| Tsadsee. Der T. (auch Tschadsee,
engl. Lake Chad, französ. Lac Tchad, von Kanuri
Tsade = "große Wasseransammlung") ist ein großes, flaches Süßwasserbecken
im Herzen Afrikas, auf der Grenze zwischen Sahara und Sudan, zwischen 13°
und 15° östl. L. und 12 1/2 ° und 14 1/2 ° nördl. Br. Er hat die Gestalt
eines unregelmäßigen Dreiecks und bedeckt nach Nachtigal eine Fläche von
27 000 qkm, etwa gleich der Insel Sizilien. Wegen des außerordentlichen
Wechsels im Wasserstande sind aber Größe und Grenzen schwer festzulegen.
Auch die Angabe der Meereshöhe unterliegt noch Schwankungen, zwischen 270
m und 310 m, die neuesten Karten geben 290
m an; jedenfalls füllt der T. nicht die tiefste Senke im Innern Afrikas,
diese liegt vielmehr weiter östlich in Bodele und Ennedi, bei ungefähr 170
m. Die größten und wasserreichsten Zuflüsse erhält der T. von Süden, das
Stromsystem des Schari und den Jadseram, von Westen den Komadugu oder Joo.
Nach Osten erstreckt sich die breite, sumpfige Senke des Bahr el Gazal,
in den aber kein oberflächlicher Abfluß mehr stattfindet. Im Bereich der
Flüsse sind die Ufer mit dichtem Schilfdickicht bestanden, so daß es
schwer
fällt, einen Blick auf die offene Wasserfläche zu erlangen. Das Nord- und
Ostufer sind Wüste, mit parallelen Reihen sandiger. Dünen,
in deren Tälern sich die Wasser des Sees nach der Überschwemmung eine
Zeitlang
halten. - Die sandige Beschaffenheit und parallele Anordnung der Inseln
in dem Archipel, der einen Dritteil des T. bedeckt, machen deren
Dünennatur
wahrscheinlich. Einige erreichen 30 m Höhe, während andere nur bei,
Niedrigwasser
auftauchen. Sie haben von jeher einen Schlupfwinkel für räuberische Völker
und deren Rinderherden gebildet. Die jährliche Hochwasserperiode des T.
stimmt nicht mit den Regenzeiten
überein,
wird vielmehr fast allein durch den Schari bedingt. Die einmalige
Regenzeit
am See dauert von Mitte Juli bis Mitte November. Der Schari, dessen
Ursprung
im Osten des Kamerunplateaus liegt, hat seine größte Wasserführung Anfang
Oktober, der Hochwasserstand des T. tritt normal erst Mitte Dezember ein.
Er macht sich naturgemäß an den flachen Westund Südufern weit stärker
bemerkbar
als im Nordosten. Sorgfältige Messungen der letzten Jahre ergeben ein
tägliches
Schwanken des Seespiegels um einen geringen, Betrag, der eine Erscheinung
wie Ebbe und Flut bedingt. Es ist auf 'die Winde zurückzuführen, die im
November bis April täglich eine Drehung um die Windrose machen, und das
Wasser a uf die flachen Ufer weit hinauftreiben können. Für eine Verlegung
des Sees in südwestlicher Richtung infolge der vorherrschenden Winde, ein
Phänomen, das man in Steppenseen häufig beobachtet, fehlen sichere Belege.
Französische Forscher wollen im Norden des Sees eine allmähliche
Versalzung
des Wassers konstatiert haben. Die Tatsache wäre nicht unwahrscheinlich,
indessen scheint es sich um Einbrüche des Wassers in alte Salz- und
Natronlager
zu handeln. Da einige der ersten Forscher den See nur kurze Zeit oder
während
ungewöhnlich hoher Überschwemmungen kennengelernt haben, konnten sich
widerstreitende
Ansichten von einem Austrocknen oder einem Anwachsen ausbilden. Bis zum
Jahre 1905 stellte der See eine zusammenhängende, allerdings sehr flache
Lagune vor. Seitdem ist ersichtlich ein großer Wasserverlust eingetreten;
deren Ursache zum Teil in den geringen Niederschlägen in den Randgebieten
des Sees gesucht wird. Der ganze Nordzipfel wird jetzt von Karawanen
trockenen Fußes durchzogen. Offne Wasserbecken befinden sich nur noch vor
der Mündung des Schari und des Komadugu, beide sind durch eine Barre
getrennt.
Viele Inseln sind landfest geworden. Ein bedeutender Teil des Wassers geht
jedenfalls an das Grundwasser verloren, da viele Brunnen ein regelmäßiges Steigen und fallen
zusammen
mit dem See zeigen. Vielleicht unterliegt der Seespiegel periodischen
Schwankungen
von 20 Jahren. - Eine interessante Verbindung zwischen dem T.becken und
dem Ozean wird durch den Tuburisumpf (s.d.) vermittelt, durch den man
bei Hochwasser des Schari vom Benue in den:
Mao Kebbi gelangt. - Der T. wurde erst im vorigen
Jahrhundert
entdeckt; man hielt ihn früher für das Austrittsbecken des Niger, der unterirdisch mit dem Nil in Verbindung stehen sollte. Die erste Kunde drang durch Araber über Nordafrika zu uns. Denham (s. d.)
erreichte
als erster den See, 1823. Ihm folgten 30 Jahre später Barth (s.d.) und Overweg
(s.d.), von denen Barth 1853/57 in der Umgebung des Sees reiste, während
Overweg nach 2 Jahren starb. Später folgte Eduard Vogel
(s.d.), dessen astronomische Beobachtungen 40 Jahre lang maßgebend
blieben.
Vogel wurde auf Befehl des Sultans von Wadai ermordet, ebenso der Deutsche
v. Beuermann, der zu seiner Hilfe abgegangen war. G. Rohlfs
(s.d.) berührte nur den See. Dagegen sind die Forschungen Nachtigals
(s.d.)
1870/73 von größter Wichtigkeit geworden. Spätere Forscher waren meist
Franzosen,
die durch politische Gründe angetrieben wurden. Monteil, 1892, bereiste
kurz die Umgebung des T., Gentil brachte 1897 einen Dampfer vom Schari in
den T. Deutsche, französische und englische
Grenzexpeditionen sind seitdem an der Arbeit gewesen. Eine neue Epoche der
Forschung begann mit der politischen Besitzergreifung des T.gebiets seit
dem Beginn dieses Jahrhunderts, wo deutsche, französische und englische
Forscher tätig waren. - Der Anteil von Kamerun
an den Ufern des T. beschränkt sich auf das Gebiet zwischen der Mündung
des Schari (s.d.) bis zu den östlichsten
Mündungsarmen des Jadseram (s.d.). Ein 10-20 km breiter Schilfgürtel
verhindert jede Aussicht auf den See. Es folgt ein dichtes
Akaziengestrüppe
und endlich der fast vegetationslose Firkiboden. Die Uferregionen sind
sehr
reich an Wild und Wildgeflügel.
Literatur: Barths Reisen in Afrika. - Nachtigal, Sahara u. Sudan, 3
Bde. - H. Marquardsen, Oberflächengestaltung und
Hydrographie des saharisch - sudanischen abflußlosen Gebietes, Göttingen 1909.
Passarge - Rathjens.
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