Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 598 f.

Vanille. 1. Geschichtliches, Produktionsgebiete, Botanisches. 2. Kultur, Aufbereitung. 3. Anbau in den Schutzgebieten. 4. Handelssorten. 5. Chemie.

1. Geschichtliches, Produktionsgebiete, Botanisches. V. nennt man Früchte verschiedener Arten der Gattung Vanilla (Fam. d. Orchidaceen); davon ist weitaus die wichtigste und wird in der Kultur allein gezogen V. planifolia, deren Früchte die "echte" V. des Handels darstellen. Ihre Heimat liegt in Mittel- und im tropischen Südamerika (Näheres bei Busse), und zwar gedeiht sie vornehmlich in den Wäldern der niederen Küstenregion, wo sie außer Wärme und Schatten ein ausreichendes Maß von Feuchtigkeit findet. Das klassische Land der V. ist Mexiko, wo der Gebrauch dieses Gewürzes, zur Zeit der Entdeckung allgemein bekannt war, und von wo ihn die Spanier nach Europa übertrugen. (Geschichtliches bei Busse.) Die Kultur der V. hat sich über den Tropengürtel des Erdballs verbreitet, aber nur in verhältnismäßig wenigen Gebieten dauernd festen Fuß gefaßt. Die wichtigsten Produktionsgebiete - nach der Höhe der Ausfuhren angeordnet - sind: Tahiti, Mexiko, Réunion, Madagaskar, Mayotte, Guadeloupe und die Seychellen; kleinere Posten kommen aus Mauritius, Martinique, Ceylon, Java, Gabun und Französisch - Guyana. Die Vanilla - Arten sind ausnahmslos rankende Gewächse, die für ihr Gedeihen der Stützbäume bedürfen, nicht aber Schmarotzer. Sie wurzeln im Erdboden. V. planifolia besitzt fleischige, 2 - 3 cm dicke Hauptachsen mit gegenständigen, fleischigen, länglichen Blättern, in deren Achseln sich Luftwurzeln bilden, und die traubigen Blütenstände entspringen. Die großen Blütenstände weißlich- bis grünlich - gelb; eines der drei Blütenblätter, die "Lippe", schließt deckelförmig den Fruchtknoten und die Narbe von den darüber befindlichen, von einer Kappe eingeschlossenen Staubbeuteln ab. Selbstbestäubung wird dadurch ausgeschlossen, was für die Kultur (s.u.) zu beachten ist. Die Frucht der V. stellt eine, in reifem Zustand gelbliche, 15 - 30 cm lange, fleischige Schote dar, welche in je eine breite und schmale Klappe aufspringt. Sie enthält zahllose, schießpulverförmige, schwarze Samen.

2. Kultur, Aufbereitung. Anbau (Näheres bei Semler, Delteil und Fesca). Die V. ist eine ausgesprochen klimasensible Pflanze der engeren Tropenzone. Extreme in Temperatur, Bestrahlung und Niederschlägen, sowie längere Dürreperioden sagen ihr nicht zu. In den Anbaugebieten Mexikos empfängt sie 1300 - 1850 mm Regen im Jahr, bei einer mehrmonatlichen Trockenzeit, die der Fruchtreife günstig ist. Ein stark humoser, nährstoffreicher, mäßig feuchter Boden ist am besten geeignet. Stütz- und Schattenbäume sind immer erforderlich: man zieht die V. auch an Pfählen oder Spalieren, doch sind Stützbäume mit weicher Rinde vorzuziehen. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge. Die Pflanze verlangt eine sorgfältige Pflege, Reinhaltung. des Bodens, nötigenfalls auch Künstliche Bewässerung und jährliche Düngung. Meist im dritten Jahre beginnt die V. zu blühen. Die Bestäubung der Blüten - in den Heimatländern der Pflanze durch Insekten vermittelt - muß in anderen Kulturturgebieten durch Menschenhand künstlich erfolgen (Näheres mit Abb. bei Semler, Delteil und Lecomte). Sie muß bis 10 Uhr morgens beendet sein Im ersten Blühjahr dürfen nur einzelne Blüten zur Befruchtung gebracht werden, um die Pflanze nicht allzusehr zu erschöpfen; später sind sämtliche Blüten zu bestäuben. Einen Monat nach der Befruchtung haben die Früchte ihre endgültige Größe erreicht; zur völligen Ausreifung brauchen sie aber noch weitere 5 - 7 Monate. Fehlerhafte und überzählige Früchte werden schon nach dem Auswachsen entfernt. - Ernte muß erfolgen, sobald die vorher rein grünen Früchte sich gelb zu färben beginnen, jedenfalls noch vor dem Aufspringen der Schoten. - Erträge. Vollerträge mancherorts schon im vierten, meist aber erst im sechsten oder siebenten Jahr; Ertragsfähigkeit nimmt meist nach dem zehnten Jahre ab. Jahreserträge volltragender Pflanzen beziffern sich auf 25 - 30 Früchte. - Erntebereitung.

a) Mexikanisches oder trocknes Verfahren (genau beschrieben bei Busse I). Es gliedert sich in. das Welken auf Gitterrosten (im schattigen, gut ventilierten Trockenraum während der ersten 24 Stunden), das Besonnen unterWolldecken (am zweiten Tage) und das Schwitzen zwischen Wolldecken in geschlossenen, vorher erwärmten Schwitzkästen (beginnend am Abend des zweiten Tages, solange die Früchte vom Besonnen noch warm sind); Dauer 16 - 22 Stunden, je nachdem die gewünschte dunkelbraune Färbung früher oder später eintritt. Nach dem ersten Schwitzen werden die Früchte noch 20 - 30 Tage lang während der heißesten Stunden der Sonne ausgesetzt, im übrigen auf Gitterrosten ausgebreitet, bis sich an der Oberfläche ein Kristallreif von Vanillin (s.u.) entwickelt hat. Während dieses Zeitraums läßt man sie noch 4 - 5 mal schwitzen. Wenn die Witterung nicht anhaltend günstig ist, oder zu große Mengen von Früchten zu verarbeiten sind, tritt an die Stelle der Sonnenbehandlung des zweiten Tages der Ofen. Auf Réunion hat das mexikanische Verfahren verschiedene Abänderungen erfahren (bei Delteil und Busse). -

b) Das Heiß - Wasser - Verfahren, ursprünglich von den Eingeborenen Französich - Guyanas stammend, auf Réunion höher entwickelt. Man wendet dabei statt der Sonnenwärme oder der Behandlung im Ofen Abbrühen mit heißem Wasser an. Die in Rotankörbe gepackten frischen Früchte werden entweder einmal 15 - 20 Sekunden oder 2 - 3 mal je 3 - 4 Sekunden in Wasser von 85 - 90° C getaucht. Hierauf läßt man sie in Wolldecken in der Sonne oder in Schwitzkästen 4 - 8 Tage schwitzen. Endlich kommt die V. für 30 - 40 Tage inden Trockenraum. - Endlich wird seit etwa 15 Jahren hier und da ein Trockenverfahren in Chlorkalziumschränken angewendet, nachdem Welken und Schwitzen voraufgegangen sind (Näheres bei Busse und. Fesca). Von Schädlingen und Krankheiten wird die V.kultur nur wenig verfolgt (Näheres bei Lecomte, Fesca, de Wildeman).

3. Anbau in den Schutzgebieten besteht heute in nennenswertem Umfange nicht mehr, nachdem frühere Ansätze dazu in Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Samoa namentlich infolge Sinkens der Preise sich nicht rentiert haben.

4. Handelssorten. Man hat zu unterscheiden zwischen der "echten" V. und den "VanilIons". Erstere stammt ausschließlich von V. planifolia; das beste Produkt liefert Mexiko, doch wird die mexikanische V. ihres hohen Preises wegen kaum noch auf den europäischen Markt gebracht. Ihr am nächsten steht die Bourbon - V. von der Insel Réunion. (Weltproduktion und - verbrauch bei Chalot). - Die Vanillons (Vanilloes) stammen von verschiedenen Arten der Gattung Vanilla, insbesondere V. pompona und V. guianensis, und zwar fast nur von wildwachsenden Pflanzen. Sie kommen vor allem aus Guyana, Brasilien und Westindien, aber auch aus Mexiko und Honduras auf den Markt. Sie sind von der echten V. u.a. dadurch verschieden, daß sie neben dem Vanillin (s.u.) noch Piperonal enthalten und daher ein heliotropartiges Aroma besitzen (Näheres mit Abb. bei Busse).

5. Chemie. Der wichtigste Inhaltsstoff der V. ist das Vanillin, in der Handelsware zu 1,2 bis 2,9 % enthalten. Der Vanillingehalt einer V. ist indessen nicht immer ein Wertmesser für die Güte der Ware, weil das eigenartige Aroma der V. noch von verschiedenen anderen, durch die chemische Analyse bisher nicht faßbaren Körpern bestimmt wird. Das Vanillin findet sich in der erntereifen Frucht nicht fertig gebildet vor, sondern entsteht erst beim Absterben der Frucht, wahrscheinlich durch Abspaltung aus einem Glukoside (be Behrens und Busse). Das Vanillin wurde 1874 zuerst von Tiemann und Haarmann künstlich dargestellt (Lit. bei Busse) und drohte anfänglich die V. vom Gebrauch zu verdrängen. Das ist ihm aus dem eben angegebenen Grunde jedoch nicht gelungen, die V.Produktion hat vielmehr seit jener Zeitstetigzugenommen. Das erwähnte Piperonal, ein dem Vanillin sehr nahe verwandter Körper, trat vor etwa 15 Jahren - aus unbekannten Gründen - auch in echter V. aus Tahiti auf und machte sich so störend bemerkbar, daß große Posten dieses Produkts unverkäuflich waren. Inzwischen muß aber eine Besserung eingetreten sein, da Tahiti heute den Weltmarkt an erster Stelle versorgt.

Literatur: Delteil, La Vanille, sa culture et préparation, IV. Aufl., Paris 1897. - W. Busse Studien über die Vanille, Arb. a. d. Kais. Gesundheitsamt, Bd. X V, 1898 (mit ausführlichem Nachweis der älteren Literatur). Ders., Über die Bildung des Vanillins in der Vanillefrucht, Zeitschr. f. Unters. d. Nahrungs- und Genußmittel, 1910, 21 ff. J. Behrens, Über das Vorkommen des Vanillins in der Vanille, Tropenpflanzer 1899, 299. Semler, Tropische Agrikultur, II. Aufl., Bd. II, 1900. -Lecomte, Le Vanillier, sa culture, etc., Paris 1901. -de Wildeman, Les plantes tropicales de grande culture, Bd. I, Brüssel 1908. - Fesca, Der Pflanzenbau in den Tropen und Subtropen, Bd. III, Berl. 1911. - Chalot, Production ei consommation de la Vanille dans les differents pays, L'Agriculture pratique des pays chauds, XII. Jahrg., 1912, 334 ff. - Außerdem zahlreiche Aufsätze im Tropenpflanzer und fremdländischen Zeitschriften für tropische Landwirtschaft.

Busse.