Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 672

Wanjamwesi, große Bautuvölkerschaft auf dem zentralen Tafellande Deutsch-Ostafrikas. Das Gebiet der W. wird im Westen von Ufipa, Uha und Urundi begrenzt, im Süden von Uhehe und Urori, im Osten von Ugogo, Turu und Iramba, im Norden von Ussukuma und Ussindja. Die Wassukuma, Wakonongo, Wakimbu, Wawinsa und Wassumbwa (s.d. betr. Art.) werden vielfach zu den W. gezählt, die somit mehr eine Häufung nahe verwandter Gruppen als ein einheitliches Volkstum darstellen. Trotzdem sind sie als Ganzes so gut charakterisiert, auch sprachlich so einheitlich, daß man den Namen beibehalten muß. - Die W. sind mittelgroß, kräftig, von meist dunkler Hautfarbe; das Gesicht relativ schmal, Nase und Lippen fein; Beschneidung fehlt. Die oberen mittleren Schneidezähne werden vielfach dreieckig ausgesplittert. Ursprüngliche Kleidung der Männer war je ein Fellschurz vorn und hinten, die der Frauen ein Hüfttuch aus Rindenbast; im, Süden ein grober, selbstgewebter Baumwollstoff. Heute hat der eingeführte Kattun das alles verdrängt. Die alte Wohnform sämtlicher W. ist die Zylinderhütte mit weitüberstehendem Kegeldach (msongä), die in einzelnen Landsc haften 10 - 15 m Durchmesser und 10 - 30 (?) m Höhe erreicht. In Ussukuma stehen sie noch heute in regellosen Gruppen, die von Palisadenzaun und Graben umzogen sind. In den übrigen Landesteilen hingegen hat die Tembe (s.d.) insoweit ihren Einzug gehalten, als sie an die Stelle der alten Umwallung getreten ist. Die über den Tembenhof verteilten Kegeldachhütten dienen dabei immer noch als Wohnraum. Manche Wohnanlagen dieser Art beherbergen 4 - 500 Menschen und mehr. - Die W. sind sehr tüchtige Ackerbauer, deren Hauptfrüchte Sorghum und Mais sind. Andere Nutzpflanzen sind Penicillaria, Hülsenfrüchte, Bataten, Kürbisse, Maniok, Erdnüsse. Der nachlässig gepflegte Tabak ist schlecht. Nirgends fehlt die Kultur der Hanfpflanze (Cannabis indica), der aus Wasserpfeifen geraucht wird. Die Viehzucht beschränkt sich dem gegenüber auf Hühner, Tauben, Ziegen und langschwänzige Schafe. Die Pflege der kurzhörnigen Buckelrinder überläßt man Wahumahirten, die aus Uha und Urundi eingewandert sind. In einzelnen Gegenden sind die W. eifrige Jäger. Verschieden hoch steht ihre Technik; eine Probe in Gestalt eines aus dem Vollen gearbeiteten Schemels gibt Tafel 40 Abb. 5. Ausgezeichnet sind die Flechtarbeiten der Wagalla. In Ukonongo gibt es von Eisenschmelzern und Schmieden ganze Dörfer, während die Frauen eine rege Tonindustrie betreiben. Einer der bemerkenswertesten Züge der W. ist ihre Wanderlust; sie sind die Sachsengänger Ostafrikas. Seit etwa einem Jahrhundert wandert jeder Mann und jeder Jüngling, nachdem die Felder bestellt sind, als Träger oder Händler zur Küste oder anderswohin, oder er geht als Arbeiter auf die Plantagen oder zu anderen Unternehmungen. Mit dem Beginn der nächsten Regenzeit kehrt dann die Mehrzahl wieder in die Heimat und zur Feldbestellung zurück. Mit diesem Wandertrieb hängen die zahlreichen Kolonien im Auslande zusammen; es gibt deren überall von Ugogo bis Umbugwe und selbst in Manjema und Katanga im südlichen Kongobecken. An großen Staatsbildungen sind die W. dabei doch nur arm; nur Mirambo (s.d.) hat von den 1860er Jahren an bis 1886 ein größeres Reich beherrscht, während dasjenige seines Nachfolgers Sikki bereits 1890 von den Deutschen zerstört wurde. Für die Kolonialwirtschaft sind die W. auf Grund ihrer körperlichen und geistigen Veranlagung entschieden das zukunftsreichste Element in Deutsch-Ostafrika.

Literatur: Reichard, Die Wangamwesi. DKolZtg. 1890 und ZGErdk. 1889. - Derselbe, Deutsch-Ostafrika, Lpz. 1892. - Stuhlmann, Mit Emin Pascha im Herz von Afrika. Berl. 1894. Baumann, Durch Massailand zur Nilquelle. Berl. 1894. - Peters, Das deutsch-ostafrikanische Schutzgebiet. Münch. u. Lpz. 1895.

Weule.