Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 712 ff.

Wind. 1. W.richtung, W.stärke und W.geschwindigkeit. 2. W.gesetze. 3. Allgemeine W.verteilung. 4. Einfluß des Landes auf die W.verteilung. Periodische und unperiodische W. 5. Stürme. 6. Besondere W.

1. W.richtung, W.stärke und W.geschwindigkeit. Beim W. sind zu unterscheiden W.richtung, wie W.stärke und W.geschwindigkeit. Die W.richtung wird bezeichnet nach der Richtung, aus der der W. weht. Die W.stärke wird nach der Beaufortskala von 0 - 12 geschätzt, so daß "0". W.stille, "12" Orkan mit verwüstenden Wirkungen bezeichnet. Die W.geschwindigkeit wird in Metern pro Sekunde oder in englischen Meilen pro Stunde gemessen. Nach Köppen: "Neuere Bestimmungen über das Verhältnis zwischen der W.geschwindigkeit und der Beaufort - Stärkeskala" ist

2. W.gesetze. Die engen Beziehungen zwischen der Verteilung des W. und des Luftdrucks geben die aus dem Studium der synoptischen Wetterkarten gewonnenen Gesetze.

a) Das Buys - Ballotsche Gesetz: Die Luft strömt von der Gegend höheren nach der niederen Luftdrucks und wird auf der nördlichen Halbkugel nach rechts, auf der südlichen nach links abgelenkt.

b) Das Stevensonsche Gesetz: Die W.stärke und W.geschwindigkeit ist um so größer, je größer der Luftdruckgradient ist, je dichter gedrängt also die Isobaren sind. Am schärfsten ausgeprägt findet man beide Gesetze bei den ozieanischen W., während auf dem Festland durch die Reibung an der Erdoberfläche größere Beeinflussungen eintreten. Regelmäßig nehmen W.stärke und W.geschwindigkeit wegen der wachsenden Reibung an der Erdoberfläche vom Ozean gegen die Küste, von der Küste gegen das Binnenland ab. Aus diesem Grunde nehmen sie auch mit der Erhebung über dem Erdboden zu, zuerst sehr schnell, nachher langsamer; nicht selten erfolgt in größeren Höhen sogar eine Abnahme. Auf dem Meere fehlt eine tägliche Periode von W.stärke und W.geschwindigkeit fast völlig. Auf dem Festlande erreichen sie ihr Minimum in den Morgenstunden, ihr Maximum einige Stunden nach Mittag. In den höheren Luftschichten ist hingegen der W. bei Nacht bedeutend stärker als am Tage. Die allgemeine Zunahme der mittleren W.geschwindigkeit nach dem Meere hin und innerhalb der gemäßigten Zonen auch nach den Polen hin ist in der kalten Jahreszeit erheblich größer als in der warmen.

3. Allgemeine W.verteilung. Die Ozeane der Erde, besonders der Atlantische, zeigen folgende Verteilung der W., die sich wahrscheinlich auf der ganzen Erde finden würde, falls diese gleichmäßig von Wasser oder ebenen Land gebildet würde. Ein Gürtel niedrigen Luftdrucks mit W.stillen und schwachen veränderlichen W. (Mallungen) zieht sich längs des Äquators hin. Diesem strömt aus den Gebieten hohen Luftdrucks in etwa 35° nördlicher und südlicher Breite, den subtropischen Hochdruckgürteln, in den unteren Schichten Luft mit großer Beständigkeit zu, wodurch zwischen etwa 30° nördlicher und südlicher Breite die Passatgürtel entstehen. Durch die Erdrotation werden auf der nördlichen Halbkugel die so hervorgerufenen Nord- W. zu Nordost- , auf der südlichen die Süd- W. zu Südost- W. abgelenkt. Der kräftigere und das größere Gebiet einnehmende ist der Südostpassat. Im nördlichen Sommer sind diese 3 Zonen nordwärts, im nördlichen Winter südwärts verschoben. Von unseren Kolonien haben das ganze Jahr hindurch Südostpassat das Samoagebiet wie der. Süden von Deutsch - Ostafrika; im nördlichen Winter Nordostpassat, im nördlichen Sommer Südostpassat bzw. östliche W., und in den Zwischenzeiten Mallungen mit gelegentlichen Südweststürmen die Marshallinseln und Karolinen; im nördlichen Winter Nordost-Passat, und im nördlichen Sommer südwestliche W. das Innere von Kamerun und Togo; das ganze Jahr hindurch südwestliche W. die Küsten dieser beiden Kolonien, wie auch die von Deutsch-Südwestafrika. Im Innern von Deutsch - Südwestafrika dürften östliche W. vorherrschen. In den subtropischen Hochdruckgürteln senken sich die am Äquator auf gestiegenen Luftmassen wieder herab die ihnen in der Höhe auf der nördlichen Halbkugel als Südwest- W., auf der südlichen als Nordwest- W. (Antipassate) zufließen. In diesen Gürteln, den polaren Grenzen der tropischen Luftzirkulation, sind ebenfalls Mallungen vorherrschend. Polwärts von ihnen strömt die Luft an der Erdoberfläche den höheren Breiten zu und bildet, durch die Erdrotation abgelenkt, die Westwindzonen. In den inneren Polarzonen herrschen wieder Ost - W. vor. Schematisch zeigt die großen W. - gürtel der Erde nebst der Luftdruckverteilung an der Erdoberfläche die nachstehende Tabelle:

Die senkrechten Striche entsprechen der Einschaltung der windstillen Gürtel. Es sind dies die subtropischen sog. "Roßbreiten" und der tropische Kalmengürtel.

4. Einfluß des Landes auf die W.verteilung. Periodische und unperiodische W. Dadurch, daß 27 % der Erdoberfläche vom festen Land bedeckt sind, wird die allgemeine W.verteilung stellenweise wesentlich verändert. Die Temperaturunterschiede zwischen Land und Meer erzeugen jahreszeitlich und im Laufe des Tages wechselnde W., die Monsune wie die Land- und See - W. Die bei weitem großartigere Erscheinung sind die Monsune. Sie reichen stellenweise bis in die Mitte der Festländer und der Ozeane. Besonders entwickelt sind sie an der Süd- und Ostseite Asiens, des größten Kontinents. Verstärkt wird die Wirkung des asiatischen Kontinents noch durch die entgegengesetzte jährliche Schwankung der Temperatur in den Wüsten Australiens und Südafrikas. Von etwa 10 ° - 23 ° n. Br. und von Afrika bis zu den Philippinen, an der afrikanischen Küste den Nordosten von Deutsch- Ostafrika, im Osten die Palauinseln mit umfassend, herrscht im Sommer der heftiger wehende Südwest-, im Winter der schwächer wehende Nordostmonsun. An der chinesischen Küste reicht der, und zwar frisch wehende, Nordostmonsun bis 30° n. Br. Sonst wechseln an der asiatischen Ostküste schwache südliche bis südöstliche W. im Sommer mit starken nordwestlichen im Winter ab. Diesem Gebiet gehören von unseren Kolonien das Kiautschougebiet und die Marianen an. Veranlassung zum Nordwestmonsun gibt während des südlichen Sommers in Deutsch- Neuguinea, den Bismarck-, Admiralitäts- und den deutschen Salomoninseln wie in den ihnen benachbarten kleineren Inselgruppen die zu dieser Zeit außerordentlich starke Erhitzung des australischen Kontinents; hingegen herrscht sonst in diesen Gebieten der Südostpassat. Den Monsunen entsprechend, jedoch auf die Nähe der Küsten beschränkt sind die Land- und See - W. Der Eintritt der Seebrise erfolgt zwischen 9 Uhr vormittags und mittags. Besonders wichtig für das Wohlbefinden des Menschen ist an den tropischen Meeresküsten die meist gegen Mittag einsetzende und Erlösung von der drückenden Hitze der, letzten Vormittagsstunden bringende Seebrise. Land- und See - W. kommen auch an den Ufern größerer Seen, wie wir sie in Deutsch- Ostafrika besitzen, zur Entwicklung. Über die Einwirkungen der Monsune wie der Land- und See - W. auf das Klima s. Klima 3 e. - Im Gebirge weht der W. tags meist als warmer Wind talaufwärts, nachts als kalter talabwärts. S. Klima 3 f. - Im Gegensatz zu diesen periodischen W., periodisch nach der Jahres- bzw. Tageszeit, stehen die unperiodischen der mittleren und höheren Breiten. Sie werden meist durch die Bewegung von Luftdruckwirbeln bedingt; die Wirbel mit niedrigem Luftdruck in der Mitte werden als Zyklone, die mit hohem in der Mitte als Antizyklone bezeichnet. Ihrer Unbeständigkeit entspricht die Launenhaftigkeit der W.richtung in diesen Breiten. Da die Zyklone sich meist an der polaren Grenze der gemäßigten Zone von Westen nach Osten fortbewegen, so dreht sich der W. in der nördlichen gemäßigten Zone vorwiegend im Sinne des Uhrzeigers, in der südlichen im umgekehrten Sinne des Uhrzeigers.

5. Stürme. Am genauesten untersucht sind wegen ihrer praktischen Wichtigkeit die stärksten W., Stürme, Orkane und Taifune. Meist gehören sie zyklonalen Luftwirbeln an, doch ist oft nicht der ganze Umkreis der Zyklone stürmisch. Die Unterscheidung in Wirbelstürme und andere Stürme ist daher nicht immer streng durchführbar. Am häufigsten treten sie in mittleren und höheren Breiten auf; verhältnismäßig selten sind sie in den Tropen, wo sie sich jedoch um so schärfer von der sonstigen Regelmäßigkeit und Ruhe des Wetters abheben. -Dafür erreichen sie aber dort ihre regelmäßigste Ausbildung und zuweilen die größte Heftigkeit. Sie entstehen meist in etwa 10° Breite, bewegen sich etwa bis zum Wendekreis westwärts und zugleich polwärts und biegen darauf, in die allgemeine Bahn der Wirbel der gemäßigten Zone einschwenkend, ostwärts ab. Zugleich verbreitert sich ihr Durchmesser rasch, während ihre Intensität meist abnimmt. Frei von ihnen sind die Gebiete von etwa 5° n. Br. bis 3° s. Br., also von den deutschen Kolonien Deutsch-Neuguinea mit den Bismarck- und Admiralitätsinseln, Deutsch-Ostafrika abgesehen von gelegentlichen Verstärkungen der Monsun- W., Kamerun und Togo abgesehen von den Tornado (s.d.); am, häufigsten von den berüchtigten, Taifun genannten, Orkanen heimgesucht sind die Marianen; auch auf den Karolinen wie den Marshallinseln scheinen sie nicht selten zu sein; gelegentlich treten sie ferner auf den Samoainseln wie im Kiautschougebiet auf. Die Dauer der Taifune beträgt meist 8 bis 24 Stunden, steigt selten auf 3 Tage und erreicht nur in ganz besonderen Fällen 7 Tage. Charakteristisch für die Taifune ist der sie begleitende jähe Barometersturz und das folgende ebenso heftige Wiederemporschnellen. Außerordentlich sind die Verheerungen, welche die Taifune begleiten können. Bäume werden entwurzelt, Häuser umgestürzt und ein Stück fortgeführt; und was der Taifun selbst übrig gelassen hat, vernichten dann öfter zum Schluß, namentlich auf kleineren und niedrigen Inseln, die ihm folgenden Flutwellen.

6. Besondere W. An besonderen in den deutschen Kolonien vorkommenden W. sind zu erwähnen Föhn, Harmattan, Windhosen und Tornado (s. Sonderartikel).

Literatur: Segelhandbuch für den Stillen Ozean, Hamburg 1897; Jür den Atlantischen Ozean, 3. Aufl., Hamburg 1910; für den Indischen Ozean, Hamburg 1892, mit zugehörigen Atlanten hrsgb. von der Deutschen Seewarte. - S.a. Literatur unter Klima und Meteorologie.

Heidke.