Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 495 f.

Tippu Tip, Spitzname des bekannten ostafrikanischen arabischen Elfenbein- und Sklavenhändlers Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murgebi, geboren 1837 oder 1838. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter binti Habib bin Buschir el- Wardi stammten aus vornehmen Maskatfamilien. Trotzdem in seiner Verwandtschaft nur seine Großmutter väterlicherseits eine Negerin war, zeigte T. vollständig den Typus eines ostafrikanischen Negers. Er reiste bereits mit 18 Jahren nach Tabora, wo sein Vater sich zu Handelszwecken aufhielt, und von dort, über den Tanganjika nach Urua, um Elfenbein einzu- handeln. Im Lauf der Jahre erwarb er sich durch kühne Handelszüge bis tief in den späteren Kongostaat hinein und durch geschickte Ausnutzung der politischen Konstellationen zwischen den einheimischen Häuptlingen, die Ihn in zahlreiche Kriege verwickelten, größeren Reichtum. Am 29. Juli 1867 traf er mit Livingstone, (s.d.) in der Nähe des Moërusees zusammen. 1874 kam er nach Njangwe am Kongo, oberhalb dessen er seinen zukünftigen dauernden Mittelpunkt seiner Handelsunternehmungen, Kassongo, anlegte. Dort traf er im August den englischen Reisenden Cameron (s.d.), den er auf seiner Durchquerung Afrikas ein Stück über den Lualaba bis Utotera begleitete. Im Oktober 1876 begleitete er Stanley (s.d.) ein Stück den Kongo abwärts. 1882 ging er über Tabora, von wo aus ihn Wissmann. (s.d.) bis Mpapua begleitete, nach Sansibar zurück. Mitte 1883 war er wieder in Kassongo, von wo er die vom Kongostaat angelegte neue Station "Stanley Falls" besuchte und 1886 wieder in Sansibar. Auf diesem Marsch zur Küste begleitete ihn von Tabora bis Bagamojo der bekannte Reisende Junker (s.d.). Am 25. Febr. 1887 fuhr T. mit Stanley, der von Sansibar aus seine Emin Pascha-Rettungsexpedition antrat, über Kapstadt nach dem Kongo. Er sollte die Expedition mit Trägern, Nahrungsmitteln und durch seinen Einfluß bei den Eingeborenen unterstützen und dann in der Station Stanley Falls als "Wali der Fälle" den Posten einer Art belgischen Gouverneurs für den östlichen Teil des Kongostaates einnehmen, in dem inzwischen die Belgier dauernd mit den arabischen Sklavenhändlern gefochten hatten. Man hoffte durch seine Vermittlung ein erträgliches Verhältnis zwischen den Beamten des Kongostaats und den Arabern herzustellen. Als Stanley, nachdem er mit Emin Pascha (s.d.) in Sansibar angekommen war, T. wegen ungenügender Unterstützung verklagte und schadenersatzpflichtig machen wollte, reiste dieser im März 1890 von Stanley Falls ab und kam im Herbst 1891 in Sansibar an. Seitdem ist er nicht wieder ins innere gereist; seine drei Hauptstationen Kassongo, Kibonge und Ribariba hatte er an Verwandte abgegeben, sein Neffe Raschid unterlag 1893 den Belgiern. T. hat somit nicht mit eigenen Augen angesehen, wie die arabische Herrschaft im östlichen, Kongostaat völlig zusammenbrach. Ihn kosteten jedoch die letzten Kämpfe der Araber gegen die Belgier von seinem zurückgelassenen Besitz nicht weniger als 4500 Frasila Elfenbein, 20000 Gewehre und eine Menge Tauschartikel. Aus diesem Verlust, den T. gleichmütig ertrug, kann man sich eine Vorstellung von seiner früheren Macht und von dem Umfang seiner Handelsbeziehungen machen. Mit Recht hießen T. und seine zwei Freunde Rumaliza (Mohammed bin Halfan el-Barwani) und Bana Nzige (Mohammed bin Said el-Murgebi), die drei ungekrönten Könige vom oberen Kongo. T., der später noch einen großen Elfenbeinprozeß gegen Rumaliza vor dem Gericht in Daressalam verlor, verlebte den Rest seines Lebens in Sansibar, trotz seiner vielen Verluste der letzten Jahre immer noch ein sehr reicher Privatmann; politisch trat er nicht hervor, er starb am 14. Juli 1905, sein reiches Erbe zerstreute sich bald in alle Winde.

Literatur: Dr. Brode, Tippu Tip. Berl. 1905. - Außerdem wird er mehr oder weniger ausführlich in zahlreichen Werken von Alrikareißenden erwähnt, z.B. Livingstone, Cameron, Stanley, Durch den dunkeln Erdteil. – Der selbe, Emin- Pascha- Expedition, Wissmann, Junker u.a.

Herrmann.