| Völkerwanderungen. Die europäische Kolonisation hat die einzelnen Naturvölker in
bestimmten Gebieten angetroffen, jedoch sind diese Sitze nicht ohne
weiteres
als die ursprünglichen anzusehen. Die Europäer haben in Afrika Wanderungen unmittelbar beobachten können, und
die älteren geschichtlichen Nachrichten
oder Überlieferungen vieler Völker zeigen, daß sie früher andere Sitze
gehabt
haben. Darüber hinaus ergibt die räumliche Verbreitung körperlicher
Merkmale,
sprachlicher Besonderheiten oder kultureller Eigenheiten, daß von jeher
Wanderungen stattgefunden haben müssen. Zunächst erfolgen Wanderungen,
wenn
Jäger dem Wilde nachziehen, Hirten ihre Weiden
wechseln, Bauerndörfer verlegt werden, weil der Boden erschöpft ist.
Diesen
Binnenwanderungen innerhalb des eigenen Gebiets stehen die Auswanderungen
gegenüber, die über die Grenzen des Stammes oder Volkes hinausführen. Sie
können erfolgen in der Form einer langsamen Bewegung von Individuen oder
kleinen Gruppen, die allmählich und friedlich in das neue Gebiet
einsickern,
so daß die hier vorhandene Bevölkerung zunächst kaum merklich anwächst,
aber doch im Laufe der Zeit verändert wird, zumal wenn die Einwanderer
eine
höhere Kulturform mitbringen und immer neue Genossen nach sich ziehen (Fulbe im westlichen Sudan). Aus der neuesten Zeit
gehören
die regelmäßigen Wanderungen der Zentralafrikaner nach den
südafrikanischen
Minen und andere Arbeiterwanderungen hierher, nur mit dem Unterschiede,
daß diese Leute nach Orten höherer Kultur ziehen und vorwiegend erst bei
der Heimkehr verändernden Einfluß ausüben. Anders wirkt das gewaltsame,
rasche Eindringen kleiner Mengen überlegener Fremder; die Sklavenjäger
haben
im westlichen Sudan und in Ostafrika
unmittelbar
Auswanderungen der bedrohten Stämme
veranlaßt.
Wanderungen von größeren Massen wirken, sofern es sich nicht um
Umsiedelungen
handelt (Kanurihandwerker nach Wadai), als Stöße. Ist bei Einzelwanderern
der Erwerb und selbst ein Wandertrieb meist schon ein Grund zur Wanderung,
so pflegen bei Massenwanderungen wirtschaftliche Gründe den Anlaß zu
geben,
wenn auch kriegerische oder räuberische Unternehmungslust stark mitwirken
mögen. Unter den wirtschaftlichen Gründen sind vor allem katastrophale
Ereignisse
zu nennen, die zu Hungersnöten bei einer Bevölkerung führen, die unter
normalen
Verhältnissen in ihrem Gebiete auskömmlich lebt. An zweiter Stelle steht
die Übervölkerung, das Mißverhältnis zwischen
Nahrungsmenge und Volkszahl bei einer gegebenen Wirtschaftsform. Abgesehen
von der in Ozeanien vielfach geübten gewaltsamen Beschränkung der
Volkszahl
durch Kindesmord (s.d.) usw. bringt hier die Auswanderung
Abhilfe. Soweit nicht leere Räume unmittelbar zur Verfügung stehen sollten
(Besiedlung unbewohnter Inseln in Ozeanien), nehmen solche Wanderungen
leicht
die Form des Krieges an. Sie schaffen de n nötigen Raum durch Vernichtung
oder Verdrängung der vorhandenen Bevölkerung, falls diese nicht so dünn
ist, daß das Land nach ihrer Unterwerfung auch den Siegern noch
ausreichende
Wirtschaftsmöglichkeit bietet (Tussi in Ruanda)
oder die Eindringlinge sich den Ansässigen einfügen (Polynesier
in den Karolinen). Wenn auch nicht immer
ein ganzes Volk die Wanderung antreten wird, so ist doch die Menge der Auswanderer
groß und jedenfalls so erheblich, daß sie mit Aussicht auf Erfolg neue
Sitze
aufsuchen können. Das Volk, auf das sie zunächst stoßen, wird, falls es
den Angriff nicht abweist, unter starken Menschenverlusten mit ihren
wirtschaftlichen
Folgen unterworfen oder jedenfalls zu einem Teil verdrängt werden, d. h.
neue Sitze suchen und seinerseits ein anderes Volk angreifen. Der Stoß
des.
ersten wirkt daher weit über das Gebiet des angegriffenen Volkes hinaus
und kann jahrzehntelang neue Wanderungen veranlassen, zumal die Bewegung
eines starken Volkes leicht schwache mitreißt. Die Wege, die die Wanderer
einschlagen, sind ihnen der Regel nach nur zu Beginn bekannt, wenn sie den
Handelswegen zu ihren Nachbarn folgen. Darüber hinaus werden sie durch
äußere
Einwirkungen bestimmt. Wasser, Nahrungsmittel müssen vorhanden sein,
größere
Hindernisse für die Wanderung fehlen. Daher ergeben sich aus
geographischen
Gesichtspunkten die Straßen, die von V. eingeschlagen werden können und
auch tatsächlich eingeschlagen wurden. In Afrika sind es die von großen
Sümpfen, Gebirgen, Wäldern usw. freien Gebiete (Niltal und mediterranes
und atlantisches Küstengebiet, Sudan; ferner
Ostafrika bis zur Südspitze und ein Streifen vom Sambesi
westwärts zwischen Kalahari und Kongo), auf denen die Wanderungen der stärkeren
Völker
stattfanden, während die schwachen in die Sümpfe, Wüsten, Wälder, Gebirge
gedrängt wurden; umgekehrt sind aus den großen Gebirgsländern erstarkte
Völker wieder hervorgebrochen. Südlich von Abessynien führte sehr
wahrscheinlich
der Weg der Neger nach Mittelafrika; entlang
dem atlantischen Saum der Sahara wanderten die Hamiten
in den westlichen Sudan; der Mittelmeerküste, ferner dem Niltal und dem
Sudan folgten die Araber; durch Ostafrika
zogen von Südabessinien her die Träger
der hamitischen Elemente, die sich bei den Hottentotten finden, zum Teil auf demselben
Wege landen die nach, Norden und Westen gerichteten Kriegszüge der Sulu
statt. In Ozeanien vollzogen sich die, Wanderungen über See,
und die Wanderungswege wurden zunächst, abgesehen von Zufälligkeiten,
durch
Wind und Strom bestimmt. Anscheinend zu
wiederholten
Malen und jedesmal in kleinerer Zahl verließen hellhäutige Menschen
Indonesien
und besiedelten Polynesien, Mikronesien und in Melanesien
die größeren Inseln von den Küsten her. Auch innerhalb dieser Gebiete
erfolgte
die Besiedlung allmählich, insbesondere ging von Zentralpolynesien die
Besetzung
von Hawaii einerseits, Neuseeland anderseits aus, und soweit
Hochseeschiffahrt
bestand, blieben die polynesischen und mikronesischen Gruppen in Verkehr
miteinander. Während die erste Einwanderung
aus sprachlichen und kulturellen Gründen von Westen her erfolgt sein muß,
hat eine Rückwanderung von Osten her stattgefunden, die an den
melanesischen
Inseln ihr Ende fand. Sie setzt sich aus den alljährlichen Verschlagungen
von Fahrzeugen mit ihrer Besatzung zusammen, die in ihrer Gesamtheit und
bei der Kleinheit der Inseln und ihrer Bevölkerungen den Charakter einer
V. hat. Auf diese Weise wurden die Gruppen Nuguria,
Liuenua, Sikaiana, Tikopia u. a. von Polynesiern besiedelt und den
nahegelegenen
östlichen melanesischen Inseln polynesische Elemente zugeführt. Ähnlich
gelangten mikronesische an den Nordrand Melanesiens. Diesen unfreiwilligen
Wanderungen stehen wahrscheinlich als Freiwillige die Kriegszüge der Tonganer
gegenüber,
die unter Ausnutzung der mittlerwelse erlangten Kenntnisse nach Osten,
Westen
und Norden unternommen wurden.
Literatur: Passarge, Südafrika, Lpz.
1908. -
Fr. Ratzel, Anthropogeographie,
Stuttg. 1909.
- O. Sittig, Über unfreiwillige Wanderungen
im Großen Ozean. Diss. Lpz. 1890. - G.
Thilenius, Ethnogr. Ergebnisse a. Melanesien,
Nova Acta Bd. 83, Halle 1902/03. - Weule,
Das Heer und die Naturvölker,
Ratzelgedenkschrift 1904.
Thilenius.
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