Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 700 f.

Welser in Venezuela. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß das deutsche Volk, das im späteren Mittelalter in den Dingen der Seefahrt eine führende Rolle spielte, an den Entdeckungen und der Kolonisation vom l5. bis 19. Jahrhundert nahezu unbeteiligt geblieben ist. Gewiß ist als eine Erklärung dafür die politische Zersplitterung Deutschlands anzuführen. In der Tat stand hinter den Entdeckern und Kolonisatoren der Portugiesen und Spanier, der Engländer, Franzosen und Niederländer der Staat, der in Deutschland damals schon zu lose gefügt war, um sich kolonialen Bestrebungen hinzugeben. Allein es fand sich doch auch in Deutschland eine allerdings lockere Organisation, die Hansa, welche sich sonst staatliche Aufgaben aus dem Bereich der auswärtigen Politik setzte und sie erfüllte. Warum hat sie das auf diesem ihr so nahe liegenden Gebiete nicht getan? Man wird in Wirklichkeit ein Erlahmen, der Tatkraft und Tüchtigkeit der Hanseaten, ein behäbiges Sich - Genügenlassen mit dem Erreichten, ein Ausruhen auf den erworbenen Reichtümern als Ursache ihres Verhaltens annehmen müssen. Bestärkt wird dieses Urteil durch die Tatsache, daß auch die einzelnen Deutschen, die sich als Forscher oder Kaufleute an der Entdeckung, Besiedlung oder wirtschaftlichen Ausnützung der neuen Welt betätigten, ausnahmslos oder fast. ausnahmslos aus Oberdeutschland stammen. Von derartigen Unternehmungen ist die berühmteste die der Welser und Ehinger in Venezuela, keineswegs freilich die einzige (s. die unten zitierte Literatur). Vielmehr haben auch andere oberdeutsche Kaufherren Geschäfte in den portugiesischen und spanischen Kolonien zu machen versucht; ferner setzten die Ehinger und W. vor dem venezolanischen Versuch an verschiedenen anderen Stellen jener beiden Kolonialreiche ein, am nachdrücklichsten wohl auf dem spanischen S. Domingo. Allein nur der Versuch mit Venezuela kann hier als die bedeutendste dieser politisch übrigens nicht als deutsch zu bezeichnenden Unternehmungen seinen Platz finden. Am 27. März 1528 kam ein Vertrag zwischen der spanischen Regierung einerseits, Heinrich Ehinger und Hieronymus Sailer anderseits zustande, der den beiden Geschäftsmännern das als Perlenland schon geschätzte Venezuela (das Land vom Kap Maracapana im Osten bis zum Cap de la Vela und der Grenze der Provinz Santa Marta im Westen, in "nordsüdlicher" Richtung aber vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean) unter damals üblichen Bedingungen überantwortete. Es ist fraglich, in welchem Verhältnis Ehinger damals zu den W. stand, d. h. ob er den Vertrag im Auftrage der W. abschloß oder ob letztere nur mit einem Teil des Kapitals an einem Ehingerschen Unternehmen beteiligt waren. Durch ein am 17. Febr. 1531 ratifiziertes Schreiben Karls V. wurden indessen alle venezolanischen Rechte Heinrich Ehingers und Hieronymus Sailers auf Bartholomäus und Anton W. übertragen. Von diesem Zeitpunkte an liegt ein zweifellos Welsersches Unternehmen vor. An Hoheitsrechten gewährte Karl V. den deutschen Kaufleuten in der Hauptsache die höchsten Beamtenstellen der Kolonie auf Lebenszeit oder erblich. Ferner hatten sie das Recht, ein Gebiet von 25 spanischen Quadratmeilen sich als Privateigentum auszusuchen und erhielten 4 % von dem Gewinn aus der Verwaltung der Provinz, während der Rest dem spanischen Staate zufloß. Dazu kamen eine Reihe von wirtschaftlichen Erleichterungen, wie anfängliche Zollfreiheit der Kolonisten und ein erst allmähliches Einsetzen der gesetzlichen 20 proz. Abgabe von Edelmetallen: der Hauptvorteil der deutschen Kaufleute sollte in der wirtschaftlichen Nutzbarmachung des Landes bestehen. Dafür verpflichteten sich Ehinger und Sailer, das Land -gemäß einzelnen Abmachungen - zu besiedeln und zu befestigen. Man kann bei dem Unternehmen der Ehinger und Welser in Venezuela drei Perioden unterscheiden; in der ersten suchen sie das Land nach dem ursprünglichen Plan wirtschaftlich auszubeuten, so durch Bergbau, so durch den besonders gewinnbringenden, auch von diesen Deutschen rücksichtslos betriebenen Sklavenhandel. In einer zweiten gaben sie sich dem Versuch hin, vorteilbringende Entdeckungen zu machen; dabei spielten verschwommene Vorstellungen eine Rolle, wonach sich die so viel gesuchte Passage nach dem Stillen Ozean von Venezuela aus finden lasse, vor allem aber die von einem reichen Goldland, das von dort aus zu erreichen sei. Diese Periode, in die auch die Entdeckungsfahrt Federmanns gehört, fand ihren Höhepunkt und Abschluß in dem Zuge Philipps von Hutten, der dann aber nach seiner Rückkehr mit Bartholomäus Welser d. J. von einem Abenteurer, namens Carvajal, der den Gouverneurposten von Venezuela usurpiert hatte, meuchlings "hingerichtet" wurde (1546; Carvajal wurde kurz darauf auf grausame Weise mit dem Tode bestraft). In der dritten Epoche haben die Welser nur noch für die Anerkennung ihrer Rechte auf Venezuela gekämpft, von dem sie sich zurückgezogen hatten, um diese Rechte vorteilhaft verwerten zu können. Das Unternehmen als Ganzes ist gescheitert. Man wird aber nicht verkennen dürfen, daß die Welser große Energie gezeigt und bedeutende Teilerfolge erzielt haben, trotz der enormen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten und von denen hier nur der Zwist mit den Kolonisten und die Eifersucht der spanischen Beamten genannt seien. Es ist kaum zu bezweifeln, daß das ursprünglich betriebene kaufmännische Geschäft, vielleicht am meisten der Sklavenhandel, wenigstens zeitweise Gewinn abgeworfen hat., Erst im Jahre 1881 ist ferner ein moderner Forschungsreisender wieder so weit vorgedrungen, wie Philipp von Hutten 1542/43. In der dritten Periode schließlich, in der die Welser als Angeklagte vor den spanischen Indienrat gezogen worden waren, vermochten sie es, sich völlig zu rechtfertigen, während ihnen freilich Venezuela, endgültig 1556, abgesprochen wurde.

Literatur: K. Haebler, Die überseeischen Unternehmungen der Welser und ihrer Gesellschafter. Lpz. 1903. - Ders., Eine deutsche Kolonie in Venezuela. Histor. Taschenbuch, 6. Folge, Bd. 9 (1890). - Ders., Welser und Ehinger in Venezuela. Zeitschr. des histor. Vereins für Schwaben und Neuburg, 21 (1894). E. Daenell, Zu den deutschen Handelsunternehmungen in Amerika im 16. Jahrh. Histor. Vierteljahrschr. 13 (1910).

Wahl.