Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 669 f.

Wangoni, westlich vom Njassa Angoni, von der alteingesessenen, unterworfenen Bevölkerung des Gebietes zwischen Njassa und der Ostküste Äquatorialafrikas Wamatschonde, von den Küstenleuten Masitu, Maliti, Magwangwara und Walihuhu (s.d.), von den Njassa- und Tanganjikavölkern, sowie den Wanjamwesi Watuta, von den Bewohnern des Livingstonegebirges Wajoja genannt, der Kern der unter der Literaturbezeichnung Mafiti in den letzten Jahrzehnten vielgenannten räuberischen Völkerschaften im Süden von Deutsch-Ostafrika vom Quellgebiet des Rovuma bis über den mittleren Ruaha hinaus. Die W. sind Sulu (s.d.), die erst im Laufe des 19. Jahrhunderts die alte Heimat im südöstlichen Afrika verlassen haben. Der Tradition nach war es ein Regiment Schoschonganes, des Vaters des bekannten Umsila, das nach erfolglosem Kampf am Sambesi statt der Rückkehr in die Heimat es vorzog, nach Norden in die Gegend westlich vom Njassa vorzubrechen und im weiteren Verlauf der Wanderung bis Ufipa vorzudringen. Ein späterer Haufen ließ sich östlich vom Njassa an den Quellen des Rovuma nieder; er geriet sehr bald in Streitigkeiten mit den westlichen Brüdern, aus denen schließlich zwei Reiche hervorgegangen sind, die beide im heutigen Ungoni östlich vom Livingstonegebirge liegen. Hawai erhielt das südliche, Tschipeta das nördliche von ihnen. Nach Tschipetas Tod im Kampf gegen die Wahehe (s.d.) ist sein Reich von Schabruma, das andere bis 1889 von Mharuli beherrscht worden. Mharulis Nachfolger sind Mlamiro, und Tschem - Tschaja. Durch die W. sind die gesamten ethnographischen und politischen Verhältnisse des Südens von: Deutsch-Ostafrika von Grund aus umgestaltet worden. Sie haben vor 1860 große Gebiete im Westen des Njassa und in den späteren Jahrzehnten das ganze weite Gebiet zwischen dem Rovuma und dem Rufidji auf das grausamste verwüstet und entvölkert, bis ihrer Herrlichkeit durch die Deutschen ein jähes Ende bereitet worden ist. Ihre endgültige Unterwerfung ist 1897 erfolgt. Acht Jahre später haben sie sich am Majimaji - Aufstande beteiligt, sind aber nach zähem Widerstand und starkem Verlust an Menschenleben besiegt worden und scheinen sich nunmehr in ihr Schicksal zu fügen. - Von den zahlreichen Stämmen ihres früheren Raubgebiets, den Wanjassa, Wanindi, Wandendeuli, Wapangwa, Wanjonga, Wamatschenja, Wandonde, Waruanda, Wamuera, Jao usw. (s.d. betr. Art.) haben die W. bei ihren Zügen je einen Teil vernichtet, während sie andere Teile mit sich in ihre Sitze geschleppt haben. Der Rest bildet die heutige dünne Bevölkerung jenes Gebietes zwischen Njassa und dem Stillen Ozean. Manche der bedrängten Stämme sind übrigens freiwillig nach Ungoni gezogen, um nur Ruhe vor ihren Feinden zu bekommen. Andere wieder haben aus der Not eine Tugend gemacht und sind zu Suluaffen (s.d.) geworden. - Die Durchsetzung mit den den Küstenlandschaften entstammenden Elementen ist für die W. nicht ohne Wirkung geblieben; sie stellen heute ein buntes Gemisch süd- und ostafrikanischer Bantu dar, unter denen nur die Schabruma - Wangoni und die Fürstengeschlechter sich reiner erhalten haben. Im allgemeinen sind sie große, wohlgestaltete Menschen; die Frauen gar sind berühmt ob ihrer Anmut und der Regelmäßigkeit ihrer Gesichtszüge. Auch geistig sind die W. gut veranlagt, intelligent, rege, selbstbewußt, tapfer. Ein Symbol dieser Tapferkeit ist die Wohnweise: frei und offen im Gegensatz zu den meisten anderen Negersiedlungen liegen ihre Dörfer da. Hüttenform ist der Zylinder mit Kegeldach, das fast bis zur Erde herniederreicht (s. Tafel 204). Neuerdings, wo die W. für ihre Tapferkeit keine Verwendung finden, sind sie rasch zu ebenso tüchtigen Ackerbauern geworden, wie sie früher Krieger waren. Ihre Beete nehmen an Sorgfältigkeit der Bestellung und der Unterhaltung den Vergleich mit europäischen auf; man wendet Asche und Gründüngung an und übt einen mehrj ährigen Fruchtwechsel. Hauptnutzpflanzen sind Eleusine und Mais, Sorghum, Bohnen, Maniok und vieles andere. Die Eleusine wird zur Bereitung von Pombe verwandt, von der die W. ganz unglaubliche Mengen vertilgen. Die Kleidung der Frauen besteht aus zusammengenähten Schaf- und Ziegenfellen, die der Männer aus einem togaartigen Mantel von europäischem Baumwollstoff, unter dem je ein kleines Fell vorn und hinten getragen wird. Eine ebenfalls aus Südafrika herübergerettete Eigentümlichkeit sind die Nutschi, kleine Kapseln zur Bedeckung der Glans penis (s. Tafel 81). -Südafrikanisch sind auch die Waffen. Hauptangriffswaffen sind ein kurzer, kräftiger Stoßspeer und eine Anzahl längerer Wurfspeere; Schutzwaffe ist der bekannte Suluschild. Zur Kriegskleidung gehörten vor allem mächtige Kragen von Hahnenfedern und umfangreiche, auf dem Kopf befestigte kugelförmige Ballen von ebensolchen Federn. Die W. sind nicht nur auf das Gebiet zwischen dem oberen Rovuma und dem Rufidji beschränkt, sondern sind in Gestalt der Watuta (s.d.) sogar bis an den Victoria Njansa gedrungen. Andere sind über den Ulanga in das Gebiet der Wabena, noch andere (die Wambunga [s.d.]) nach Mahenge und Khutu gezogen. - W. nennt sich schließlich eine kleine Völkerschaft auf dem Südhang des Makondeplateaus gegen dessen Westende hin und im darunterliegenden Rovumatal. Neben der alten, Kegeldachhütte und dem neueren Viereckhaus besitzen diese W. auch Pfahlbauten, deren Tafel 38 einen darstellt. Mit den echten W. haben diese W. genetisch nichts zu tun; sie sind vielmehr ein Konglomerat aus Wangindo, Wandonde und anderen zersprengten Stämmen. Ihren Namen haben sie in Verfolg einer Art Mimikry (Suluaffen [s.d.]) angenommen.

Literatur: Prince, Geschichte der Magwangara nach Erzählungen des Arabers Raschid bin Masaud. Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1894. Arning, Die Wahehe, ebenda 1896/97. Merensky, Deutsche Arbeit am Njassa. Berl. 1894. - Lieder, Reise von der Mpambabai. Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1897. - Livingstone, Last journals. Lond. 1874. - Wiese, Beiträge zur Geschichte der Sulu im Norden des Sambesi, namentlich der Angoni. Zeitschr. f. Ethnol. 1900. Fülleborn, Das deutsche Njassa- und Ruwumagebiet. Berl. 1906. - Bornhardt, Zur Oberflächengestaltung und Geologie Deutsch-Ostafrikas. Berl. 1900. - Häflinger, Land und Leute von Ungoni. Missionsbl. d. St. Benediktusgenossenschaft. 1901. - Leue, Ungoni. DKolZtg. 1904.

Weule.