Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 587

Urundi, Landschaft, Sultanat und Residentur von Deutsch- Ostafrika, 28 700 qkm groß, liegt im Zwischenseengebiet (s.d.). Die Grenze nach W bilden Russisi und Tanganjika, nach SO der Oberlauf des Mlagarassi (s.d.), weiterhin ungefähr das Tal seines gegengerichteten Nebenflusses des Lumpungu; gegen NO und N dienen der Akanjaru - Kagera (s.d.) nebst dem Ruwuwu streckenweise als Grenze. Im übrigen trennen U. von Ruanda (s.d.) nicht eigentlich natürliche Grenzen. Die beiden Länder haben sehr viel Gemeinsames. In der südlichen Fortsetzung von Ober - Ruanda erhebt sich auch das westl. U. als Rand des TanganjikaGrabens in unregelmäßigen Kuppen bis zu 2500 m Mh. (die 3000 m, die Baumann im Quellgebiet des Ruwuwu angibt, sind unwahrscheinlich). Gneis, daneben viel Granit und metamorphes Urgestein setzen Ober - U. zusammen und reichen nach O etwa bis zum 30° ö. L. Dort beginnt das Stufenschollenland der Zwischenseenformation (s. Zwischenseengebiet). Die Formen der beiden Gebiete heben sich weniger voneinander ab als nordwärts in Ruanda. Das Schollenland (s.d.) liegt höher als dort, seine tektonischen Linien sind etwas abgelenkt und streichen NO - SW; diese Richtung tritt schon in den Zuflüssen des Rugwero-Sees (nahe dem Kagera), weiterhin im Ruwuwu und in manchen kleineren bis zu den sö. Grenzflüssen (s.o.) hin auf. Die Richtungsänderung bedingt es, daß Nieder - U. nach S zu immer schmäler wird. Die Regenmengen von U. gleichen, abgesehen von den sehr regenreichen Hängen zum Tanganjika (s.d., Marienheim), denen Ruandas. Marlenseen (1500 m) im NO hat 1002 mm (fünfjähr. Mittel), Mugera (1740 m) in der Mitte des Landes 1051 mm (dreijähr. Mittel), Mujaga (1600 m), ganz im O, 1012 mm (vierjähr. Mittel) (drei Stationen der Weißen Väter, s.d.). Das Klima muß noch als äquatorial (s. Deutsch- Ostafrika 4) bezeichnet werden, wenn auch die Pause in der Regenzeit wenig deutlich ist. Der First von U. ist noch mit einer, wenn auch stark gelichteten Zone des immergrünen Höhenwaldes bedeckt. Der größte Teil des Landes ist auch hier holzarme Kultursteppe; in dem tieferen, wärmeren, östlichen U. ist dichter Gebirgsbusch die ursprüngliche Vegetationsform. In den Tälern kommen fast überall Papyrussümpfe (Rufunso, Einzahl) vor, die hochmoorartig über den Talboden emporwachsen; gelegentlich kommt dann die ganze schwammige Masse talwärts ab. Die Unwegsamkeit vieler Täler macht sie für den Verkehr und die Anlage von Siedlungen ungeeignet. So wird der Schauplatz des Menschen auf die Hänge und auf einen Teil der Höhen hinaufgeschoben. Das gleiche gilt für weite Gebiete Ruandas. - U. ist ungemein sorgfältig angebaut. Bananen, Bohnen, Erbsen, Sorghum, Eleusine, Mais, Bataten werden angebaut, am Tanganjika auch. Maniok. Es ist sehr viel Vieh vorhanden, freilich erheblich weniger als in Ruanda. Die Zahl der Bewohner wird auf 1 1/2 Mill. geschätzt. Danach hätte U. die Volksdichte 52, was immer noch etwas hoch gegriffen erscheint. Die drei Bestandteile der Bevölkerung sind die herrschenden Watussi, die beherrschten Wahutu (s.d.), wozu als freie Paria die Watwa kommen; ihre Anteile an der Gesamtzahl werden auf 6, 90 und 4 % geschätzt. Die Zahl der Europäer in U. war Anfang 1913 60, die der nichteingeborenen Farbigen, 52. Die Watussi sind die Besitzer der auf 250 000 geschätzten Rinder; daneben wird 1 Mill. Kleinvieh angenommen. Im Besitz der europäischen Stationen des Bezirks waren 1913 5029 Rinder. Das Sultanat U. ist politisch wenig einheitlich, besteht aber noch heute dem Namen nach, wenn auch seit 1909 die Errichtung mehrerer selbständiger Sultanate von der Kolonialverwaltung angebahnt worden ist. Der Sitz der Residentur wurde 1912 von Usumbura (s.d.) nach Gitega (ziemlich genau in der Landesmitte) verlegt. - Der Bau der Ruandabahn (s.d.), die am Kagera- (s.d.) Knie, also an der NO - Ecke von U. enden soll, wird auch auf diese Landschaft stark verändernd wirken.

Literatur: s. Zwischenseengebiet. - R. Kandt, Caput Nili. Berl. 1904. - Hans Meyer, Reiseberichte aus Ruanda und Urundi, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. XXIV, 1911. - J. M. M. van der Burgt, Land und Leute von Nordurundi. Peterm. Mitt. 1912/II. - Ders., Notiz über Rufunso Schisanje, ebenda 1913/II.

Uhlig.