Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 688

Wasserversorgung umfaßt die gesamten Einrichtungen zur Beschaffung (Gewinnung, Reinigung und Zuleitung) von Trink- und Wirtschaftswasser. In den Kolonien herrscht die Einzelversorgung vor. Zentrale W.anlagen für ganze Ortschaften sind erst in geringer Zahl eingerichtet. In Orten, wo Eingeborene in größerer Anzahl dicht gedrängt wohnen, liegt es im Interesse der Europäer, daß auch den Eingeborenen durch eine zentrale Anlage einwandfreies Wasser zugeführt wird, damit unter den Eingeborenen gute gesundheitliche Verhältnisse herrschen und infolgedessen keine Gelegenheit zur Übertragung von Krankheiten auf die Europäer gegeben ist. - Zentrale W.anlagen bestehen: in Kamerun in Victoria und Buea; eine größere Anlage ist kürzlich in Duala fertiggestellt worden; in Deutsch-Südwestafrika: in Windhuk, Swakopmund, Karibib, Okahandja und für einen Teil von Lüderitzbucht; in Kiautschou: in Tsingtau. In Togo ist für Lome der Bau einer zentralen W.anlage in Aussicht genommen. - Bei der Wasserversorgung in den Kolonien sind alle Arten der Wassergewinnung im Gebrauch, die Entnahme aus Wasserläufen, natürlichen oder künstlichen Sammelbecken und aus Brunnen, die Fassung von Quellen, das Auffangen von Regenwasser in Behältern und das Kondensieren von Seewasser. Wo brauchbares Wasser in den Wasserläufen oder natürlichen Sammelbecken zur Verfügung steht, wird gern darauf zurückgegriffen, weil die Gewinnung dieses Wassers meist nur einfache Einrichtungen erfordert, zumal wenn das Wasser den Zapfstellen mit natürlichem Gefälle zugeleitet werden kann. Die Entnahme aus künstlichen Sammelbecken ist verbreitet in trockenen Gebieten, wo dauernd fließende Wasserläufe nicht vorhanden sind und die Herstellung von Brunnen schwierig oder unmöglich ist. In Deutsch - Südwestafrika besitzen viele Farmen derartige kleine Sammelbecken (s. Staudämme), die hauptsächlich der Beschaffung des für das Vieh benötigten Wassers dienen. Die Gewinnung des Wassers aus Brunnen (Schacht- oder Röhrenbrunnen) ist überall üblich. Die Schachtbrunnen haben den Vorzug, daß sich in ihnen ein gewisser Wasservorrat aufspeichert; anderseits haben sie aber auch den Nachteil, daß sie der Verunreinigung leichter ausgesetzt sind. Es ist deshalb, damit die Eingeborenen mit den Brunnen nicht in Berührung kommen können, vielfach die Einrichtung getroffen worden, die Pumpen vom Brunnen abzurücken und den Brunnen selbst ganz abzuschließen. Aus Brunnen entnehmen die Wasserleitungen von Duala, Swakopmund, Karibib, Okahandja und Tsingtau ihr Wasser. Die Wassergewinnung durch Quellenfassung ist meist nur für größere Anlagen ausgeführt. Die Wasserleitungen von Victoria lind Windhuk erhalten so, ihr Wasser. In regenreicheren Gebieten ist die Wassergewinnung durch Auffangen des Regens sehr verbreitet, zu der, solange es sich um Einzelversorgungen handelt, nur einfache Einrichtungen erforderlich sind. Es werden dazu die Dächer von Gebäuden benutzt, von denen das Wasser mit Hilfe von Rinnen oder Rohren in massive oder eiserne Behälter geleitet wird. Die Behälter müssen sorgfältig abgedeckt sein, damit das in ihnen enthaltene Wasser nicht verunreinigt werden kann und die Stechmücken nicht Gelegenheit finden, ihre Eier darin abzulegen. Das Auffangen des Regenwassers kann selbst noch in Gegenden mit mäßigem Regenfall und mit mäßig langen Trockenzeiten mit Erfolg angewendet werden. In Togo hat die Regierung, um dem Wassermangel an der Straße Lome - Atakpame abzuhelfen, an 2 Stellen Behälter von je 100 cbm Inhalt, aufstellen lassen, aus denen das Wasser zum Preise von 2/5 R für das Liter verkauft wird. Die Gewinnung des Wassers durch Kondensation von Meereswasser ist ein äußerster Notbehelf, weil dazu umfangreiche maschinelle Einrichtungen erforderlich sind und sich der Preis des Wassers infolgedessen sehr hoch stellt (s. Verdampfer). Diese Methode der Wassergewinnung ist bisher nur in Lüderitzbucht angewendet, wo in der näheren Umgebung durch Bohrungen kein brauchbares Wasser zu erlangen ist und Regen fast überhaupt nicht fällt. Eine Reinigung des gesamten Wassers findet, abgesehen von den größten zentralen W.anlagen, nicht statt. Europäer üben in der Regel die Vorsicht, die zu Genußzwecken bestimmte, verhältnismäßig geringe Wassermenge zu filtrieren und abzukochen. - Die Zuleitung des Wassers geschieht in der üblichen Weise. Soweit das Wasser den Entnahmestellen nicht mit natürlichem Gefälle zuläuft, wird es bei den Einzelwasserversorgungsanlagen meist mit Handpumpen in einen im Hause angebrachten Hochbehälter gehoben, bei größeren Anlagen durch Wind- oder andere Motoren in freistehende Hochbehälter gedrückt. S.a. Wassererschließung.

Fischer.