Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 630 f.

Völkerkunde. Die V. untersucht das Wesen der gesellschaftlichen Gruppen, deren Mitglieder die Menschen sind. Sie erreicht dies durch möglichst eingehende Schilderung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Zustände bei den einzelnen Völkern, deren Eigenart dabei ebenso zu ermitteln ist wie die von Fremden übernommenen Einrichtungen. Dieser ethnographischen oder volkskundlichen Beschreibung steht die ethnologische oder völkerkundliche Behandlung im engeren Sinne gegenüber, die durch die Methode der Vergleichung aus den bei verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten vorhandenen Zuständen die allgemeine Geschichte ihrer Entwicklung zu ergründen sucht. Hilfswissenschaften sind die Anthropologie (s.d.), die als Rassenlehre die körperlichen Eigenschaften darlegt, und die Psychologie (s.d.), die die geistigen Eigenschaften der in den einzelnen Völkern vereinigten Elemente behandelt. Die Kultur im weiteren Sinne ist jedoch nicht allein von der Körperbeschaffenheit und Begabung des Volkes abhängig, sondern auch von dem Klima, der Beschaffenheit des Bodens, der Tier- und Pflanzenwelt usw., kurz, von einer Reihe bedingender Einflüsse, die außerhalb des Volkes liegen und als Umwelt (s.d.) zusammengefaßt werden. Daher stützt sich die V. auch auf die Ergebnisse der Biologie und der Geographie; die geographischen Beziehungen erforscht insbesondere die Anthropogeographie. Von großer Bedeutung ist endlich die Sprachenkunde (Linguistik); sie behandelt die Geschichte der Sprache, die sich keineswegs immer mit der des Volkes deckt, das sie spricht. - Die vergleichende V. zerfällt in die Gesellschaftslehre (Soziologie), die Wesen und Ursprung der Gesellschaft, ihre Arten, ferner Sitte und Brauch, Rechtspflege behandelt, die Wirtschaftslehre, die die Grundsätze der Ernährung, die Wirtschaftsformen, Kulturpflanzen und Haustiere, Handel und Gewerbe untersucht, endlich die Kulturlehre, deren Gebiet das Studium des stofflichen (Naturstoffe, Technik, Gerät und Waffen, Schmuck und Kleidung, Bauwerke, Verkehrsmittel) und des geistigen Kulturbesitzes (Religion, Kunst, Wissenschaft) bildet. - Auf dem Ergebnisse der V. beruht die Völkerpsychologie; sie nimmt den Menschen in allen den Beziehungen, die über die Grenzen des Einzeldaseins hinausführen und auf die geistige W Wechselwirkung als ihre allgemeine Bedingung zurückweisen, zum Gegenstand ihrer Untersuchung" (Wundt) und behandelt Sprache, Mythus, Sitte. - Wenn sich auch die V. mit allen Völkern der Erde befassen müßte, so schließt doch schon ihre Aufgabe, die Urgeschichte der Kultur zu behandeln, die sog. Kulturvölker aus ihrem Arbeitsgebiete aus, ganz abgesehen davon, daß deren geschichtliche Untersuchung längst durch andere Wissenschaften erfolgt. Hinzu kommt, daß die Methode der V. weit über die Grenzen geschichtlicher Überlieferung hinaus Reste älterer Zustände zu bearbeiten vermag. Ihr Hauptgebiet sind daher die sog. Naturvölker, doch ist deren Grenze zumal darum flüssig, weil die bei ihnen vorwiegend herrschenden psychologischen Merkmale in geringerem Maße auch bei Kulturvölkern zumal in deren Unterschichten vorkommen und diese selbst einst Naturvölker waren. Daraus ergibt sich, daß die V. auch die Volkskunden der Kulturvölker zum Vergleich heranzieht, überdies die Ergebnisse der Archäologie und Frühgeschichte verwertet. Dabei fallen in ihr eigene Gebiet die außereuropäischen Funde aus früher Zeit, während die europäischen von der Vorgeschichte studiert werden, die sich zunächst mit der chronologischen und typologischen Ordnung der Gräberfunde befaßte, neuerdings aber auch systematisch andere Reste, wie die Siedlungen usw., erforscht und sich völkerkundlichen Zielen zuwendet. Auf der anderen Seite darf nicht übersehen werden, daß die V. bei der Untersuchung früherer Zustände zwar von der Jetztzeit ausgeht, aber nicht durch sie begrenzt sein kann. Wie sie europäischen Aberglauben oder Reste primitiver Techniken in Europa zu berücksichtigen hat, so muß sie auch bei den Naturvölkern der geschichtlichen Entwicklung in der Neuzeit folgen. Immer mehr zeigt es, sich, daß sich aus den Kulturen vieler Naturvölker Schichten ablösen lassen, die z.B. hinduischen, islamischen oder auch christlichen Ursprungs sind. Eine spätere Zeit wird in gleicher Weise allgemein europäische Züge nachweisen, die seit der allgemeinen Kolonialbewegung zu den heutigen Naturvölkern gelangten. Daraus erwächst der V. schon heute die Aufgabe, den Verlauf der Europäisierung genau zu verfolgen. Sie wird dadurch tiefere Einblicke in den Verlauf früherer Akkulturationen gewinnen, ebenso aber auch praktische, Bedeutung erlangen können, indem sie zur Aufstellung von Regeln für den Verlauf des Kulturwandels (s.d.) fortschreitet, die auch der Kolonisation wertvoll sein müssen. S.a. Sammeln von wissenschaftlich wichtigen Gegenständen 4.

Literatur: Allgemeine Darstellungen: Th. Achelis, Moderne Völkerkunde, Stuttg. 1896. J. Deniker, Les races et les peuples de la terre, Paris 1900. - M. Hoernes, Natur- und Urgeschichte du Menschen, Wien 1909. - J. Ranke, Der Mensch, Lpz. 1912. - Fr. Ratzel, Völkerkunde , Lpz. 1895. - H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Lpz. 1900. - Derselbe, Völkerkunde, Lpz. 1903. - A. Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker, Lpz. 1896. K. Weule, Leitfaden der Völkerkunde, Lpz. 1912. -Zeitschriften u. a.: Globus, Illustr. Zeitschr. f. Länder- und Völkerkunde, Brnschw. (bis 1910). -Archiv für Anthropologie, Organ der Deutsch. Ges. f. Anthrop., Ethnol. u. Urgeschichte, Braunschw. (seit 1866). - Zeitschr. für Ethnologie, Organ der Berliner Gesellschaft f. Anthrop., Ethnol. u. Urgesch., Berl. (seit 1868). Korrespondenzblatt der Deutsch Ges. f. Anthrop., Ethnol. und Urgesch., Braunschw. (seit 1870). - Mitteilungen der Anthropol. Ges. in Wien (seit 1871). - Internat. Archiv f. Ethnogr., Leiden (seit 1888). - L'Anthropologie, Paris (seit 1890), herausg. von Cartailhac, Hamy, Topinard u. a. - Journal of the Royal Antkrop. Inst. of Great Britain and Ireland, Lond. (seit 1872). - The American Anthropologist, Organ der Anthrop. Society of Washington (seit 1888). - Anthropos, Internationale Zeitschr. f. Völker- und Sprachenkunde, herausg. von W. Schmidt, S. V. D., Salzburg - Wien (seit 1906).

Thilenius.