Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 553 f.

Tsetsefliegen (Glossinae) (s. farbige Tafel ). Die Tsetsen (wahrscheinlich = nsi - nsi = Fliege) wurden schon frühzeitig in Afrika als Überträger der Nagana (s.d.) angesehen. Sie gehören zur Insektenordnung der Dipteren, die nur ein Paar Flügel besitzen, während die Hinterflügel zu den Schwingkölbchen (Halteren) ausgebildet sind. In dieser Ordnung gehören sie zur Familie der Muscinae. Die Glossinae sind kleine bis mittelgroße Fliegen von ziemlich langem, schmalem Körperbau, der durch eine auffallende Haltung der Flügel in der Regel noch länger erscheint. Die Flügel werden nämlich beim Sitzen wagerecht übereinander, sich deckend, flach auf den Hinterleib aufgelegt (wie die Blätter einer Schere). An dieser Flügelhaltung allein ist die Fliege von allen anderen Stechfliegen zu unterscheiden. (Diese und die folgenden Merkmale s. farbige Tafel Tsetsefliegen).

Weitere Charakteristika sind:

1. Der Rüssel (Proboseis) ist eine feine, steife Hohlborste von der Länge des Rückenschildes, ohne Knickung, mit einer zwiebelförmigen Verdickung am Ursprung.

2. Die Fiederborste (Arista) der Fühler (Antennen) ist bei Glossina doppelt gefiedert, d.h. jede einzelne Fieder trägt wieder sekundäre Fiedern; außerdem ist bloß die Vorderseite der, Arista befiedert.

3. Die Männchen der Glossinen zeigen gegenüber ihren Verwandten eine Ausbildung der Genitalien in Form einer starken Hervorwölbung an der Unterfläche des letzten Leibabschnittes, das Hypopygium, das das Geschlechtsorgan darstellt.

4. Die Tsetsen gebären lebendig, und zwar jedesmal nur einen Nachkommen. Sie gebären eine Larve von gelblich - brauner Farbe, mit 12 Segmenten, fast so groß als der Leib der Fliege selbst (6 1/2 : 3 1/2 mm), die, nach der Geburt sich lebhaft fortbewegend, einen Schutz sucht, wo sie sofort einer Farbenänderung unterliegt, um nach ca. 1 - 2 Stunden in eine braunschwarze Puppe verwandelt zu sein. Nach ca. 3 -4 Wochen (je nach den klimatischen Verhältnissen) kriecht die junge Fliege aus. Der Ort der Larvenablage scheint bei den einzelnen Arten ein verschiedener zu sein. Während früher nur 7 Glossinenspezies unterschieden wurden, ist deren Zahl heute bereits auf 14 gestiegen. Die Systematik ist besonders von Austen und Newstead erforscht worden; auf des ersteren Buch sei bezüglich der Artunterscheidungen verwiesen. Die Anatomie der Tsetsen haben besonders Minchin und Stuhlmann studiert; namentlich des letzteren sorgfältige histologische Untersuchungen (auch an infizierten Fliegen) sind für das Studium der Entwi ung der Trypanosomen wichtig geworden. Diese spielt sich im Verdauungsstraktus und den Speicheldrüsen der Fliege. ab (s. Trypanosomen).

Die Glossinen sind in ihrem Vorkommen. auf Afrika beschränkt, mit einer einzigen Ausnahme, nämlich das Gebiet um Aden, wo Glossina tachinoides gefunden wurde. Auch in Afrika finden sich die Tsetsen im wesentlichen auf den tropischen Teil beschränkt, dort sind sie an bestimmte Gegenden gebunden, und zwar müssen diese einen lichteren oder dichteren Baum- oder Buschbestand aufweisen und in höherem Grade feuchte Gebiete darstellen ("fly belts"). Manche Arten sind dabei streng auf die Umgebung von Flußufern oder Seen angewiesen und finden sich nur in begrenzter Entfernung vom Ufer derselben (Glossina palpalis). Man vermutete deshalb Abhängigkeit von flußbewohnenden Tieren (Krokodilen) als Blutlieferanten, wie es früher für das Wild bereits nachgewiesen war. Es scheint aber, daß die Tsetsen Warmblüterblut anderem vorziehen; daß sie andere Flüssigkeiten als Blut saugen, ist unwahrscheinlich. Ihr Nahrungsbedürfnis ist sehr groß, in der Gefangenschaft gelingt es leicht, sie jeden zweiten Tag zum Saugen zu bringen. Viele Tsetsen stechen am liebsten vormittags und gegen Sonnenuntergang, nachts sind sie so wenig rege, daß schon lange die Erfahrung gelehrt hat, gefährliche fly belts nachts ungefährdet mit Vieh passieren zu können. Die Fliege, die stechen will, fliegt äußerst rasch und so leicht auf den Körper, daß meist erst der Stich selbst bemerkt wird. Der Saugakt selbst geschieht sehr rasch; meist in 20 - 30 Sekunden ist das Tier so vollgesogen, daß der Leib in Form eines wulstigen, roten Sackes herabhängt. Nach dem Saugen sucht die Fliege möglichst rasch einen Schutz unter Gras oder Gebüsch auf, um in Ruhe zu verdauen. Der Stich selbst ist bald kaum bemerkbar, bald sehr schmerzhaft. - Von Glossina palpalis wird angegeben, daß sie dunkle Farben bevorzuge, wovon als Anlockungs- und Fangmittel Gebrauch gemacht wird. Zu Versuchszwecken gelingt es leicht, Glossinen zu züchten (Stuhlmann, Kleine und Taute usw.). In der Freiheit scheinen die Glossinen zwei Jahre - vielleicht länger - leben zu können. Die beiden wichtigsten und bekanntesten Arten sind Glossina palpalis, die Überträgerin der Schlafkrankheit (s.d.), und Glossina morsitans, die seit langem als wichtigste Überträgerin der Tsetsekrankheit der Haustiere (s. Nagana) erkannte Glossina. Glossina palpalis, die auf das Ufergebiet der großen Flüsse, Seen und Nebenflüsse des tropischen Afrika beschränkte Art ist ca. 8 mm lang und charakterisiert durch ihre dunkle Färbung ("dark fly"). Die Rückenseite des Leibes ist braunschwarz und nur in der Mittellinie etwas heller gefärbt; die 5 letzten Glieder der Hinterbeine sind im Gegensatz zu anderen Arten schwärzlich (s. farbige Tafel Tsetsefliegen Abb. 1 u. 2). Glossina morsitans ist fast ebensogroß, aber heller. Der erste Leibesabschnitt ist auf der Rückenseite gelblich mit zwei braunen Flecken, die übrigen sehen braungebändert aus, indem eine breite helle Mittellinie stets deutlich ist; die Hinterbeine zeigen nur an den beiden letzten Gliedern eine schwärzliche Färbung. Das Nähere ist aus den beigegebenen Abbildungen zu ersehen (s. farbige Tafel Tsetsefliegen Abb. 3 u. 4). Von den übrigen Glossinen sei nur noch Glossina brevipalpis (früher für fusca gehalten) erwähnt als die größte, ca. 12 mm große Art; sie ist von bräunlicher oder dunkelgrauer Färbung. Als Überträger von Trypanosomen sind bisher mit Sicherheit Glossina palpalis, morsitans, brevipalpis, longipalpis und tachinoides erkannt worden. Die Bekämpfung der Tsetsefliege stellt eine Hauptaufgabe bei der Eindämmung der Trypanosomenkrankheiten dar; sie geschieht durch Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. So ist gegenüber Glossina palpalis die Abholzung der Uferstreifen ein Hauptmittel im Kampfe gegen die Schlafkrankheit, von dem seit Jahren erfolgreich Gebrauch gemacht wird. Andere Mittel der Bekämpfung konnten bisher nicht mit Bestimmtheit gefunden werden. So hat vor einigen Jahren ein Pflanzer auf Principe erfolgreiche Versuche mit Pflanzenleim, der auf dunkle Stoffe (zum Anlocken, s. oben) aufgeschmiert wurde, die Menschen oder Tieren angehängt wurden, gemacht. In Ostafrika hat ein Pflanzer Cleve aus bestimmten Pflanzen ebensolche Extrakte gewannen, auf Grund von Versuchen empfohlen und in den Handel gebracht; bei der Nachprüfung durch Schutztruppenärzte sind bisher aber zufriedenstellende Ergebnisse damit nicht erreicht worden. Auch eine Insektenfanglampe von Abresch (Quecksilberdampflampe mit Saugventilator), hat gegenüber T. vollkommen versagt. Näheres über die Verbreitung ist aus den drei beigefügten Karten zu ersehen, die im Reichs- Kolonialamt bearbeitet wurden.

Literatur: Austen, A Handbook of the tsetse flies. London, British Museum 1911. - Stuhlmann, Beiträge zur Kenntnis der Tsetsefliege. Arb. a. d. Kaiserl. Gesundheitsamt, Bd. 26. 1907. Sander, Die Tsetsen. Leipzig, J. A. Barth, 1905 und Arch. für Schiffs- und Tropenhygiene, Bd. 9. 1905.

Martin Mayer.