Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 532 f.

Trägerwesen. In primitiven Ländern, in denen moderne Verkehrsmittel (Eisenbahnen, Automobile usw.) oder sonstige Beförderungsmittel (Ochsenwagen, Kamele, Pferde, Maultiere, Esel, Lama usw.) wenig oder gar nicht zur Verfügung stehen und Wasserwege nicht vorhanden sind, ist man zur Beförderung von Handelsgütern auf Menschenkraft (Karawanenträger) angewiesen. In den deutschen Kolonien ist in Deutsch - Südwestafrika infolge des dort seit jeher ausgebildeten Ochsenwagenverkehrs ein eigentlicher Trägerverkehr nicht bekannt; desgleichen ist er in der Südsee wenig ausgebildet. Dagegen spielen in Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika die Träger beim Handel eine Hauptrolle, sowohl beim Transport der Landesprodukte zur Meeresküste resp. zu den Endpunkten von Eisenbahn, Flußschiffahrt, Automobilstraßen usw., als auch auf denselben Wegen beim Inlandtransport der Importgüter. In jeder Kolonie finden sich Stämme, die besonders zu Karawanenträgern geeignet sind, während andere längere Märsche überhaupt nicht vertragen und beim Wechsel von Klima, Nahrung usw. sofort zusammenbrechen. Eine Trägerlast, d.h. ein Kolli, das ein erwachsener gesunder Eingeborener in täglichem, gelegentlich von Ruhetagen unterbrochenem Marsch von mehreren Stunden tragen kann, wechselt etwa zwischen 40 und 80 Pfund. Die Last wird vom Träger entweder auf dem Kopfe, auf den ein Polster aufgelegt ist, getragen, oder abwechselnd auf einer Schulter oder auf dem Rücken in einer Art Trage (Kraxe) oder auf dem Rücken und mittels eines Stirnbandes festgehalten. Die ersteren Trageweisen haben den Vorteil, daß der Träger gerade gehen kann. jedoch gebraucht er dabei eine Hand zum Festhalten; beim Rückentragen geht der Träger gebückt, hat aber beide Hände frei. Schwerere Lasten werden, indem man die Last an eine lange Stange bindet, von zwei oder mehreren Trägern getragen. Bei besonders schweren Lasten, z. B. Dampferteilen, hat die Tragestange vorne und hinten eine entsprechende Zahl von angebundenen Gelenken, so daß die Träger sich nicht gegenseitig behindern. Auf die Last befestigt der Träger noch seine persönliche Habe, Schlafmatte, Kochtopf, Nahrungsmittel, Kalebasse usw., ev. trägt er dazu noch in der Hand ein Gewehr. Da auf den meist schmalen Negerpfaden die Träger hintereinander gehen müssen, so wird der Marsch durch die unvermeidlichen Stockungen um so mehr erschwert, je mehr Träger vorhanden sind. Die früher häufig vorkommenden Riesenkarawanen von mehreren tausend Trägern sind jetzt, dank der zunehmenden Sicherheit verschwunden; auch ist sonst zur Bequemlichkeit der Träger vieles durch Verbreiterung und Verbesserung der Wege, Brückenbau, Brunnenanlagen usw. geschehen. Gewöhnlich wird in den kühlen Morgenstunden marschiert, so daß die Träger die zweite Hälfte des Tages für sich haben. Für das Leben in den Lägern, das gemeinsame Essenkochen, Wasserholen, Hüttenbauen usw. tun sich die Träger zu kleinen Gemeinschaften zusammen, die meist nur aus Angehörigen desselben Stammes bestehen. An der Spitze einer größeren Anzahl von Trägern steht ein Trägerführer (Mngampara, capitao, headman), der selber keine Last trägt und am Schluß der Karawane marschiert, um Marode zu unterstützen und Nachzügler vorwärts zu treiben. Die Trägerlöhne variieren je nach der Gegend, der Dauer der Expedition, Jahreszeit und sonstigen Umständen sehr. Man bezahlt entweder einen festen Satz für den Marsch zwischen zwei Plätzen ohne Rücksicht auf die Anzahl der Tage, die der Träger marschiert; oder man vereinbart pro Tag oder pro Monat eine bestimmte Summe mit oder ohne Verpflegung. Ein Teil des Lohnes wird meist bei Beginn des Marsches als Vorschuß bezahlt. In Gegenden, in denen die Träger wegen Fehlens der Bevölkerung oder wegen Nahrungsmittelknappheit von den Eingeborenen keine Verpflegung kaufen können, gibt man kein Verpflegungsgeld sondern führt Lebensmittel mit, wozu wieder besondere Träger nötig sind. Dasselbe findet auch gelegentlich mit Wasser beim Marsch durch wasserlose Gegenden statt. Vor größeren Reisen pflegten früher die Träger ihre Zauberer zu befragen und durch Opfergaben einen glatten Verlauf der Reise zu erbitten; auch heute tragen sie noch vielfach Reiseamulette. Ferner legen sich die Träger während der Reise meist einen anderen Namen bei, der auf das Karawanenleben Bezug hat. Erwünscht ist bei jeder Trägerkarawane ein Spaßmacher, der sowohl im Sonnenbrand als bei Dauerregen durch seine Witze die Ermüdeten auffrischt; auch tragen die Führer oder sonst geeignete Träger Trommeln, die zeitweise auf dem Marsche geschlagen werden, andere blasen auf Antilopenhörnern; beliebt sind auch Klingeln und Klappereisen an den Fußgelenken. Ein weiteres Mittel, um über den Stumpfsinn des Marschierens und die Ermüdung hinwegzuhelfen, sind Gesänge, meist ein Chorrefrain zu dem Gesang eines Vorsängers. Es gibt bei den einzelnen Stämmen feststehende Trägerlieder; doch haben manche auch die Fähigkeit zu improvisieren und ein auf die Reise bezügliches Lied vorzutragen, zu dem der Chor bald einen Refrain findet. Den Trägern ist die Erforschung Zentralafrikas zu verdanken; ohne sie hätten die großen Forscher, die erst vor wenigen Jahrzehnten den Schleier über dem Innern des äquatorialen Afrikas lüfteten, ihr Ziel nie erreicht; daher sind auch alle Reisewerke neben den üblichen Klagen über Faulheit, Unzuverlässigkeit, Verlogenheit und Hang zum Stehlen der Eingeborenen den Leistungen ihrer Träger mit lobenden Worten gerecht geworden. S.a. Karawanenverkehr und Arbeiterverhältnisse.

Literatur: Beschreibungen über daß Trägerwesen, ihre Fähigkeiten, Nachteile, Lagerleben usw. finden sich in allen Reisebeschreibungen.

Herrmann.