Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 618

Verwandtschaft. Die V. ist zunächst eine natürliche, auf die Abstammung begründete. Da jede Person Vater und Mutter hat, so besitzt sie eine doppelte V., indessen wird der Regel nach überhaupt oder vorwiegend nur die eine beachtet, so daß die Zugehörigkeit einer Person zu einem Blutsverband, ihr Erbrecht usw. entweder nach der Mutter (Mutterfolge) oder nach dem Vater (Vaterfolge) bestimmt werden. Häufig sind Mischungen von Mutter- und Vaterfolge, während Elternfolge selten ist. In systematischer Beziehung ist die deskriptive von der klassifikatorischen Bezeichnung zu unterscheiden. Die deskriptive geht von einem männlichen oder weiblichen Vorfahren aus und bezeichnet danach die einzelne Person in ihrem Verhältnis zu einer anderen gleicher Abkunft. Bei der klassifikatorischen werden die Individuen in Gruppen geordnet; alle Angehörigen einer Gruppe sind dann allen einer anderen Gruppe gleich nahe verwandt. Meist wird die Gruppe durch die Generation gebildet; es sind dann alle Mitglieder einer Generation Brüder und Schwestern, die der vorbei ehenden für sie Väter und Mütter, während sie ihre Söhne, Töchter, Neffen, Nichten als gemeinsame Kinder bezeichnen. Nicht zur natürlichen V. rechnen vor allem die Schwiegereltern und Schwiegerkinder. Weit verbreitet ist daher die Sitte, daß die Schwiegertochter sich vor dem Schwiegervater verhüllt, der Schwiegersohn mit der Schwiegermutter nicht spricht, daß Begegnungen zwischen Schwiegereltern und -kindern vermieden werden usw. - Der natürlichen steht die künstliche V. gegenüber. Sie entsteht durch Zusammenschluß blutsfremder Familien zu einer dauernden Gemeinschaft, durch Milchverwandtschaft, Pflegevaterschaft, besonders häufig durch Adoption von Kindern oder Eltern, und durch Blutsfreundschaft (s.d.).

Thilenius.