Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 588

Urwald (s. farbige Tafel ), ohne Zutun des Menschen entstandene Wälder. Sie bestehen meist aus zahlreichen Baumarten, die in bunter Mischung nebeneinander aufwachsen. In solchen Mischwäldern können verschiedene Altersstadien der sie zusammensetzenden Bäume vorhanden sein, so daß sie dem gemischten Plenterwald unserer europäischen Forstwirtschaft gleichen. U. mit nur wenigen Holzarten, von denen eine entschieden vorherrscht, finden - sich verhältnismäßig selten. Es gehören dahin die Tiekwälder Javas und die indischen Dipterocarpaceen -Wälder, streckenweise auch die Miombowälder (s.d.) und andere afrikanische Bestände. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bäume des Urwaldes zeitweise im wesentlichen auf einer Altersstufe stehen, weil die Bedingungen zum Aufkommen des Nachwuchses nicht immer gegeben sind. Während der Vollkraft der Mutterbäume können sie fehlen, weil deren Schatten den Jungwuchs zurückhält. Wenn die ersteren überalt und lückig werden, kommt Nachwuchs empor, der später wieder zu einem gleichförmigen Bestand sich schließt. Entsprechende Beobachtungen sind in den bosnischen, aus Fichten, Tannen und Buchen bestehenden Urwäldern gemacht (Cermak, Österr. Zentralblatt f. d. ges. Forstwesen, 1910), und es wäre wohl der Mühe wert, darauf zu achten, wie weit ähnliches in den Tropenwäldern vorkommt. Nach Schorkopfs hinterlassenen Aufzeichnungen scheint auch ein Artenwechsel im Urwald nach Art des Fruchtwechsels der Landwirte vorzukommen. In den Zederbeständen des Schumewaldes (Usambara) sind im Bestände nirgends junge Zedern zu finden, trotz des Vorhandenseins zahlreicher samentragender Mutterbäume (s. Zedern). Laubhölzer und die Podocarpusarten stehen in allen Altersstadien da. Sie vermögen sich jahrelang unter dem Kronenschluß zu erhalten, die lichtbedürftigen Zedernpflänzchen dagegen gehen kurz nach der Keimung infolge des Lichtmangels wieder zugrunde. Urwälder im Sinne von Wäldern, die nicht durch den Menschen in ihrem Bestände beeinflußt worden sind, dürfte es nur in ganz abgelegenen Gegenden geben, da bereits wenige Eingeborene mit ihrer extensiven Wirtschaft im Laufe der Zeit große Waldgebiete verändern können. Gerade die Urwälder, welche mit ihrem dichten Unterwuchs dem populären Begriff des U. am meisten entsprechen, sind großenteils wohl Sekundärwälder, die auf altem Farmland erwachsen oder wenigstens mehr oder weniger ausgeraubt worden sind. Primärer U. ist, nach Untersuchungen in Kamerun, stammreicher, aber an Unterwuchs ärmer als Sekundärwald (Jentsch, Urwald Kameruns, Beihefte zum Tropenpflanzer, Bd. XII, Nr. 1/2, 1911) und, da er weniger Nahrungsgelegenheit bietet, auch ärmer an Vögeln und an Wild. Vergl. die farbige Tafel .

Büsgen.