Totemismus. In der Sprache der nordamerikanischen Odschibwä
bedeutet
Totem das Abzeichen einer Sippe, die in magischen
Beziehungen
zu dessen realen Vorbildern steht. T. ist danach die Vorstellung einer Verwandtschaft
zwischen einer Gruppe von Blutsverwandten und einer Gruppe von
Naturobjekten
(meist Tier, seltener Pflanze, Gestirn, Naturerscheinung) oder von
Geräten.
Dabei sind z.B. die blutsverwandten Menschen des Totems Kakadu mit
sämtlichen
Kakadus verwandt gedacht usw. - Das Gebiet des T.
umfaßt Amerika, Ozeanien, Australien,
Indonesien,
Afrika. Das Totem ist für die Blutsverwandten erblich, kann aber in
vereinzelten
Gebieten individuell erworben werden; so bestimmt z. B. in
Zentralaustralien
die Schwangere das Totem des Kindes, das sie gebären wird. Da hier der
Zusammenhang
zwischen Befruchtung und Entstehung des Kindes unbekannt ist und die
Schwangere
ihre Schwangerschaft erst an den Kindsbewegungen usw. bemerkt, so erklärt
man sich die Geburt dadurch, daß unmittelbar vor dieser Beobachtung das
Kind von einem Baum, Wasserloch, Felsen u. a., an denen die Mutter gerade
war, in sie eindrang. In den Banksinseln identifizieren sich die Menschen
mit bestimmten Tieren oder Früchten und glauben, daß sie an deren
Eigenschaften
teilhaben. Die Wurzeln des T. sind also in dem Zeitalter zu suchen, das
weder Seelen noch Geister zu kennen brauchte, aber bereits den Glauben an
magische Beziehungen des Menschen zu seiner Umgebung kannte. Sie finden
ihren Ausdruck einmal in den Sagen, nach denen etwa die Sippe des Kakadus
aus der magischen Befruchtung eines Weibes durch einen Kakadu entstand
oder
die Stammutter gleichzeitig Menschen und Kakadus gebar usw., ferner in dem
Verhalten der Sippe zu den Tieren oder den Pflanzen,
die sie als Totem betrachtet: In der großen Mehrzahl der Fälle tötet oder
genießt sie es nicht, da sie sonst einen Verwandten töten würde, in
seltneren
genießt sie das Totem, um den magischen Zusammenhang aufrecht zu erhalten.
Die Stufe, auf der sich die Vorstellungen von Seelen und Geistern finden,
die Tieren, Pflanzen, Dingen eigen sind oder sich in solche einkörpern
können,
verändert wohl den Charakter des Totems, aber die Beziehungen des Menschen
zu ihm haben nach wie vor magische Form. Heute erscheint der T.
überwiegend
in manistischer Gestalt; er ist durch den mythologischen Stammbaum, an
dessen
Anfang ein Totem steht, gekennzeichnet und durch bestimmte, für das
Verhalten
der Nachkommen zu den gegenwärtigen Totems maßgebende Regeln, die meist
in Speiseverboten bestehen. Allerdings ist die Ausprägung des T.
verschieden;
er kann in der Form einer hergebrachten Religion auftreten oder in der
stark
abgeschwächten Gestalt der Angabe eines Sterbenden, seine Seele werde in
dem und dem Tiere ihren Sitz nehmen, womit für seine Nachkommen das
Verbot,
es zu töten oder zu essen, verbunden sein kann. Neben den religiösen
Beziehungen,
die der T. in verschiedenem Maße haben kann, besitzt er gesellschaftliche,
insofern seine ausgeprägten Formen oft mit Exogamie
verbunden sind; Heiratsverbindungen bestehen nur zwischen Sippen
(s.d.) verschiedener Totems, und die Zugehörigkeit zu dem gleichen Totem
gilt so weit als absolutes Ehehindernis, daß ein Melanesier
sich von dem Vorwurfe des Ehebruchs vollständig reinigen kann durch den
einfachen Hinweis darauf, daß er und das Weib das gleiche Totem haben.
S.a.
Sippen und Religionen der
Eingeborenen.
Literatur: J. G. Frazer, Totemism and Exogamie,
Lond. 1910.