| Tropenkrankheiten (s. farbige Tafeln Erreger der
Tropenkrankheiten
I/II). Die gewöhnlich als T. bezeichneten Krankheitsformen beschränken
sich
in ihrem Vorkommen durchaus nicht auf den Tropengürtel, sehr viele davon
und mit die wichtigsten, greifen weit darüber hinaus. Manche Autoren, z.B.
Scheube, haben deshalb diese Bezeichnung ganz
aufgegeben
und sprechen nur von "Krankheiten der warmen Länder". Aber auch das hat
seine Schwierigkeiten. Abgesehen davon, daß man über den Umfang des
Gebietes,
das man zu den "warmen Ländern" rechnen soll, sehr verschiedener Ansicht
sein kann, würden Zweifel darüber bestehen bleiben, ob man zu den
"Krankheiten
der warmen Länder" nur solche zählen soll, die ihrer Natur nach nur in
wärmeren
Ländern heimisch sein oder wenigstens nur dort größeren Umfang annehmen
oder sonst größere Bedeutung erlangen können oder ob man noch die
Krankheiten
hinzurechnen soll, die zwar augenblicklich in den wärmeren Ländern
besonders
verbreitet sind, dies aber nicht inneren, unmittelbaren oder mittelbaren,
ursächlichen Beziehungen zu dem wärmeren Klima, sondern mehr den augenblicklichen
Kulturverhältnissen
in jenen Ländern verdanken und bei ähnlichen, hygienisch ungünstigen
Kulturverhältnissen
auch in kälteren Breiten dieselbe Ausbreitung erlangen können, wie in den
"wärmeren Ländern". Die meisten Autoren rechnen augenblicklich auch diese
Krankheiten noch zu den T. oder zu den Krankheiten der wärmeren Länder.
Wir wollen dem folgen und diese Krankheiten als
1. Gruppe der "Tropenkrankheiten" unterscheiden. Hierher gehören u. a.
Pest (s. d.), Cholera
(s. d.) und Aussatz (Lepra, s. d.). Das Nähere über diese ist in den
betreffenden Kapiteln zu finden, die Erreger sind auf der farbigen Tafel Erreger
der Tropenkrankheiten II Abb. 10, 11 und 12 abgebildet. Ihre Verbreitung ist an
kein Klima gebunden, sie haben früher in Deutschland und noch nördlicher schwere
Verheerungen angerichtet; der Aussatz herrscht noch in endemischer, wenn auch
nicht beträchtlicher Verbreitung in Norwegen und Rußland. Die mandschurische
Pest ist noch in aller Gedächtnis. Aber im ganzen genommen überwiegen diese
Krankheiten jetzt in den wärmeren Ländern, weil sie dort durch die
Kulturverhältnisse mehr begünstigt werden als in den höher entwickelten
Kulturländern der kälteren Breiten. Dies gilt im ganzen und großen auch für eine
andere Gruppe von Krankheiten, die nicht zu diesen Infektionskrankheiten
gehören, sondern durch gewisse Mängel in der Ernährung bedingt sind. Diese Mängel haben
ihren Grund in Volksgewohnheiten und in den sonstigen Kulturverhältnissen.
Gemeint ist die Gruppe der Beriberikrankheiten (s. Beriberi). Die echte
Beriberikrankheit ist bei den Reis essenden Völkern
Ostasiens heimisch, sie wandert aber mit den Chinesen, Japanern usw. über die Erde in beliebige
Gebiete, sofern die Einwanderer ihre unzweckmäßige Gewohnheit, sich ganz
überwiegend und ohne genügende Ergänzung durch andere Beikost mit Reis zu
ernähren, beibehalten. Die Krankheit tritt auch bei anderen Völkern, sogar auch
bei nicht Reis essenden Europäern, bei einseitiger Ernährung mit unzweckmäßigen
Nahrungsmitteln auf als reine Beriberi oder
mit mehr oder minder abweichenden Erscheinungen, häufig in Verbindung mit Skorbut (s.d.), der ebenfalls zu dieser Gruppe von
Ernährungskrankheiten gehört. Ferner gehören zu der ersten Gruppe der
Krankheiten der wärmeren Länder noch gewisse, durch Eingeweidewürmer (s. Eingeweidewürmer des
Menschen) bedingte Krankheiten des Darmes und der damit zusammenhängenden
Organe. Diese Parasiten schmarotzen außer im Menschen noch in Tieren, großen und
kleinen, und gelangen durch den Genuß von rohem Fleisch, rohen Fischen u. dgl.
in den Menschen. Wo das Essen solch roher Nahrungsmittel Volkssitte ist, wie das
z. B. in Japan mit dem Genuß von rohen Fischen der Fall ist, herrschen diese
Krankheiten in starker, endemischer Verbreitung. -
2. Als 2. Hauptgruppe der Tropenkrankheiten können wir die echten Klimakrankheiten unterscheiden, die
unmittelbar
durch das Klima, z. B. durch Sonnenwirkung, durch die tropische Hitze
in Verbindung mit der tropischen Feuchtigkeit bedingt werden. Hierher gehören
der Sonnenstich (s.d.), der Hitzschlag
(s. Sonnenstich) als akute, klimatische Schädigungen, während
Schlaflosigkeit,
Nervosität, Herzschwäche, Verdauungsstörungen u. a. m. sich erst nach
längerem Aufenthalt als chronische Klimawirkungen einzustellen pflegen
(s. Nervenkrankheiten). Dazu gehören auch
einige
nicht infektiöse, tropische Hautkrankheiten (s.d.), wie der "Rote Hund"
(s.d.) der Tropen u. a. m. Diese klimatischen Krankheiten im engeren
Sinne
äußern sich in sehr verschiedener Stärke je nach der Disposition der
Befallenen,
der individuellen sowie der Rassendisposition. Es gibt Tropenpathologen,
die behaupten, daß die dunkelhaarigen Europäer und von den blonden
diejenigen,
die leicht und intensiv von der Sonne gebräunt werden, die klimatischen
Einwirkungen der Tropen leichter ertragen als die ganz hellblonden,
zarthäutigen.
Jedoch würden erst ausgedehntere Untersuchungen über diese interessante
Frage Klarheit schaffen können; die bisherigen Feststellungen genügen
dazu nicht. Übrigens ist die Zahl dieser unmittelbar durch das tropische
Klima bedingten Krankheiten in den letzten Jahrzehnten erheblich
eingeschränkt
worden, weil viele Leiden, die man früher unmittelbar durch
Klimawirkungen
erklären zu müssen glaubte, auf Grund neuerer Forschungen auf infektiöse
Einflüsse zurückgeführt worden sind. Das gilt u. a. auch von der
tropischen
Blutarmut (s. d.), die man früher mit dem
verhältnismäßig
geringeren Sauerstoffgehalt, der Luft in den Tropen und mit anderen
klimatischen
Verhältnissen in Verbindung bringen zu müssen glaubte, während wir jetzt
wissen, daß die Blutarmut der Tropen immer infektiösen Ursprungs ist und
durch chronische Blutinfektionskrankheiten (Malaria s.d.) oder Darminfektionen u. dgl. (s.
Dysenterie)
bedingt wird. -
3. Im Gegensatz zu dieser zweiten Gruppe hat die Bedeutung der 3.
Hauptgruppe
und der Umfang der dazu zu rechnenden tropischen Krankheiten gerade in
den letzten Jahren mit wachsender Erkenntnis mehr und mehr zugenommen.
Es sind die wichtigsten und am weitesten verbreiteten Tropenkrankheiten,
nämlich das Heer derjenigen tropischen Infektionskrankheiten, die zwar
nicht unumgänglich an das Tropenklima
gebunden sind, die aber durch das wärmere Klima indirekt begünstigt
werden.
Sie werden durch Insekten übertragen, die entweder nur in den Tropen
gedeihen,
wie z.B. die Schlafkrankheitsfliege (s. Tsetsefliegen
und Schlafkrankheit), oder
wenigstens
in ihrer Verbreitung, sowie darin vom tropischen Klima begünstigt
werden,
daß die Entwicklung, die die Krankheitserreger in diesen Insekten
durchmachen
müssen, damit die Krankheit auf Menschen übertragen werden kann, durch
die höhere Temperatur der Tropen erheblich beschleunigt und auch sonst
befördert
wird. Meist handelt es sich um Blutinfektionskrankheiten, die durch
blutsaugende
Insekten übertragen werden. Hierher gehören die Malaria (s.d.), das Gelbfieber
(s.d.), einige Filarienkrankheiten (s. Filarien),
die durch Mücken übertragen werden, das Hundsfieber, das Denguefieber (s.d.), die ebenfalls durch eine
Art von Mücken übertragen werden, das Heer der afrikanischen
Trypanosomenkrankheiten
(s. Trypanosomen) einschließlich
der Schlafkrankheit (s.d.), die durch die Tsetsefliege übertragen
werden,
während dies bei der brasilianischen Trypanose durch eine Wanzenart
geschieht.
(Das Nähere ist unter den betr. Krankheiten zu finden; die Erreger der
Malaria und Schlafkrankheit sind auf der farbigen Tafel Erreger der
Tropenkrankheiten
1 Abb. 1 - 6, der Filarienkrankheiten auf farbiger Tafel Erreger der
Tropenkrankheiten
II Abb. 1 und 2 abgebildet.) Ferner kommen als Überträger von
Krankheiten
aus dieser Gruppe tropischer Leiden Zecken (s.d.) (afrikanisches Rückfallfieber [s.
Rückfallfieber],
tropische Tierkrankheiten), Milben (japanische Kedanikrankheit), Läuse (indisches und europäisches Rückfallfieber)
in Betracht. Bei einigen tropischen Infektionskrankheiten kennt man das
übertragende Insekt noch nicht, man muß aber annehmen, daß auch dabei
die Infektion durch den Stich bestimmter Insekten zustande kommt
(Orientbeule,
Kala - Azar [s.d.] u. a. m. [Näheres bei diesen, die Erreger der Kala
- Azar s. Farbige Tafel Erreger der
Tropenkrankheiten I Abb.
6]). Ob Insekten bei Übertragung der tropischen (Amöben-) Ruhr (s. Dysenterie) (s.d.; die Erreger s. farbige Tafel
Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 3) eine wesentliche Rolle spielen,
steht noch nicht fest, es dürfte sich aber dabei um mehr zufällige
Verschleppung
des Krankheitsstoffes handeln; auf Insekten als Wirtstiere, in denen sie
erst eine besondere Entwicklung durchmachen müssen, ehe sie infizieren
können, sind die Ruhrerreger nicht angewiesen. Immerhin dürfte das
wärmere
Klima auch die Übertragung der Ruhr von einem Menschen auf den anderen
mit oder ohne Beihilfe von Insekten begünstigen. Auf den Tropengürtel
beschränkt ist keine dieser Infektionskrankheiten; manche, wie die
Malaria,
dringen unter Umständen bis weit in die gemäßigten Zonen hinauf, andere
können, wie das gelbe Fieber, nur in heißen Sommern die Tropen und Subtropen überschreiten. Das hängt von der Natur
des Infektionsstoffes und der Widerstandsfähigkeit der übertragenden Insekten
gegen niedere Temperaturen ab. Jedenfalls finden sich bei allen diesen
Krankheiten gerade in den Tropen die bösartigsten Formen. Sie fehlen
aber
auch in den Tropen trotz günstiger klimatischer Vorbedingungen dort, wo
die krankheitsübertragenden Insekten nicht vorkommen oder der
Infektionsstoff
noch nicht eingeschleppt ist. - Bei dieser wichtigsten Gruppe der
tropischen
Krankheiten sind glücklicherweise die Aussichten auf erfolgreiche
Bekämpfung
am größten. Während die Kulturverhältnisse, die die Krankheiten der
ersten
Hauptgruppe in einigen wärmeren Ländern begünstigen, nur sehr langsam
und oft unter dem Widerstand, ja oft nur um den Preis des Rückganges und
der Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung gebessert werden können und
während die unmittelbaren klimatischen Einwirkungen, durch die die
Krankheiten
der 2. Gruppe bedingt werden, überhaupt durch menschliche Einwirkung
nicht
geändert, sondern nur in ihrer Wirkung bis zu einem gewissen Grade
abgeschwächt
werden können, bietet der Kampf gegen die Krankheiten übertragenden
Insekten.
mit wenigen Ausnahmen günstige Aussichten. Natürlich muß man, um ihn
führen
zu können, die Lebensbedingungen dieser Insekten aufs genaueste kennen,
ehe man mit Erfolg Mittel zu ihrer Vertilgung anwenden kann. Das hat zur
Ausbildung einer neuen Teilwissenschaft, der medizinischen Entomologie geführt, die ein theoretisch wie
praktisch wichtiges Glied der Tropenhygiene (s. Gesundheitspflege)
geworden ist.
Nocht.
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