Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 549 f.

Tsadsee. Der T. (auch Tschadsee, engl. Lake Chad, französ. Lac Tchad, von Kanuri Tsade = "große Wasseransammlung") ist ein großes, flaches Süßwasserbecken im Herzen Afrikas, auf der Grenze zwischen Sahara und Sudan, zwischen 13° und 15° östl. L. und 12 1/2 ° und 14 1/2 ° nördl. Br. Er hat die Gestalt eines unregelmäßigen Dreiecks und bedeckt nach Nachtigal eine Fläche von 27 000 qkm, etwa gleich der Insel Sizilien. Wegen des außerordentlichen Wechsels im Wasserstande sind aber Größe und Grenzen schwer festzulegen. Auch die Angabe der Meereshöhe unterliegt noch Schwankungen, zwischen 270 m und 310 m, die neuesten Karten geben 290 m an; jedenfalls füllt der T. nicht die tiefste Senke im Innern Afrikas, diese liegt vielmehr weiter östlich in Bodele und Ennedi, bei ungefähr 170 m. Die größten und wasserreichsten Zuflüsse erhält der T. von Süden, das Stromsystem des Schari und den Jadseram, von Westen den Komadugu oder Joo. Nach Osten erstreckt sich die breite, sumpfige Senke des Bahr el Gazal, in den aber kein oberflächlicher Abfluß mehr stattfindet. Im Bereich der Flüsse sind die Ufer mit dichtem Schilfdickicht bestanden, so daß es schwer fällt, einen Blick auf die offene Wasserfläche zu erlangen. Das Nord- und Ostufer sind Wüste, mit parallelen Reihen sandiger. Dünen, in deren Tälern sich die Wasser des Sees nach der Überschwemmung eine Zeitlang halten. - Die sandige Beschaffenheit und parallele Anordnung der Inseln in dem Archipel, der einen Dritteil des T. bedeckt, machen deren Dünennatur wahrscheinlich. Einige erreichen 30 m Höhe, während andere nur bei, Niedrigwasser auftauchen. Sie haben von jeher einen Schlupfwinkel für räuberische Völker und deren Rinderherden gebildet. Die jährliche Hochwasserperiode des T. stimmt nicht mit den Regenzeiten überein, wird vielmehr fast allein durch den Schari bedingt. Die einmalige Regenzeit am See dauert von Mitte Juli bis Mitte November. Der Schari, dessen Ursprung im Osten des Kamerunplateaus liegt, hat seine größte Wasserführung Anfang Oktober, der Hochwasserstand des T. tritt normal erst Mitte Dezember ein. Er macht sich naturgemäß an den flachen Westund Südufern weit stärker bemerkbar als im Nordosten. Sorgfältige Messungen der letzten Jahre ergeben ein tägliches Schwanken des Seespiegels um einen geringen, Betrag, der eine Erscheinung wie Ebbe und Flut bedingt. Es ist auf 'die Winde zurückzuführen, die im November bis April täglich eine Drehung um die Windrose machen, und das Wasser a uf die flachen Ufer weit hinauftreiben können. Für eine Verlegung des Sees in südwestlicher Richtung infolge der vorherrschenden Winde, ein Phänomen, das man in Steppenseen häufig beobachtet, fehlen sichere Belege. Französische Forscher wollen im Norden des Sees eine allmähliche Versalzung des Wassers konstatiert haben. Die Tatsache wäre nicht unwahrscheinlich, indessen scheint es sich um Einbrüche des Wassers in alte Salz- und Natronlager zu handeln. Da einige der ersten Forscher den See nur kurze Zeit oder während ungewöhnlich hoher Überschwemmungen kennengelernt haben, konnten sich widerstreitende Ansichten von einem Austrocknen oder einem Anwachsen ausbilden. Bis zum Jahre 1905 stellte der See eine zusammenhängende, allerdings sehr flache Lagune vor. Seitdem ist ersichtlich ein großer Wasserverlust eingetreten; deren Ursache zum Teil in den geringen Niederschlägen in den Randgebieten des Sees gesucht wird. Der ganze Nordzipfel wird jetzt von Karawanen trockenen Fußes durchzogen. Offne Wasserbecken befinden sich nur noch vor der Mündung des Schari und des Komadugu, beide sind durch eine Barre getrennt. Viele Inseln sind landfest geworden. Ein bedeutender Teil des Wassers geht jedenfalls an das Grundwasser verloren, da viele Brunnen ein regelmäßiges Steigen und fallen zusammen mit dem See zeigen. Vielleicht unterliegt der Seespiegel periodischen Schwankungen von 20 Jahren. - Eine interessante Verbindung zwischen dem T.becken und dem Ozean wird durch den Tuburisumpf (s.d.) vermittelt, durch den man bei Hochwasser des Schari vom Benue in den: Mao Kebbi gelangt. - Der T. wurde erst im vorigen Jahrhundert entdeckt; man hielt ihn früher für das Austrittsbecken des Niger, der unterirdisch mit dem Nil in Verbindung stehen sollte. Die erste Kunde drang durch Araber über Nordafrika zu uns. Denham (s. d.) erreichte als erster den See, 1823. Ihm folgten 30 Jahre später Barth (s.d.) und Overweg (s.d.), von denen Barth 1853/57 in der Umgebung des Sees reiste, während Overweg nach 2 Jahren starb. Später folgte Eduard Vogel (s.d.), dessen astronomische Beobachtungen 40 Jahre lang maßgebend blieben. Vogel wurde auf Befehl des Sultans von Wadai ermordet, ebenso der Deutsche v. Beuermann, der zu seiner Hilfe abgegangen war. G. Rohlfs (s.d.) berührte nur den See. Dagegen sind die Forschungen Nachtigals (s.d.) 1870/73 von größter Wichtigkeit geworden. Spätere Forscher waren meist Franzosen, die durch politische Gründe angetrieben wurden. Monteil, 1892, bereiste kurz die Umgebung des T., Gentil brachte 1897 einen Dampfer vom Schari in den T. Deutsche, französische und englische Grenzexpeditionen sind seitdem an der Arbeit gewesen. Eine neue Epoche der Forschung begann mit der politischen Besitzergreifung des T.gebiets seit dem Beginn dieses Jahrhunderts, wo deutsche, französische und englische Forscher tätig waren. - Der Anteil von Kamerun an den Ufern des T. beschränkt sich auf das Gebiet zwischen der Mündung des Schari (s.d.) bis zu den östlichsten Mündungsarmen des Jadseram (s.d.). Ein 10-20 km breiter Schilfgürtel verhindert jede Aussicht auf den See. Es folgt ein dichtes Akaziengestrüppe und endlich der fast vegetationslose Firkiboden. Die Uferregionen sind sehr reich an Wild und Wildgeflügel.

Literatur: Barths Reisen in Afrika. - Nachtigal, Sahara u. Sudan, 3 Bde. - H. Marquardsen, Oberflächengestaltung und Hydrographie des saharisch - sudanischen abflußlosen Gebietes, Göttingen 1909.

Passarge - Rathjens.