Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 536 f.

Trommelsprache. Die Trommel (s.d.) kann in zwei prinzipiell verschiedenen Weisen zu Mitteilungen benutzt werden: entweder werden Melos (Tonbewegung) und Rhythmus (Zeit- und Stärkeverhältnisse) der gesprochenen Sprache wiedergegeben - T. im engeren Sinne -, oder es werden rhythmische Formeln von konventioneller Bedeutung - Signale - getrommelt. Die erste Methode liegt nahe, wenn die Tonhöhe für die Wortbedeutung mitbestimmend ist, wie in den Sudan- und manchen Bantusprachen (Ewe, Jaunde); auf dieselbe Art, wie mit der Trommel, können die Sätze mit Blasinstrumenten oder durch Pfeifen mit dem Munde gegeben werden (Trompetensprache, Pfeifsprache). Eine Zwischenform bildet die T. der Duala (s.d.), in der die meisten Signale konventionell sind, einige aber Nachbildungen gesprochener Sätze. Die Trommelsignale können durch gesprochene, Hoch- und Tiefton unterscheidende Silben wiedergegeben werden (Trommelsilbensprache, als Geheimsprache benutzt). In der Südsee existieren nur konventionelle Signale, die oft nur innerhalb eines engen Bezirkes verstanden werden. Die Ewe (s.d.) haben die T. von den Asante (s.d.) bekommen, sie trommeln daher nicht in ihrer eigenen, sondern in Tschisprache (s.d.). Es werden stets nur ganze Sätze, meist in Form von Sprichwörtern getrommelt; die Bedeutung gleichlautender Elemente (Wörter) geht aus dem Zusammenhang hervor. Man verwendet meist nur zwei Trommeln (Atupani), eine hochgestimmte ("männliche") und eine tiefgestimmte ("weibliche"), auf die auch die Mitteltöne je nach ihrer Stellung verteilt werden; seltener übernimmt eine dritte Trommel (Abuba) die Tieftöne, so dass die weibliche Atupani für die Mitteltöne frei wird. Doppelkonsonanten werden durch, Doppelschläge ausgedrückt. Als Einleitung ist eine Lobpreisung Gottes üblich, z.B. "die Termite zernagt Dinge, zernagt Gottes Dinge, aber sie zemagt nicht Gott." -Die Duala unterscheiden 4 Trommeltöne, je nachdem der Hoch- oder Tiefton mit der rechten oder linken Hand geschlagen wird. Die Mitteilung wird durch stereotype Anfänge und Schlüsse ein' gerahmt. Personen haben besondere, charakteri sierende Trommelnamen, z.B. "Leopard", "Spötter". In Kaiser-Wilhelmsland trommelt man statt des Eigennamens den Tanzrhythmus, der dem Angerufenen persönlich zugehört. - Für die T. werden meist Holztrommeln verwendet, nur in Togo häufiger Felltrommeln (s. Tafel 145/46). Die Holztrommeln sind teils trogförmig (Togo; Samoa), teils tonnen- oder kahnförmig mit einem Längsschlitz an der Oberseite, der in der Mitte oft durch zwei Zungen verschmälert ist; durch verschiedene Dicke der beiden Seitenwände werden zwei Tonhöhen an einer Trommel ermöglicht. Die Kameruner Holztrommel wird mit kurzen Stöcken auf den Schlitzrand geschlagen, die melanesische dagegen mit einem langen Stock, den, man durch die linke Hand gleiten läßt, gegen die Seitenwand gestoßen (s. Tafel 144). - Die Verwendung der Trommel ist äußerst mannigfaltig: im Krieg zum Aufruf der Mannschaft, zum Nachrichtendienst auch, um den Feind zu täuschen, mit verabredeten falschen Signalen (Gazellehalbinsel) -, zur Verspottung des Feindes und zur Verkündung des Sieges; im Frieden zur Einberufung von Versammlungen, Ankündigung von Gerichtsentscheidungen, neuen Gesetzen, Fremdenbesuch, Festen, Todesfällen usw.; aber auch zur Begrüßung des Neumonds, als Regenzauber (S alomoninseln) und bei der Totenfeier; endlich zur bloßen Unterhaltung von Dorf zu Dorf (Togo) und als rhythmische Tanzbegleitung. - Auf der Gazellehalbinsel unterscheidet man 3 Arten von Signalen: a kulatiding, Personenrufe der Häuptlinge, a borro, Häuptlingsrufe (beim Tod oder Festen), und a tintiding, gewöhnliche Rufe. Oft werden mehrere Trommeln verschiedener Größe verwendet, namentlich bei Totenfeiern (Duala; Melanesien). Man erkennt an der Tonhöhe, wem die Trommel gehört (Gazellehalbinsel; Samoa).

Literatur: Wuternmnn, Mitt. d. Orient. Sein. 1907, III. Abt. - P. Witte, Anthropos V, 1910. - Betz, Mitt. a. d. d. Schutzgeb., XI, 1898. - P. Eberlein, Anthropos V, 1910.

v. Hornbostel.