Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 648 ff.

Waffen der Eingeborenen (s. farbige Tafel Waffen und Schnitzwerke und Tafel 30). 1. Allgemeines. 2. Nah - W. (Schlagring, Dolch, Schwert, Keule, Streitaxt, Speer). 3. Fern - W. Wurfstock, Wurfkeule, Wurfholz, Wurfeisen, Schleuder, Bogen und Bogengerät, Blasrohr, peerschlender, Wurfschlinge). 4. Schutz - W. Parierstock, Schild, Rüstung, Helm).

1. Allgemeines. Werkzeug und W. sind ursprünglich dasselbe. Zähne und Nägel, die Faust können Werkzeug oder W. sein; der spitze Stock, mit dem man Wurzeln ausgräbt, ist dem Speer eng verwandt, die Keule dient dem Krieger und der Rindenstoff bearbeitenden Frau. Nur durch den Zweck unterscheiden sich ursprünglich Werkzeug und W., doch bildet er das Gerät für die besondere Verwendung allmählich um, ohne doch eine unbedingt durchgreifende Scheidung herzustellen; jedes ausgebildete Werkzeug kann als W. verwendet werden, und manche W. können im Notfalle Werkzeuge vertreten. Andererseits sind einzelne W. wie die Keule oder der Speer mit mehreren Geräten verwandt, während andere auf dem Umwege über die Verwendung bei der Jagd sich wieder den Geräten nähern, wie das nach Art einer Armbrust gebaute Fanggerät. Ist also der Zweck oder die Absicht entscheidend, so er gibt sich die übliche Unterscheidung von Schutz - W. und Trutz - W. oder Verteidigungs- und Angriffs - W. Dabei stellen die letzteren Verstärkungen und Projektionen des Armes, die ersteren der Haut und des Skeletts darüberdies sind die Schutz - W. durch die Trutz - W. bedingt. Die Angriffs - W. sind entweder unmittelbare Verlängerungen des Armes (Schwert) oder werden in die Ferne entsandt (Pfeil), (Nah -W., Fern - W.), sie sollen ferner durch Stich (Speer) oder Hieb (Keule) wirken (Hieb - W., Stich - W.), wobei der letztere stumpf oder scharf sein kann. Die Fern - W. endlich können nur durch die Muskelkraft des Armes geschleudert werden (Wurfmesser) oder durch eine sie vervielfältigende Vorrichtung (Bogen). - Eine wesentliche Vormehrung der Formen ergibt sich für einzelne W. daraus, daß sie im Kriege und auf der Jagd verwandt werden. Die Jagd - W. ist gewöhnlich leichter, aber vielgestaltiger, da der Jäger sie - der Wildart anpaßt. -Die Haupt - W. gehen auf sehr wenige Urformen zurück.

2. Nah - W. Eine einfache W. ist der Schlagring (Mikronesien, Westsudan). Er besteht aus einem Griff, durch den die Enger der Faust gesteckt werden, und an der Außenfläche angebrachten Spitzen. Das Material ist Metall (meist Eisen), selten Holz, oder dieW. besteht aus einem Ring von verflochtenen und versteiften Schnüren, an die z.B. Haizähne angesetzt sind. - Das Messer als Schneidewerkzeug ergibt zunächst den Dolch (s.d.), der Stich - W. ist. Gleichen Ursprungs ist das für Hieb und Stich bestimmte Schwert, das eine gerade Klinge hat (Massai, Sudan) oder eine gebogene, wobei die Schneide auf der konvexen (Sudan) oder auf der konkaven (Kongogebiet) Seite liegen kann., Zum Schwert, meist auch zum Dolch, gehört eine Scheide (Leder, Fell, Holz), die schon das Steinmesser schützt, und an ihr befindet sich eine Vorrichtung zum Tragen. Die dem Messer verwandte Säge scheint mit den Reiß - W. der Mikronesier zusammenzuhängen, Stäben, die in einer oder mehreren Zeilen dicht mit Haizähnen besetzt sind und in ihren kleinsten Formen Frauen -W. sind. - Auf den Knüppel geht eine große Gruppe von W. zurück. Der einfache Sto ck ist bereits eine W., der am Ende verdickte liefert die Keule, der zugespitzte lange Stab den Speer. Die Keule besteht in einfachen Formen aus einem geglätteten Wurzelstock mit längerem oder kürzerem Stil (Afrika, Melanesien). Die Beschwerung des Schlagendes kann indessen auch aus anderem Material als Holz bestehen; so trägt der Stock (Stiel) am Ende eine Scheibe oder einen Knauf aus durchbohrten Steinen (Neuguinea, Gazellehalbinsel). Auch eine allmähliche Verdickung vom Griff zum Schlagende zeigen manche Holzkeulen (Samoa, Neuhannover). Ist die Keule nicht rund, sondern flach (Neumecklenburg), so gewinnt ihre Form Beziehungen zur Paddel (sog. Ruderkeule Ozeaniens), sie kann dann an den. Haizähnen mit Kanten besetzt werden und eine Verbindung von Hieb- und Reiß - W. ergeben; auch wird sie so flach, daß die Kanten stumpfe Schneiden bilden, man fertigt sie dann auch wohl ganz aus Stein statt aus Holz. Eine besondere Form geht anscheinend nicht allgemein auf den Knüppel zurück, sondern auf den der Fiedern beraubten Palmwedel, dessen Stammende eine natürliche Verdickung bildet; er dient als W. und wird in Holz mehr oder weniger kenntlich nachgebildet. Aus dem Stock, den ein Stein beschwert, hervorgegangen, daher vielleicht mit der Keule, aber besonders mit dem Hammer verwandt, ist endlich die als Hieb - W. dienende Streitaxt (Westsudan). Der Speer ist mitunter noch als Jagd - W. ein langer, dünner, zugespitzter Stock ohne jede weitere Bearbeitung. Der Regel nach ist er indessen sorgfältig geglättet und gerundet. Er besteht aus dem Schaft und der Spitze, der am entgegengesetzten Ende des Schaftes der Schuh entsprechen kann. Oft sind die Speere aus einem Stück Holz gearbeitet, doch ist auch dann die Spitze meist deutlich gegen den Schaft abgesetzt und durch einen Ornamentstreifen mit ihm verbunden, der auch zur Befestigung von allerlei, Schmuck dient, wie z.B. bei den 3 und mehr Meter langen Speeren von Neuguinea. Der Regel nach sind indessen Schaft und Spitze aus verschiedenem Material gefertigt. Holz, Rohr, Bambus liefert den ersteren, während die letztere aus dem gleichen Material oder aus Knochen oder Metall, vor allem Eisen besteht, auch Horn, Stein und Glas kommen vor. Die Form der Spitze ist höchst verschieden. Auf den Salomoninseln besteht die "Spitze" aus der in der Längsachse liegenden eigentlichen Spitze und einer Anzahl schaftwärts von ihr aufeinanderfolgenden Wirteln aus angebundenen kurzen Knochenspitzen. Ebenso können Dornen, Krallen, Haizähne in Zeilen angebracht werden. Ein natürliches Gebilde verwandter Anordnung ist der Rochenstachel, der in Mikronesien als Spitze dient, und seinem Vorbild entsprechen große Speerspitzen aus Holz, deren sekundäre Zacken als Widerhaken erscheinen. In Afrika ist die meist eiserne Spitze mittels eines Dorns in den Schaft eingelassen oder mittels einer Röhre (Tülle) aufgesteckt. Sie hat der Regel nach Blattform und kommt in allen Größen vor; gelegentlich finden sich auch Widerhaken. Der Schuh, der vor allem Afrika angehört, ist aus Eisen gefertigt und dient zum Teil als Gegengewicht für die Spitze.

3. Fern - W. Schon ein Stein oder ein kurzer Knüppel sind Fern - W., aber auch Messer und Dolch, Keule und Speer, die Streitaxt bedürfen keiner oder nur geringer Änderung der Größe und des Gewichts, um als Wurf - W. verwendet. zu werden, und viele Formen können gleichzeitig als Nah- und Fern - W. dienen, während andere als Wurfstöcke, Wurfkeulen, Wurfspeere besondere Gestalten annahmen. Die Wurfkeule ist ein kurzer gerader Stiel mit schwerem Knauf, das Wurf holz ein flaches Holzstück mit zwei Kanten, das so über eine Kante winklig gebogen ist, daß ein kürzerer und ein längerer als Griff dienender Schenkel entsteht. Dieses Wurfholz (am bekanntesten als Bumerang der Australier) ist im Sudan verbreitet und das Urbild des Wurfeisens (Wurfmesser), das aus ihm durch die Eisentechnik entstand. Ursprünglich ein entsprechend gebogener Eisenstab, erhielt es durch Anfügung von Spitzen und schneidenden Fortsätzen in verschiedener Zahl und an verschiedenen Stellen, wobei gleichzeitig der Stab sich zu einer Platte abflacht, sehr mannigfaltige, oft phantastische Formen, bei denen schließlich ihr Wert als W. fraglich wird; das Verbreitungsgebiet des (übrigens auch als Geld dienenden) Wurfeisens ist der westliche Sudan bis zum Kongowalde. - Unter den besonderen Vorrichtungen für den Wurf ist zunächst die in Ozeanien verbreitete, in Afrika seltene Schleuder zu nennen, ein Stück Leder, Blatt, Zeug, das jederseits in eine Schnur ausläuft und zum Wurf von Steinen dient. - Weitaus die wichtigsten Fern -W. sind indessen Bogen (s.d.) und Pfeile (s.d.). Während letztere kleine Speere darstellen, gleich ihnen die verschiedensten Formen, zumal der Spitze annehmen und nur durch die meist vorhandene Kerbe, ferner durch die Flugsicherung wesentlich von ihnen verschieden sind, ist es bisher noch nicht gelungen, die Entstehung des Bogens in befriedigender Weise zu erklären. Zur Ausrüstung des Bogenschützen gehört der Pfeilköcher, meist ein an einem Ende durch den Boden, am anderen durch den abnehmbaren Deckel geschlossenes Rohr aus Holz, Leder, Flechtwerk, ferner ein über dem Handgelenk angebrachter Schutz gegen die nach dem Schuß zurückschnellende Sehne in Gestalt eines Polsters, breiten Ringes oder eines spiralig aufgewundenen Rindenstreifens usw.; zur Unterstützung beim Spannen der Sehne dient in Afrika zum Teil ein Spannring oder Spannmesser, d.h. Ring oder Messer mit einem gekrümmten Fortsatz, der die Sehne faßt. Aus dem Bogen ging die aus China zuerst bekannt gewordene Armbrust (s.d.) hervor, die kurze Pfeile schleudert. - Das in Indonesien und Südamerika verbreitete Blasrohr findet sich auch z.B. im Südwesten von Neupommern, doch ist es wesentlich Jagd - W., und die kleinen leichten Pfeile, die im Rohr durch Umwicklungen abgedichtet werden, sind größeren Organismen nur bei Verwendung von Pfeilgiften gefährlich. - Um die Wurfweite des Speeres zu erhöhen, sind in Australien, Neuguinea, in Jap, dann in Amerika Speerschleudern im Gebrauch: Bretter oder Stäbe mit einem Widerlager an dem oberen Ende, gegen das der Speerfuß gelegt wird; die Hand faßt Speerschleuder und Speer gleichzeitig und schleudert den Speer ab, wobei die Speerschleuder als verlängerter Arm wirkt. In Melanesien (Admiralitätsinseln) und Afrika (Togo) kennt man die Wurfschlinge, eine geflochtene Schnur oder einen Lederriemen, die um die Speere gewickelt werden, wobei ein Ende in der Hand gehalten wird. Beim Wurf wickelt sich die Schlinge ab und gibt dem Speer eine Drehung um seine Längsachse, wodurch die Treffsicherheit zunimmt.

4. Schutz - W. Der Stock, der zum Hieb dient, kann ohne weiteres zum Parieren des feindlichen Hiebes verwendet werden. Wird der Parierstock in der Mitte verdickt geschnitzt, so daß man ihn hier an der Rückseite unter Erhaltung eines Steges als Griff aushöhlen kann, so entsteht der einfache Holzschild (Dinka). Versieht man den Stock in der Mitte, wo die Hand ihn umfaßt, mit einem Lederbuckel als Handschutz, so erhält man den Schild der Schaschi. - Aus diesen Anfängen erwachsen die Fellschilde, die aus einem verschieden großen Fellstück bestehen, das ein Stab stützt. Statt des Fells wird auch hartes Leder verwendet. Das Verbreitungsgebiet der Fell- und Lederschilde ist in Afrika der Sudan, der Osten und Südosten; in Neuguinea kommt ein Fellschild am Kaiserin-Augustafluß vor. Die Formen dieser Schilde sind meist rund oder oval. In Westafrika einschließlich des Kongogebiets herrscht der Geflechtschild aus Rohr; auch Rinde und Holz werden verarbeitet. Hier ist an die meist kantig begrenzte Schildfläche, die oft nach außen gewölbt wird, auf der Innenseite ein Handgriff befestigt, der aus einem oder mehreren Stäben besteht oder aus einem Brett, in dessen Mitte ein Griff freigeschnitzt ist. In Melanesien finden sich Geflechtschilde neben Holzschilden von länglicher oder runder (Neuguinea) Form, die aus einem Stück geschnitten oder aus breiten Holzleisten (Neupommern, Südwesten) zusammengesetzt sind; die Holzschilde können auch beflochten werden, was wohl zum Schmucke dienen soll; sie werden ferner bemalt und geschnitzt. Mitunter tragen die Schilde Eigentumsbezeichnungen, und aus der Bemalung der Massai - Schilde kann der Kundige die ganze militärische Laufbahn ihrer Träger entnehmen. - Während der Schild auch in der großen und schweren Form des Setzschildes (Neuguinea) oder des Pferd und Reiter schützenden runden Lederschildes (Togo) eine bewegliche W. darstellt, die leicht abgelegt werden kann, ist die Rüstung fest mit ihrem Träger verbunden. Ihr Ursprung ist nicht sicher bekannt; breite, flächenhafte Schmuckstücke können ebenso zu seiner Erfindung geführt haben wie Kleidungsstücke oder große Schilde. Aus hartem Fell sind die Panzer der Neger im mittleren bis Westlichen Sudan gefertigt, die von der Achsel bis zur Hüfte reichen, aus Geflecht die von Neuguinea, die ebensoviel vom Körper decken. Diesen wenig schmiegsamen W. schließen sich die Rüstungen aus netzartig gearbeiteten Kokosschnüren an, die aus Hose und Ärmeljacke bestehen und von den Guilbertinseln her nach den Karolinen gebracht werden. Sie lassen nur Hände und Füße frei, den Leib schützte mitunter ein breiter starrer Gürtel aus Rochenhaut. Vereinzelt stehen in Afrika die Wattepanzer des Tsadseegebietes. Es sind mantelartige Rüstungen für den Reiter und Decken für das Pferd, die, am Kopf beginnend, über den Hals und Rücken reichen und nur die Füße vom Unterarm und Unterschenkel ab freilassen. Sie werden heute aus zwei Stoffstücken, zwischen denen grobe Watte liegt, zusammengesteppt; ihr Vorbild ist unbekannt, dürfte aber in Westasien gesucht werden. -Endlich ist der Helm zu erwähnen. Der Schutz des Kopfes spielt bei Naturvölkern keine große Rolle. Frisuren und Kopfschmuck sind seine Vorläufer, wo er ausgebildet ist, handelt es sich wohl der Regel nach um Nachbildungen europäischer oder asiatischer Vorbilder; so kommen am Tsadsee entlehnte kaukasisch - persische Formen vor und topfartige, heute aus Blech hergestellte der Wattepanzerreiter. Auf Nauru trug der gerüstete Krieger eine schwere runde Kappe aus Kokosgeflecht; auf den Guilbertinseln kam der Helm aus der getrockneten Haut des Igelfisches vor. S.a. Bewaffnung.

Thilenius.