriern, deren Rücken und Schwanz
bei den afrikanischen Formen mit riesigen, bis 1 m langen Stacheln bewehrt
war. Alle diese Funde aber werden in Reichhaltigkeit wie vor allem in
gigantischen
Ausmaßen durch die der Sauropoden übertroffen. Von diesen liegen
wenigstens
8-9 verschiedene Arten vor, die in ihrer Gestalt im allgemeinen sich den
amerikanischen Riesensauriern, dem Brontosaurus und dem Diplodocus nähern, Tieren vom Körperbau
ungeheurer
Echsen, mit langem Schwanenhalse und
kleinem
Kopfe. In ihren Dimensionen aber übertreffen die größten ostafrikanischen
Arten selbst die amerikanischen Riesen bei weitem, und sie sind somit die
größten bekannten Landtiere überhaupt. Der größte bisher montierte
Oberarmknochen
im Berliner Museum hat eine Länge von 2,15 m und übertrifft den des 25 in
langen Diplodocus um mehr als das Doppelte. Ein Schulterblatt hat eine
Länge
von 2 in, und die längste gemessene Halswirbelsäule maß nicht weniger als
12 m. Trotzdem mag die Totallänge der Tiere nicht viel über 30 in betragen
haben, da der Schwanz nicht so peitschenartig langgezogen war wie bei dem
amerikanischen Verwandten. Die Zahl der von diesen Arten vorliegenden
Knochen
ist so groß, daß es möglich sein wird, wenigstens vier oder fünf
vollständige
Skelette aufzustellen. Sonderbarerweise waren anfänglich gar keine Schädel
aufgefunden worden, selbst dort nicht, wo große Herden der Saurier
gleichzeitig
ihren Untergang gefunden hatten. Offenbar waren die leicht ablösbaren,
kleinen
Köpfe von den Wellen frühzeitig abgeschwemmt worden. Erst als man sich
entschloß,
in der Richtung der Halswirbelsäulen, tief ins Gestein vorzudringen,
wurden
auch einige Schädel nach mühevollem Suchen aufgedeckt. Ihre
wissenschaftliche
Bearbeitung ist noch nicht erfolgt; sie dürfte wichtige Aufschlüsse vor
allem über die Lebensweise der Riesentiere geben.
Literatur: E. Fraas, Palaeontographica. 1909, 120. - 8. Berichte
über die
Tendaguru-Expdition in Sitzungsber. der Gesellsch. naturforsch. Freunde zu
Berlin, 1909 Nr.
6, 358 ff, Nr. 8, 500 ff, Nr. 10, 631; 1910 Nr. 8, 372 ff, 1912
Nr. 2 b. Sternfeld-Tornier.
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