Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 530 f.

Totemismus. In der Sprache der nordamerikanischen Odschibwä bedeutet Totem das Abzeichen einer Sippe, die in magischen Beziehungen zu dessen realen Vorbildern steht. T. ist danach die Vorstellung einer Verwandtschaft zwischen einer Gruppe von Blutsverwandten und einer Gruppe von Naturobjekten (meist Tier, seltener Pflanze, Gestirn, Naturerscheinung) oder von Geräten. Dabei sind z.B. die blutsverwandten Menschen des Totems Kakadu mit sämtlichen Kakadus verwandt gedacht usw. - Das Gebiet des T. umfaßt Amerika, Ozeanien, Australien, Indonesien, Afrika. Das Totem ist für die Blutsverwandten erblich, kann aber in vereinzelten Gebieten individuell erworben werden; so bestimmt z. B. in Zentralaustralien die Schwangere das Totem des Kindes, das sie gebären wird. Da hier der Zusammenhang zwischen Befruchtung und Entstehung des Kindes unbekannt ist und die Schwangere ihre Schwangerschaft erst an den Kindsbewegungen usw. bemerkt, so erklärt man sich die Geburt dadurch, daß unmittelbar vor dieser Beobachtung das Kind von einem Baum, Wasserloch, Felsen u. a., an denen die Mutter gerade war, in sie eindrang. In den Banksinseln identifizieren sich die Menschen mit bestimmten Tieren oder Früchten und glauben, daß sie an deren Eigenschaften teilhaben. Die Wurzeln des T. sind also in dem Zeitalter zu suchen, das weder Seelen noch Geister zu kennen brauchte, aber bereits den Glauben an magische Beziehungen des Menschen zu seiner Umgebung kannte. Sie finden ihren Ausdruck einmal in den Sagen, nach denen etwa die Sippe des Kakadus aus der magischen Befruchtung eines Weibes durch einen Kakadu entstand oder die Stammutter gleichzeitig Menschen und Kakadus gebar usw., ferner in dem Verhalten der Sippe zu den Tieren oder den Pflanzen, die sie als Totem betrachtet: In der großen Mehrzahl der Fälle tötet oder genießt sie es nicht, da sie sonst einen Verwandten töten würde, in seltneren genießt sie das Totem, um den magischen Zusammenhang aufrecht zu erhalten. Die Stufe, auf der sich die Vorstellungen von Seelen und Geistern finden, die Tieren, Pflanzen, Dingen eigen sind oder sich in solche einkörpern können, verändert wohl den Charakter des Totems, aber die Beziehungen des Menschen zu ihm haben nach wie vor magische Form. Heute erscheint der T. überwiegend in manistischer Gestalt; er ist durch den mythologischen Stammbaum, an dessen Anfang ein Totem steht, gekennzeichnet und durch bestimmte, für das Verhalten der Nachkommen zu den gegenwärtigen Totems maßgebende Regeln, die meist in Speiseverboten bestehen. Allerdings ist die Ausprägung des T. verschieden; er kann in der Form einer hergebrachten Religion auftreten oder in der stark abgeschwächten Gestalt der Angabe eines Sterbenden, seine Seele werde in dem und dem Tiere ihren Sitz nehmen, womit für seine Nachkommen das Verbot, es zu töten oder zu essen, verbunden sein kann. Neben den religiösen Beziehungen, die der T. in verschiedenem Maße haben kann, besitzt er gesellschaftliche, insofern seine ausgeprägten Formen oft mit Exogamie verbunden sind; Heiratsverbindungen bestehen nur zwischen Sippen (s.d.) verschiedener Totems, und die Zugehörigkeit zu dem gleichen Totem gilt so weit als absolutes Ehehindernis, daß ein Melanesier sich von dem Vorwurfe des Ehebruchs vollständig reinigen kann durch den einfachen Hinweis darauf, daß er und das Weib das gleiche Totem haben. S.a. Sippen und Religionen der Eingeborenen.

Literatur: J. G. Frazer, Totemism and Exogamie, Lond. 1910.

Thilenius.