Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 614

Verstümmelungen. Dauernde Veränderungen des Körpers durch gewaltsame Eingriffe entspringen dem Glauben, daß dadurch die Funktion eines Organs befördert werden kann (s. Beschneidung), oder sind mit religiösen Vorstellungen verknüpft, wie das Abhacken eines Fingergliedes als Totenopfer und Trauerzeichen; weiterhin dienen sie zur Herstellung von Stammesabzeichen wie das Ausschlagen oder Spitzfeilen der Vorderzähne, werden aber auch als Strafe ausgeführt (Abhacken der Hand eines Diebes, jus talionis). Die V. hängen im übrigen mit dem Schmuck (s. 4.) zusammen. Eine eigentümliche V. bildet die Plastik. An der Südküste von Neupommern z.B. wird dem Neugeborenen der Kopf mit Binden eingeschnürt und das Verfahren längere Zeit fortgesetzt, so daß der Erwachsene einen "Spitzkopf" trägt; als Zeichen der Vornehmheit gilt der durch Umschnürungen verkrüppelte Fuß der Chinesin. Die häufigsten V. werden indessen zur Befestigung von Schmuckstücken ausgeführt. Am Ohr wird die Ohrmuschel durchbohrt zum Einstecken kleiner Ringe; man durchbohrt das Ohrläppchen (Massai u.a.) oder löst es mit einem Streifen entlang der Ohrmuschel (Kaniet) ab, um in dem so entstandenen Hautringe Schmuck einzuklemmen, oder den Ring selbst mit Ringen zu besetzen. Einlagen oder das Gewicht des Schmuckes selbst dehnen dann den elastischen Ring, so daß er auf der Schulter aufliegt und sein Besitzer gelegentlich den eigenen Arm hindurchstecken kann. Die Nase wird in den Flügeln oder der Scheidewand durchbohrt, um Ringe, Knöpfe, Stäbe aufzunehmen. Die Ober- und Unterlippe werden durchbohrt, um darin Stifte aus Stein, Metall, Holz oder Knöpfe, schließlich große Scheiben (Makonde, Musgu) zu tragen. Reißt ein solcher Hautring am Ohr oder der Lippe, so gilt das als schimpflich, daher ist er bei Streit und Balgereien ein beliebter Angriffspunkt; allerdings versteht man es auch, den zerrissenen Streifen nach Anfrischung der Ränder wieder zusammenheilen zu lassen.

Thilenius.