Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 632 f.

Völkerwanderungen. Die europäische Kolonisation hat die einzelnen Naturvölker in bestimmten Gebieten angetroffen, jedoch sind diese Sitze nicht ohne weiteres als die ursprünglichen anzusehen. Die Europäer haben in Afrika Wanderungen unmittelbar beobachten können, und die älteren geschichtlichen Nachrichten oder Überlieferungen vieler Völker zeigen, daß sie früher andere Sitze gehabt haben. Darüber hinaus ergibt die räumliche Verbreitung körperlicher Merkmale, sprachlicher Besonderheiten oder kultureller Eigenheiten, daß von jeher Wanderungen stattgefunden haben müssen. Zunächst erfolgen Wanderungen, wenn Jäger dem Wilde nachziehen, Hirten ihre Weiden wechseln, Bauerndörfer verlegt werden, weil der Boden erschöpft ist. Diesen Binnenwanderungen innerhalb des eigenen Gebiets stehen die Auswanderungen gegenüber, die über die Grenzen des Stammes oder Volkes hinausführen. Sie können erfolgen in der Form einer langsamen Bewegung von Individuen oder kleinen Gruppen, die allmählich und friedlich in das neue Gebiet einsickern, so daß die hier vorhandene Bevölkerung zunächst kaum merklich anwächst, aber doch im Laufe der Zeit verändert wird, zumal wenn die Einwanderer eine höhere Kulturform mitbringen und immer neue Genossen nach sich ziehen (Fulbe im westlichen Sudan). Aus der neuesten Zeit gehören die regelmäßigen Wanderungen der Zentralafrikaner nach den südafrikanischen Minen und andere Arbeiterwanderungen hierher, nur mit dem Unterschiede, daß diese Leute nach Orten höherer Kultur ziehen und vorwiegend erst bei der Heimkehr verändernden Einfluß ausüben. Anders wirkt das gewaltsame, rasche Eindringen kleiner Mengen überlegener Fremder; die Sklavenjäger haben im westlichen Sudan und in Ostafrika unmittelbar Auswanderungen der bedrohten Stämme veranlaßt. Wanderungen von größeren Massen wirken, sofern es sich nicht um Umsiedelungen handelt (Kanurihandwerker nach Wadai), als Stöße. Ist bei Einzelwanderern der Erwerb und selbst ein Wandertrieb meist schon ein Grund zur Wanderung, so pflegen bei Massenwanderungen wirtschaftliche Gründe den Anlaß zu geben, wenn auch kriegerische oder räuberische Unternehmungslust stark mitwirken mögen. Unter den wirtschaftlichen Gründen sind vor allem katastrophale Ereignisse zu nennen, die zu Hungersnöten bei einer Bevölkerung führen, die unter normalen Verhältnissen in ihrem Gebiete auskömmlich lebt. An zweiter Stelle steht die Übervölkerung, das Mißverhältnis zwischen Nahrungsmenge und Volkszahl bei einer gegebenen Wirtschaftsform. Abgesehen von der in Ozeanien vielfach geübten gewaltsamen Beschränkung der Volkszahl durch Kindesmord (s.d.) usw. bringt hier die Auswanderung Abhilfe. Soweit nicht leere Räume unmittelbar zur Verfügung stehen sollten (Besiedlung unbewohnter Inseln in Ozeanien), nehmen solche Wanderungen leicht die Form des Krieges an. Sie schaffen de n nötigen Raum durch Vernichtung oder Verdrängung der vorhandenen Bevölkerung, falls diese nicht so dünn ist, daß das Land nach ihrer Unterwerfung auch den Siegern noch ausreichende Wirtschaftsmöglichkeit bietet (Tussi in Ruanda) oder die Eindringlinge sich den Ansässigen einfügen (Polynesier in den Karolinen). Wenn auch nicht immer ein ganzes Volk die Wanderung antreten wird, so ist doch die Menge der Auswanderer groß und jedenfalls so erheblich, daß sie mit Aussicht auf Erfolg neue Sitze aufsuchen können. Das Volk, auf das sie zunächst stoßen, wird, falls es den Angriff nicht abweist, unter starken Menschenverlusten mit ihren wirtschaftlichen Folgen unterworfen oder jedenfalls zu einem Teil verdrängt werden, d. h. neue Sitze suchen und seinerseits ein anderes Volk angreifen. Der Stoß des. ersten wirkt daher weit über das Gebiet des angegriffenen Volkes hinaus und kann jahrzehntelang neue Wanderungen veranlassen, zumal die Bewegung eines starken Volkes leicht schwache mitreißt. Die Wege, die die Wanderer einschlagen, sind ihnen der Regel nach nur zu Beginn bekannt, wenn sie den Handelswegen zu ihren Nachbarn folgen. Darüber hinaus werden sie durch äußere Einwirkungen bestimmt. Wasser, Nahrungsmittel müssen vorhanden sein, größere Hindernisse für die Wanderung fehlen. Daher ergeben sich aus geographischen Gesichtspunkten die Straßen, die von V. eingeschlagen werden können und auch tatsächlich eingeschlagen wurden. In Afrika sind es die von großen Sümpfen, Gebirgen, Wäldern usw. freien Gebiete (Niltal und mediterranes und atlantisches Küstengebiet, Sudan; ferner Ostafrika bis zur Südspitze und ein Streifen vom Sambesi westwärts zwischen Kalahari und Kongo), auf denen die Wanderungen der stärkeren Völker stattfanden, während die schwachen in die Sümpfe, Wüsten, Wälder, Gebirge gedrängt wurden; umgekehrt sind aus den großen Gebirgsländern erstarkte Völker wieder hervorgebrochen. Südlich von Abessynien führte sehr wahrscheinlich der Weg der Neger nach Mittelafrika; entlang dem atlantischen Saum der Sahara wanderten die Hamiten in den westlichen Sudan; der Mittelmeerküste, ferner dem Niltal und dem Sudan folgten die Araber; durch Ostafrika zogen von Südabessinien her die Träger der hamitischen Elemente, die sich bei den Hottentotten finden, zum Teil auf demselben Wege landen die nach, Norden und Westen gerichteten Kriegszüge der Sulu statt. In Ozeanien vollzogen sich die, Wanderungen über See, und die Wanderungswege wurden zunächst, abgesehen von Zufälligkeiten, durch Wind und Strom bestimmt. Anscheinend zu wiederholten Malen und jedesmal in kleinerer Zahl verließen hellhäutige Menschen Indonesien und besiedelten Polynesien, Mikronesien und in Melanesien die größeren Inseln von den Küsten her. Auch innerhalb dieser Gebiete erfolgte die Besiedlung allmählich, insbesondere ging von Zentralpolynesien die Besetzung von Hawaii einerseits, Neuseeland anderseits aus, und soweit Hochseeschiffahrt bestand, blieben die polynesischen und mikronesischen Gruppen in Verkehr miteinander. Während die erste Einwanderung aus sprachlichen und kulturellen Gründen von Westen her erfolgt sein muß, hat eine Rückwanderung von Osten her stattgefunden, die an den melanesischen Inseln ihr Ende fand. Sie setzt sich aus den alljährlichen Verschlagungen von Fahrzeugen mit ihrer Besatzung zusammen, die in ihrer Gesamtheit und bei der Kleinheit der Inseln und ihrer Bevölkerungen den Charakter einer V. hat. Auf diese Weise wurden die Gruppen Nuguria, Liuenua, Sikaiana, Tikopia u. a. von Polynesiern besiedelt und den nahegelegenen östlichen melanesischen Inseln polynesische Elemente zugeführt. Ähnlich gelangten mikronesische an den Nordrand Melanesiens. Diesen unfreiwilligen Wanderungen stehen wahrscheinlich als Freiwillige die Kriegszüge der Tonganer gegenüber, die unter Ausnutzung der mittlerwelse erlangten Kenntnisse nach Osten, Westen und Norden unternommen wurden.

Literatur: Passarge, Südafrika, Lpz. 1908. - Fr. Ratzel, Anthropogeographie, Stuttg. 1909. - O. Sittig, Über unfreiwillige Wanderungen im Großen Ozean. Diss. Lpz. 1890. - G. Thilenius, Ethnogr. Ergebnisse a. Melanesien, Nova Acta Bd. 83, Halle 1902/03. - Weule, Das Heer und die Naturvölker, Ratzelgedenkschrift 1904.

Thilenius.