| Völkerkunde. Die V. untersucht das Wesen der gesellschaftlichen
Gruppen, deren Mitglieder die Menschen sind. Sie erreicht dies durch
möglichst
eingehende Schilderung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und
kulturellen
Zustände bei den einzelnen Völkern, deren Eigenart dabei ebenso zu
ermitteln
ist wie die von Fremden übernommenen Einrichtungen. Dieser
ethnographischen
oder volkskundlichen Beschreibung steht die ethnologische oder
völkerkundliche
Behandlung im engeren Sinne gegenüber, die durch die Methode der
Vergleichung
aus den bei verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten vorhandenen
Zuständen
die allgemeine Geschichte ihrer Entwicklung zu ergründen sucht.
Hilfswissenschaften
sind die Anthropologie (s.d.), die
als Rassenlehre die körperlichen Eigenschaften
darlegt, und die Psychologie (s.d.), die die geistigen Eigenschaften der
in den einzelnen Völkern vereinigten Elemente behandelt. Die Kultur im
weiteren
Sinne ist jedoch nicht allein von der Körperbeschaffenheit und Begabung
des Volkes abhängig, sondern auch von dem Klima, der Beschaffenheit des Bodens, der Tier- und
Pflanzenwelt usw., kurz, von einer Reihe bedingender Einflüsse, die
außerhalb
des Volkes liegen und als Umwelt (s.d.)
zusammengefaßt
werden. Daher stützt sich die V. auch auf die Ergebnisse der Biologie und
der Geographie; die geographischen Beziehungen erforscht insbesondere die
Anthropogeographie. Von großer
Bedeutung ist endlich die Sprachenkunde (Linguistik); sie behandelt die
Geschichte der Sprache, die sich keineswegs immer mit der des Volkes
deckt,
das sie spricht. - Die vergleichende V. zerfällt in die Gesellschaftslehre (Soziologie), die Wesen und Ursprung der
Gesellschaft,
ihre Arten, ferner Sitte und Brauch, Rechtspflege behandelt, die
Wirtschaftslehre,
die die Grundsätze der Ernährung, die Wirtschaftsformen, Kulturpflanzen und Haustiere, Handel und Gewerbe untersucht, endlich die
Kulturlehre,
deren Gebiet das Studium des stofflichen (Naturstoffe, Technik, Gerät und
Waffen, Schmuck und Kleidung, Bauwerke, Verkehrsmittel) und des geistigen
Kulturbesitzes (Religion, Kunst, Wissenschaft) bildet. - Auf dem
Ergebnisse
der V. beruht die Völkerpsychologie; sie nimmt den Menschen in allen den
Beziehungen, die über die Grenzen des Einzeldaseins hinausführen und auf
die geistige W Wechselwirkung als ihre allgemeine Bedingung zurückweisen,
zum Gegenstand ihrer Untersuchung" (Wundt) und behandelt Sprache, Mythus,
Sitte. - Wenn sich auch die V. mit allen Völkern der Erde befassen müßte,
so schließt doch schon ihre Aufgabe, die Urgeschichte
der Kultur zu behandeln, die sog. Kulturvölker aus ihrem Arbeitsgebiete
aus, ganz abgesehen davon, daß deren geschichtliche Untersuchung längst
durch andere Wissenschaften erfolgt. Hinzu kommt, daß die Methode der V.
weit über die Grenzen geschichtlicher Überlieferung hinaus Reste älterer
Zustände zu bearbeiten vermag. Ihr Hauptgebiet sind daher die sog.
Naturvölker,
doch ist deren Grenze zumal darum flüssig, weil die bei ihnen vorwiegend
herrschenden psychologischen Merkmale in geringerem Maße auch bei
Kulturvölkern
zumal in deren Unterschichten vorkommen und diese selbst einst Naturvölker
waren. Daraus ergibt sich, daß die V. auch die Volkskunden der
Kulturvölker
zum Vergleich heranzieht, überdies die Ergebnisse der Archäologie und
Frühgeschichte
verwertet. Dabei fallen in ihr eigene Gebiet
die außereuropäischen Funde aus früher Zeit, während die europäischen von
der Vorgeschichte studiert werden, die sich zunächst mit der
chronologischen
und typologischen Ordnung der Gräberfunde befaßte, neuerdings aber auch
systematisch andere Reste, wie die Siedlungen usw., erforscht und sich
völkerkundlichen
Zielen zuwendet. Auf der anderen Seite darf nicht übersehen werden, daß
die V. bei der Untersuchung früherer Zustände zwar von der Jetztzeit
ausgeht,
aber nicht durch sie begrenzt sein kann. Wie sie europäischen Aberglauben
oder Reste primitiver Techniken in Europa zu berücksichtigen hat, so muß
sie auch bei den Naturvölkern der geschichtlichen Entwicklung in der
Neuzeit
folgen. Immer mehr zeigt es, sich, daß sich aus den Kulturen vieler
Naturvölker
Schichten ablösen lassen, die z.B. hinduischen, islamischen oder auch
christlichen
Ursprungs sind. Eine spätere Zeit wird in gleicher Weise allgemein
europäische
Züge nachweisen, die seit der allgemeinen Kolonialbewegung zu den heutigen
Naturvölkern gelangten. Daraus erwächst der V. schon heute die Aufgabe,
den Verlauf der Europäisierung genau zu verfolgen. Sie wird dadurch
tiefere
Einblicke in den Verlauf früherer Akkulturationen gewinnen, ebenso aber
auch praktische, Bedeutung erlangen können, indem sie zur Aufstellung von
Regeln für den Verlauf des Kulturwandels (s.d.) fortschreitet, die auch
der Kolonisation wertvoll sein müssen. S.a. Sammeln
von wissenschaftlich wichtigen Gegenständen 4.
Literatur: Allgemeine Darstellungen: Th. Achelis, Moderne
Völkerkunde,
Stuttg. 1896. J. Deniker, Les races et les peuples de la terre, Paris 1900. - M.
Hoernes, Natur- und Urgeschichte du Menschen, Wien 1909. - J. Ranke, Der Mensch,
Lpz. 1912. - Fr. Ratzel, Völkerkunde , Lpz. 1895. - H. Schurtz, Urgeschichte der
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Zeitschr. f. Länder- und Völkerkunde, Brnschw. (bis 1910). -Archiv für
Anthropologie, Organ der Deutsch. Ges. f.
Anthrop., Ethnol. u. Urgeschichte, Braunschw. (seit 1866). - Zeitschr. für
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Anthrop., Ethnol. u. Urgesch., Berl. (seit 1868). Korrespondenzblatt der Deutsch
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(seit 1888). - L'Anthropologie, Paris (seit 1890), herausg. von Cartailhac,
Hamy, Topinard u. a. - Journal of the Royal Antkrop. Inst. of Great Britain and
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Society of Washington (seit 1888). - Anthropos, Internationale Zeitschr. f.
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und Sprachenkunde, herausg. von W. Schmidt, S. V. D., Salzburg - Wien (seit
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Thilenius.
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