Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 627 f.

Virunga (Einzahl Kirunga d. i. Feuerberg) werden die Vulkane der Gruppe genannt, die am Nordende des Kiwusees (s.d.) den Zentralafrikanischen Graben (s.d.) wie ein Riegel absperrt. Die V. sind in drei Gruppen, einer östlichen und mittleren, beide eng geschlossen, und einer weitläufigeren westlichen angeordnet. Die Ostgruppe besteht von O nach W aus Muhawura (4125 m hoch), Mgahinga (3485 m) und Sabinjo (3664), die in einer Linie liegen. Der erste ist ein sehr regelmäßiger Kegel, in den oberen Teilen vegetationslos, mit unverhältnismäßig kleinem, geschlossenem Krater. Die Überlieferung der Eingeborenen besagt, daß ein Ausbruch vor nicht allzulanger Zeit stattfand. Der Zustand der jüngsten Laven des Berges bestätigt das. So kann man den Vulkan nicht als erloschen bezeichnen, im Gegensatz zu den andern beiden in dieser Gruppe. Der Muhawura wurde nach der nordwärts benachbarten kleinen Landschaft Ufumbiro auch gelegentlich als Mfumbiro bezeichnet. Der Mgahinga ist ebenfalls sehr regelmäßig gebaut, sein etwa größerer Krater hat teilweise zerstörten Rand und sumpfigen Boden. Die Wände sind mit Vegetation bedeckt. Der Sabinjo, ursprünglich eine wohl kraterlose vulkanische Quellkuppe, ist als ältester mehr denn ein anderer der V. durch die Erosion angefressen, insbesondere nach NO hin von tiefen Schluchten zerschnitten. Der Gipfel besteht aus sehr steilen Felszähen. Weithin nach N und S haben die Laven des Sabinjo das Land überdeckt, dabei mehrere Stauseen geschaffen oder wenigstens bei ihrer Entstehung mitgewirkt, den vielleicht abflußlosen Ngesi (d. i. See) Ndorwa oder Bugniani im NO, Bolero und Ruhondo (oder Luhondo) im SO, beide durch den Mkunga zum Njawarongo (s.d.) entwässert. - In der ganz erloschenen Mittelgruppe ist der Wissoke (oder Vissoke oder Kissassa, 3620 m) der NO-, der Mikeno (4340 m) der NW - Pfeiler, beiden gegenüber steht im S der breitere Aufbau des Karissimbi (4460 m). Der Wissoke trägt einen nach innen steilwandigen Krater von etwa 700 m Dm. mit Sumpf und See; der Mikeno ist stark zerfurcht und kraterlos, nächst dem Sabinjo der älteste; der Karissimbi ist der höchste der V.; der Hauptgipfel überragt als schlanker, kraterloser Kegel eine nach S ausgebreitete vulkanische Hochfläche; ihre Osthälfte nimmt der Branca - Krater (3 945 m) mit 1,6 km Dm. ein, ihr Westeck bildet der kleinere Hans Meyer - Krater, beide von Sumpf und Moor erfüllt. Oft reicht der Schnee am Karissimbi weit abwärts, bedeckt noch den Branca - Krater. Die Westgruppe besteht aus den beiden noch tätigen V., dem Niragongo (oder Ninagongo, 3351 m), auch Kirungatschagongo genannt, und Namlagira (3012 m). Der abgestumpfte Hauptgipfel des ersteren ist von dem 155 m tiefen Kraterloch des Graf Götzen- Kraters (G. hat die V. als erster Europäer besucht) mit 1 1/4 km Dm. eingenommen; in dessen Boden befinden sich zwei tiefe Eruptionsschlote. 1894 war der Berg in voller Tätigkeit, seit 1906 verhielt er sich ganz ruhig. Ein etwa ebenso großer Krater ist am Nordhang, ein etwas kleinerer am Südhang des Vulkans eingesenkt, außerdem weiter unten manch kleiner parasitärer Kegel. Der Namlagira hat einen 2 km weiten Krater in seinem flachen Gipfel mit mehreren Eruptionsschloten. Er trat Ende 1907 in eine Periode lebhafter Tätigkeit ein. Es waren Gasund Ascheneruptionen; die Rauchsäule wurde zu 9 km Höhe gemessen. An seinem Fuß befinden sich viele parasitäre Hügel, und auch in der weiteren Umgebung sind die vulkanischen Kräfte am Werk. So entstand 1904 14 km vom Mittelpunkt des Namlagira entfernt der Adolf - Friedrich - Kegel und sandte seinen Lavastrom auf 9 km bis in die Nordspitze des Kiwu; das Jahr darauf türmte sich in 10 km Entfernung nach O der ebenfalls kleine Kanamaharage auf. Bedeutender war der Ausbruch, der Ende 1912 einen gegen 200 m hohen Kraterberg schuf, der 3 km östl. vom Nordende des Kiwu liegt. Mächtige Lavaströme sind bis in den See geflossen. Auch der Namlagira zeigte sich damals etwas tätig. Das Gebiet des V. ist ziemlich regenreich, die nächsten genaueren Beobachtungen sind gemacht in Ruasa (s. Ruanda) und Njundo (s. Kiwu) an seinem Südrand. -Die Gegend am Südfuß der V., die zu Ruanda gehört, ist dicht besiedelt und gut angebaut; überall. liegen kleine Bananenhaine, Erbsenfelder (Pisum sativum, seit Jahrhunderten eingebürgert) und solche mit Bohnen, Süßkartoffeln, Sorghumhirse (s.d.). An den V. steigen, soweit das Gestein genügend verwittert ist, immergrüne Höhenwälder bis zu etwa 3000 m empor, oft unterbrochen oder ersetzt durch weite Bambushaine, so am Südhang des Karissimbi von 2400 - 3000 m. Hier gerade liegt oberhalb noch ein schmaler Waldgürtel, der hauptsächlich aus Hagenia abyssinica besteht. Von 3000 m ab aufwärts tritt an den V. Senecio Johnstoni (s. Kilimandscharo) formationsbildend auf, gemischt mit Lobelien und Ericaceen. Mehr als in der Flora macht sich in der Fauna die Nähe der afrikanischen Hylaea (s. Deutsch-Ostafrika 6) geltend. Gorilla und Schimpanse kommen in den Bergwäldern vor, die westafrikanische Form des Büffels, eine Zwergform des Ei lefanten. Außer den Watussi und Wahutu Ruandas wohnen auch eine ziemlich hochwüchsige Gruppe der Batwa (s. alle diese) im Gebiet der V.; letztere ziehen zwischen den Hängen der V. und dem Bugoiewald (s.d.) hin und her. Der Posten Mruhengeri (s. Ruanda) liegt am Südfuß des Sabinjo.

Literatur: (R.) Herrmann, Das Vulkangebiet des Zentralafrikanischen Grabens, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. XVII, 1904. - Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, Ins innerste Afrika, Lpz. 1909, und die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Expedition, die im Erscheinen sind. Hierzu gehört M. Weiß, Karte des Vulkangebiet8, 1 : 100 000, 1910. - Der vulkanische Ausbruch im N des Kiwu - Sees vom 4. Dez. 1912 bis 2. Jan. 1913, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. XXVI, 1913.

Uhlig.