Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 575 ff.

Unjamwesi (s. Tafel 37), Landschaft Deutsch - Ostafrikas, die im weiteren Sinne als Groß -Unjamwesi nahezu das ganze zentrale Hochland des Schutzgebietes umfaßt. Daneben wird im engern Sinne der Name für die Gebiete gebraucht, die sich in nordsüdlichem, etwa 150 km breitem Streifen vom obern Ugala (s.d.) bis zum Manjonga (s. Wembäre) hinziehen. Im folgenden verstehen wir unter U. schlechthin Groß - U. Wie bei vielen Landschaften in Deutsch- Ostafrika, wird auch bei U. die Abgrenzung durch die Verbreitung einer gemeinsamen Sprache (die der Wanjamwesi [s.d.)] besteht aus vielen Dialekten) beeinflußt. Aber während sonst oft eine Landschaft im übrigen keine natürliche Einheit ist, bildet U. eine solche; in diese weite Hochfläche wuchs eine Völkergruppe mit gemeinsamer Sprache (nicht durchweg auch mit nahverwandtem Blut) hinein. Der Mangel natürlicher Grenzen innerhalb der Hochfläche, die ziemlich gute Wegsamkeit hat hier schon vor Jahrhunderten die Entstehung eines großen Reiches (mit allerdings schwankenden Grenzen) erleichtert, dessen Reste sich bis in die Araberzeit (s. Tabora) hinein hielten. Zu U. sind von größeren und häufig genannten Landschaften zu rechnen: Ussumbwa, Ukumbi, Ugala, Ukonongo, alle vier an der Westgrenze (Uha, Uwinsa, Uwende gehören nicht zu U.), Ukimbu (mit Itumba und Ujansi) und Ussongo im S und O, Ussukuma und Mssalala im N, Unjangwira, Ugunda, Ngulu (diese drei südlich von der folgenden), Unjanjembe und Ujui (nördlich von Unjanjembe) in mittlerer Lage (für die meisten dieser Landschaften s. besondere Artikel). In dieser Ausdehnung umfaßt U. ungefähr 194 000 qkm. - U. ist zumeist Urgesteinsland; die zentralen Teile bestehen aus Granit, dessen Grenze gegen den Gneis (soweit überhaupt feststellbar, s. Deutsch- Ostafrika 2) nach S und SW noch ganz unbekannt ist; im N beteiligen sich auch alte gefaltete Schiefer (s. Mssalala, Ussongo), im W paläozoische Sandsteine (s. Tanganjika) in wenig gestörter Lagerung an der Zusammensetzung; überall breiten sich Decken von Verwitterungsschutt, da und dort Schwemmland aus. Die gewaltige Fläche (s. Tafel 37) liegt in leichten, weiten Wellen, die in vielen Gegenden von sehr zahlreichen, aber meist ganz vereinzelt liegenden, niederen Felsrücken und Felsblockhäufungen (diese besonders im N) überragt werden. Die durchschnittliche Höhe von U. beträgt 1200 bis 1300 m; im NW und im S, in randlichen Gebieten liegen etwas bedeutendere Erhebungen. Der größte Teil von U. wird zum Mlagarassi (s.d.), damit zum Atlantischen Ozean entwässert, der N zum Victoriasee (s.d.), der O und S gehört zu den abflußlosen Gebieten (s. Wembäre und Rukwa) zwischen die sich dasjenige des Indischen Ozeans (s. Rufiji) schiebt. All diese Entwässerung arbeitet mit ganz geringem Gefälle, so daß die Grenzen zwischen den Systemen oft unklar sind. Das Zuviel und Zuwenig des Wassers, weite Überschwemmungen und Durststrecken in den extremen Jahreszeiten, sind gleicherweise durch die Formen bedingt. Nur gegen die erst im jüngsten Tertiär zur heutigen Tiefe versenkten Gräben des Tanganjika und Rukwa (s.d.) hin schneiden die Flüsse mit verstärktem Gefälle tiefer ein. U. gehört zum Gebiet des hier scharf ausgeprägten kontinentalen Passatklimas. Der N fällt in die Grenzzone gegen das äquatoriale Klima. Für die bedeutende Höhe ist U. sehr warm (s. Deutsch-Ostafrika 4) und ziemlich regenreich, die Trockenzeit ist oft völlig regenlos. (s. Tabelle Tabora unter Deutsch-Ostafrika 4). Die durchschnittliche Regenmenge dürfte 750 mm übersteigen. Tabora (1237 m) hat 803 mm (14jähr. Mittel), Sikonge und Ipole (in Ngulu. und Ugunda - s.o. mit gegen 1200 m Mh.) haben 635 und 725 mm (je dreijähr. Mittel), Ndala (nö. von Tabora, etwa 1300 m ü. d. M.) hat 603 (vierjähr. Mittel), Kilimani -Urambo (nw. von Tabora, etwa 1200 m ü. d. M.) hat 782 (fünfjähr. Mittel), Mariental in Ulungwa (etwa 1350 m) hat 969 (dreijähr. Mittel), St. Michael (1240 in) in Mssalala (s.d.) 610 mm (vierjähr. Mittel) Regen. S. ferner Ukimbu, Ukonongo, Ussumbwa, Sekenke, Muansa; hier am Ufer des Victoriasees liegt das regenreichste Gebiet von U. Vor einer Reihe von Jahrtausenden war fast ganz U. mit Ausnahme eines kleinen Stückes im NO von Miombo (s.d.) bedeckt, auch heute noch herrscht weithin lichter Trockenwald. in dem menschenarmen Süden vor, in kleineren Flächen auch im W und NW, insgesamt sollen es 60 % von U. sein. In der ermüdenden Eintönigkeit dieses Waldes wirken die Dörfer mit ihren Anbauflächen wie Oasen., Die Flächen zwischen Tabora und Muansa tragen häufig offene Grassteppe mit vereinzelten Bäumen, besonders Baobab (s.d. u. Tafel 37). Nicht selten ist das Gras recht dürftig und mit Kräutern gemischt; weiterhin tritt Buschgehölz hinzu. Solche Buschgrassteppe findet sich u. a. besonders im NO von U. (s. Wembäre und Mgunda mkali). Die dünn besiedelten Teile von U. haben noch viel Wild; auch der Miombo, obwohl er stets der offenen Steppe nachsteht, beherbergt einige kleinere Antilopenarten, aber auch das Zebra, ferner Schweine, Affen, ziemlich viel Vögel, vor allem Tauben. Besonders reich ist die Tierwelt der flachen, oft sumpfigen Flußtäler des S und W sowie ihre Umgebung. Der N und NO von U. eignen sich ausgezeichnet zur Viehzucht, sind sehr reich an Rindern und Kleinvieh (s. Muansa und Tabora). Der Anbau wird meist äußerst sorgfältig betrieben. Die wichtigsten Feldfrüchte sind Mais, Sorghumhirse, Bohnen, Erdnüsse, Bataten, auch Maniok und etwas Bananen (s. alle diese). U. nimmt den ganzen Bezirk Tabora ein, etwa 1/4 von Muansa (mit über 2/3 der Bevölkerung dieses Bezirks), große Teile von Dodoma, Bismarckburg, kleinere von Iringa, Bukoba, Kondoa - Irangi (s.d.). In den beiden ersten Bezirken leben 9/10 aller Wanjamwesi. In Muansa scheinen die Schätzungen der Volkszahl ziemlich genau zu sein. Die Sicherheit der Ergebnisse für Tabora leidet unter der besonders geringen Stabilität der Bevölkerung dieses Bezirks. U. hat durch viele Jahrzehnte die Träger geliefert, ohne die der Handel und Verkehr von Deutsch-Ostafrika da, wo er größere Entfernungen zu überwinden hatte, vor der Zeit der Eisenbahnen unmöglich war. (Das Bedürfnis nach Trägern ist bei der großen Steigerung des Handels heute wohl noch größer als vor zehn Jahren; aber an Stelle der Wanjamwesi sind, zumal bei der Beschränkung solches Verkehrs auf kleinere Strecken, meist die Eingeborenen der einzelnen Landschaften, in denen der Vorgang sich abspielt, getreten.) Ein halbes Jahr waren die jüngern Männer im allgemeinen auf den Straßen, ein halbes zuhause. Dann entstanden die Pflanzungsbezirke, zuerst in den küstennahen Gebieten (s. Deutsch - Ostafrika 11), die ebenfalls große Mengen von Leuten aus U. an sich zogen. Der einzelne war hier 10 Monate bis ein paar Jahre von Haus. Viele siedelten sieh auch in der Fremde an. Die Zahl der Männer, die auf diese Weise U. entzogen wurden, ist sehr viel größer als die der Frauen (Verhältnis etwa 10 : 1). Dieser Vorgang hat in manchen Teilen von U., besonders im NW, in Ussumbwa (s. o.), immer mehr zu sehr unwirtschaftlichen, ungesunden Verhältnissen, zu starker Bevölkerungsabnahme geführt. Abhilfe wird ohne, wenn auch verschleierte, Beschränkung der Freizügigkeit, vor allem aber ohne Schädigung der Pflanzungsbezirke nicht leicht sein. Je nachdem man die eine oder andere Schätzung zugrunde legt, ergibt sich für 1912 als Gesamtzahl der Bevölkerung, von U. 1 072 000 oder 1 181 000, also die durchschnittliche Volksdichte 5,5 oder 6,1. Im einzelnen ist die Dichte! äußerst ungleich verteilt; während sie im S und O meist kaum über 1 ist, wurde sie in den mittleren, den nö. und nw. Landesteilen überall über 10, in einigen größeren Gebieten sogar zu 30 geschätzt. Unter der Bevölkerung sind 1 043 000 (1 152 000) Wanjamwesi (s.d.) und 29 000 Fremde. Gerade diese letztere Zahl ist für die sehr alte wirtschaftliche Bedeutung des Landes, für die Höhe seiner Kultur bezeichnend. Zu 2/3 etwa sitzen diese Fremden in Tabora und an der zentralen Ostweststraße. Die Zahl der Wanjamwesi außerhalb U. (s.o.) betrug 1912 etwa 25 000, die in den Bezirken Aruscha, Bagamojo, Daressalam, Kilwa, Lindi, Morogoro, Moschi, Pangani, Tanga, Wilhelmstal (20 500 in den letzteren drei) verteilt lebten. Hierzu kommen noch 9000 Bewohner der an U. anstoßenden Landschaft Uwende (s.d.), die Wanjamwesi sind, ohne daß Uwende zu U. zu rechnen wäre, sowie 2000 Leute vom großen Stamme der Wasumbwa (s.d.), Wanjamwesi, die in Usindja wohnen. Die Gesamtzahl aller Wanjamwesi (im weiteren Sinne) ist danach rund 1 079 000 (oder 1 188 000, s.o.). -Unter den fremden Bestandteilen der Bevölkerung U.s sind besonders, interessant die Wangoni (s. Ussumbwa), die überall zerstreuten, hier nirgend zu politischem Einfluß gelangten Watussi (s.d., hier 3000), die auf den nicht vom Ackerbau beanspruchten Flächen ihr Vieh Weiden; schließlich die Manjema (s.d.), ehemalige Sklaven sowie Flüchtlinge aus dem Kongogebiet (16 000). Die Zahl der Araber und Inder ist viel geringer als man früher annahm (s. Tabora 2 und Muansa 2).

Literatur: B. Struck, Begleitworte zur Dialektkarte von Unjamwesi, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. XXIII, 1910 (Karte 1 : 2 Mill.). - Militärisches Orientierungsheit für Deutsch - Ostafrika. Daressalam 1911/12. - J. M. X. van der Burgt, Zur Entvölkerungsfrage Unjamwesis und Ussumbwas, KolRundsch. 1913 und 1914.

Uhlig.