Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 715 ff.

Wirtschaft der Eingeborenen. 1. Wirtschaftfiche Arbeit und Enthaltsamkeit. 2. Nahrungsstoffe: Wasser, Salze, Eiweiß, Fette, Kohlehydrate. 3. Nahrungsgewinnung: Sammel - W., Jäger- und Fischervölker. - Kultivierende W.: Hirtenvölker, Bauernvölker. 4. Nahrungsbereitung. 5. Vierstufentheorie und Pflugbau.

1. Wirtschaftliche Arbeit und Enthaltsamkeit. Die W. umfaßt alle Handlungen des Menschen, die zur Gewinnung und Verwertung der zu seiner Lebensführung notwendigen Güter erforderlich sind. Obenan stehen unter diesen die Nahrungs- und Genußmittel, weiterhin folgen die technischen Rohstoffe (für Geräte, Waffen, Schmuck, Kleidung, Bauwerke, Verkehrsmittel), endlich gehören hierher die Gewerbetätigkeit (s.d.) und der Handel (s. Tauschhandel, Märkte, Geld). Die Art des Nahrungserwerbes beeinflußt die technischen Rohstoffe und wirkt unmittelbar auf die gesellschaftlichen Zustände zurück. Der Jäger und der Hirte haben vor allem tierische Rohstoffe zur Verfügung, Bauern dagegen vorwiegend pflanzliche; herumziehende Völker können keinen umfangreichen Besitz an Gerät usw. entwickeln, sondern beschränken ihn auf das Unentbehrliche und leicht Bewegliche, seßhafte verfügen über größeren Reichtum an Formen und Stoffen. Andererseits verbietet unsicherer und mühsamer Nahrungserwerb das dauernde Zusammenleben größerer Menschenmengen und erfordert außerdem ein verhältnismäßig großes Gelände; sicherer Nahrungserwerb wird zur Voraussetzung für die Entwicklung größerer Verbände auf kleinerem Raum, ihre Schichtung und Spezialisierung. Im allgemeinen versteht man daher unter W. die Grundlage dieser Zusammenhänge, d.h. die dem Nahrungserwerb geltenden Tätigkeiten. - Diese beruhen zunächst auf Arbeit, außerdem aber auf Enthaltsamkeit, die zur Regulierung des Verbrauches und zur Herstellung von Vorräten führt. Freilich erreichen erst die Kulturvölker eine hohe Stufe rationeller Ausnutzung der Nahrungsmittel. Die Naturvölker verfügen über weit geringere technische Hilfsmittel (ganz abgesehen davon, daß ihr Nahrungserwerb fast ausschließlich ein empirischer ist), so daß ihrer W. die Intensität fehlt; andererseits sind ihre Vorräte begrenzt und von äußeren Einflüssen wie dem Wetter sehr abhängig, da ihnen der Handel keinen Ausgleich schaffen kann; überdies verschleudern und zerstören sie wirtschaftliche Werte, so bei Festen, bei Bestattungen durch reichliche Totenbeigaben und die Brachlegung der Pflanzungen. Hindernd auf die Ausnutzung des Vorhandenen wirken religiöse Vorstellungen, wenn z.B. in Südafrika Fische nicht genossen werden, die man für Wasserschlangen hält, also für gleichbedeutend mit den Erdschlangen, welche Seelentiere sind. Einen gewissen Ausgleich schaffen dann wieder die Speiseverbote, die bestimmte Nahrungsmittel zeitweilig oder dauernd einer Gruppe von Personen entziehen, während andere sie genießen dürfen (z.B. im Gebiete des Totemismus, s.d.); radikal wirkt ferner die künstliche Beschränkung der Volkszahl (Kindesmord) auf die unter normalen Verhältnissen mit den verfügbaren Mitteln zu erhaltende Menge. Bei aller oft erstaunlichen Spezialisierung einzelner Methoden des Nahrungserwerbs ist daher seine Grundlage auch dort keine sichere, wo an sich ausreichende Nahrungsmittel vorhanden zu sein scheinen; die W. ist vielmehr durch gesellschaftliche und religiöse Beziehungen belastet und, ganz abgesehen von technischen Fragen, beschränkt durch die psychologischen Besonderheiten des Naturvolkes, unter denen die Irrationalität voransteht. - Der Stoffwechsel verlangt den Ersatz verbrauchten Materials und umfaßt die Aufnahme der Nahrungsstoffe, ihre Umwandlung und die Ausstoßung des Nichtverwendbaren. Die Nabrungsstoffe sind in den Nahrungsmitteln enthalten, von denen alle Organismen Luft, Wasser, Salze brauchen, Tier und Mensch außerdem Eiweiß, Kohlehydrate, Fette, die von Pflanzen und Tieren geliefert werden können. Der Mensch ist daher im allgemeinen an die Gebiete gebunden, in denen Wasser und Pflanzen vorhanden sind; andererseits hat er sich eine Reihe von Hilfsmitteln geschaffen, die eine wesentliche Steigerung seiner Körperkräfte darstellen und ihm den Nahrungserwerb erleichtern. Er geschieht in zwei Formen. Entweder der Mensch liest die Nahrungsmittel auf, wo er sie findet (aneignende oder Sammel - W.), oder er züchtet sie (kultivierende oder produzierende W.). Allerdings schließen sich diese Formen nicht aus, sondern überwiegen nur in verschiedenem Grade. Die aneignende Form gleicht äußerlich der des Tieres, doch besteht der grundlegende Unterschied, daß das Tier sich in seiner Organisation den Nahrungsmitteln anpaßt oder nur die aufnimmt, die ihr ohne weiteres entsprechen, während der Mensch die Nahrungsmittel sich anpaßt, indem er sie zubereitet. Er sorgt ferner für die Gegenwart, denkt aber auch an die Zukunft, indem er vorsorgt.

2. Nahrungsstoffe. Unter den Nahrungsstoffen findet der Mensch das Wasser in Quellen, Teichen, Wasserläufen, das ihm auch in geringer Menge Salze zuführt, ferner dient ihm das Regenwasser, das sich in Felshöhlungen, Tümpeln, Blattscheiden usw. sammelt. Er genießt es in pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln und kennt überdies Pflanzen, die ihm Grundwasser anzeigen, und andere, die es aufspeichern, so daß deren Zweige, Blätter und vor allem Früchte es ihm liefern. können (Kokosnuß, Narakürbis). Der Buschmann versteht es, das kapillare Wasser in der Kalahari durch Ansaugen mittels eines Halmes zu gewinnen; man gräbt Brunnen, die bis zum Grundwasser reichen oder fängt in der Südsee das an den Palmstämmen herabfließende Regenwasser mit großen Muscheln oder Schneckenschalen auf. Einen Wasservorrat hält man in Kokosschalen, Töpfen, Bambusstücken, Fellsäcken usw., der Buschmann vergräbt mit Wasser gefüllte Straußeneierschalen. - Die Salze sind gleich dem Wasser in pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln enthalten, doch wird vor allem das Kochsalz außerdem gewonnen. In einfachster Weise wird es dem Haushalt zugeführt durch Verwendung von Meerwasser, das getrunken und den Speisen zugesetzt wird (Ozeanien), nachdem es gelegentlich auf weiten Wegen herbeigeschafft ist. Durch Sieden von Meerwasser wird Salz in Melanesien gewonnen, durch Auslaugen von Pflanzenasche und Versieden der Lauge in Afrika; man sammelt es in den Ausblühungen salzhaltigen Bodens und gewinnt es aus salzhaltigem Gestein. Da Salz nicht überall erhältlich ist, wurde es Gegenstand des Gewerbes und eines weitreichenden Handels, dient auch stellenweise als Wertmesser (s. Geld). - Eiweiß und Fette überwiegen in den tierischen Kohlehydraten in den pflanzlichen Nahrungsmitteln, die den Hauptgegenstand des Nahrungserwerbs darstellen.

3. Nahrungsgewinnung. Die tierische Nahrung (s. Haustiere) liefern wilde und zahme Säuger (Hund, Schaf, Ziege, Schwein, Rind), wilde und gezähmte Vögel (Hühner, Tauben, Enten), ferner niedere Wirbeltiere, vor allem Fische, endlich Wirbellose, wie Heuschrecken, Käferlarven, Bienen und die große Zahl von Tintenfischen, Schnecken, Muscheln, Würmern, die das Meer enthält. Die Pflanzennahrung liefern neben den Wurzeln, Blättern, Früchten wildwachsender Pflanzen, dem Mark von Palmen, Farnstämmen usw. die kultivierten Getreide- und Gemüsearten, dann Banane, Brotfrucht, Kokospalme, Erdnuß, Sesam; Zuckerrohr bildet schon den Übergang zu den Genußmitteln, zu denen auch Tabak, Betelnuß, Kaffee gehören (s. Nutzpflanzen). Ein Teil der Nahrungstiere kann durch Aneignung gewonnen werden, doch ist ihre Zahl gering, solange dem Menschen nur seine Gewandtheit zur Verfügung steht; erst mit der Ausbildung technischer Hilfsmittel vergrößert sich der Kreis der erreichbaren Arten erheblich und umfaßt dann auch die großen Tiere, die reichlich Fleisch liefern. Zum Einsammeln von Kleintieren, wie es auf den Riffen der Südsee und auf dem Lande Frauen und Kinder betreiben, tritt dann die Jagd (s.d.) und die Fischerei (s.d.) des Mannes. Ihr Umfang ist verschieden und bei der Leistung, die sie verlangen, -durch die Menge bestimmt, in welcher Masse Nahrungsmittel verfügbar sind; wo Jagd und Fischerei die Hauptnahrung liefern, tritt die Abhängigkeit der Gesellschaft von der W. hervor, so daß man solche Völker als Jäger- oder Fischervölker bezeichnet, ohne damit sagen zu wollen, daß diese W.form ihnen ausschließlich die Nahrung liefert. Jägervölker sind z.B. die Pygmäen (s.d.) und Buschmänner (s. d.), Fischervölker die Bewohner der ärmsten und kleinsten Atolle der Südsee; letztere gewinnen daneben ihre Pflanzenkost durch den Anbau, erstere durch Sammeln, wobei sie zum Ausgraben von Wurzeln und Knollen den Grabstock verwenden, der auch ein wichtiges Gerät des Landbaus ist. Da das Meer für Erneuerung der Tiere sorgt, sind die Fischervölker seßhaft, während die Jägervölker in kleinen Horden. ständig umherschweifen. Jene können einen gewissen Reichtum an stofflichem Kulturbesitz haben, diese müssen sich auf das notwendigste und zweckmäßigste Gerät beschränken, das sie mitführen können. - Die kultivierende W. erstreckt sich auf Tiere und Pflanzen. Sie gibt der Lebenshaltung größere Sicherheit und Stetigkeit und ermöglicht den dauernden Bestand zahlreicherer Gemeinschaften mit einer stärkeren Entfaltung des materiellen Kulturbesitzes. Die Tier - W. ist zunächst einfache Tierhaltung; sie gilt wilden Tieren, die man zum Vergnügen (Schmucktauben, Papageien) oder zur Nahrung einfängt (Schildkröten); wenig mehr ist die extensive Zucht der Haustiere, die nach Afrika und Ozeanien eingeführt sind, und die man bis auf den Bau von Ställen im wesentlichen sich selbst überläßt; nur für das Rind wird durch Auswahl der Weide besonders gesorgt. Eine bewußte Tierzucht ist auf sehr wenige Gebiete beschränkt, so auf die Tussi, die ihre Rinder auf Körperform, Größe der Hörner usw. züchten (s. Viehzucht). Die Tiernutzung umfaßt die Verwendung der Tiere als Verkehrs- (Pferd, Esel, Kamel, Rind) und als Nahrungsmittel. Das Hausgeflügel spielt dabei eine geringe Rolle, und es ist bezeichnend, daß Huhn und Ei in Westafrika einen besonderen Wert nur als Opfer haben. Wertvoller ist das Kleinvieh (Schaf, Ziege, Schwein), doch kommt die größte Bedeutung dem Rind zu. Die Nutzung selbst ist dabei eine ganz verschiedene. Rund, Schwein, Schaf werden um des Fleisches willen gehalten, zum Teil auch die Ziege; vom Rinde wird in allererster Linie die Milch genutzt, dagegen ißt man der Regel nach nur gefallenes Großvieh. Dabei ist der Milchertrag der einzelnen Kuh gering, so daß sehr große Herden gehalten werden müssen, um für sich allein die Hauptnahrung zu liefern,. Andererseits erklärt sich die Größe der Herden daraus, daß das Rind religiöse Beziehungen zum Menschen hat (Herero) und seinen Reichtum, mit dem er Frauen kauft usw., darstellt. Die Notwendigkeit, dieses Gebrauchswerte und Gemütswerte darstellende Kapital zu erhalten und zu mehren, bestimmt völlig die Lebensweise und Kultur mancher Völker, so daß man sie als Hirtenvölker bezeichnet (Fulbe, Tussi, Massai, Hottentotten, Herero, s. d. betr. Art.). Die Überwachung der Rinderherden ist Sache der Männer, das Melken, wobei Holzgefäße zur Aufnahme dienen, geschieht auch durch Frauen, die die Verarbeitung der Milch vornehmen. Die Pflanzenkost gewinnen die Hirten durch Sammel - W., durch Tausch, aber auch z um Teil durch einen allerdings geringfügigen Anbau. -Den Jägervölkern, die Wüste und Wald bewohnen, und den Hirtenvölkern, die in Afrika den Süden einnehmen, in Zentralafrika vom Norden her in den Westsudan und im Osten bis an das Seengebiet vorgedrungen sind, stehen in dem übrigen Zentralafrika und in Ozeanien die Bauernvölker gegenüber, deren W. sich auf Zucht und Anbau der Nahrungspflanzen gründet, während sie nebenher auch die Jagd und Fischerei betreiben und Vieh halten, dessen Milch und Fleisch sie genießen. Die regelmäßige Nutzung der Kokospalmen oder der Brotfruchtbäume erfordert keine besondere Pflege; bei der Sagopalme ist es zweifelhaft, ob auf die Erhaltung der Bestände überall eine besondere Sorgfalt verwendet wird, doch verlangt hier die Gewinnung und Verarbeitung des Markes eine wiederkehrende Tätigkeit. Auch die Kultur der Bananen bedarf keiner großen Leistungen. Wo sie nicht die Hauptnahrung bildet und in Hainen steht (Wakonde, Westafrika), wird sie mit anderen Nutzpflanzen am Rande der Hauptpflanzung angebaut; hat eine Pflanze Frucht getragen, so wird der Schaft umgehauen; die nach einiger Zeit aus dem Stock sprießenden Schoße werden gesammelt und als Stecklinge für eine neue Anlage verwendet. Die Fruchtrispen schneidet man gewöhnlich mit einfachen Messern ab, in Afrika jedoch ist ein besonderes Bananenmesser bekannt, das an einem längeren, in den Griff eingelassenen Eisenstab die kurz gekrümmte starke Klinge trägt. Die Hauptarbeit wird indessen auf den Anbau der Getreide- und Gemüsepflanzen verwandt, von denen in Afrika die Kornarten. überwiegen, während in Ozeanien Knollenpflanzen allein in Betracht kommen. Dem Anbau voraus geht die Klärung des Stückes, wobei die Rodung der Bäume die Arbeit des Mannes ist. Alle weitere Arbeit fällt ursprünglich ganz der Frau zu, wenn auch hier und dort in verschiedenem Umfange Männer mitarbeiten, statt sich auf den Schutz der Frauen zu beschränken-. Einfach gestaltet sieh der Anbau von Taro und Yams in Ozeanien; die Stecklinge werden in Löcher gesetzt, die mit dem Grabstock hergestellt wurden; in der Folgezeit wird der Boden sauber gehalten und gejätet, bis die Pflanzen eine gewisse Stärke erreicht haben; sind die Knollen reif, so werden sie mittels des Grabstocks ausgegraben und von den Frauen heimgebracht. Da aber z. B. der Taro außer an sumpfigen Stellen nur auf dem frischen Waldboden wächst, so kann die Pflanze nur einmal an derselben Stelle gesetzt werden, so daß dauernd Neuanlagen erforderlich sind. Erschwert dies die Arbeit, so ist andererseits ein Schutz gegen Schädlinge, vor allem Tiere, kaum nötig. In Afrika ist das Verfahren bei den Knollenpflanzen ähnlich, auch hier ist der Grabstock ein wichtiges Gerät. Die Getreidearten werden auf Beeten und Feldern angebaut, die man mitunter erhöht anzulegen versteht. Sie werden von den Frauen mit der Hacke vorbereitet, die die Erde oberflächlich verwundet; im Sudan kennt man auch einen kurzen Spaten, der wohl aus dem Grabstock entstand. Während des Keimens, Wachsens und Reifens bedürfen die Beete der Überwachung, Frauen und Kinder jäten und scheuchen das Wild. Bei der Ernte des Korns werden die Ähren mit der Sichel kurz abgeschnitten und heimgebracht. Die Halme bleiben auf dem Felde und werden dort ebenso verbrannt wie das bei der Rodung gewonnene Gestrüpp, um als Asche den Boden zu düngen. Gegenüber der überall bekannten Aschedüngung ist die Mistdüngung nur vereinzelt im Gebrauch. Aus diesem Grunde und auch wegen der oberflächlichen Bearbeitung des Bodens ist die Krume bald erschöpft und eine Neuanlage notwendig, die entweder auf jungfräulichem Lande oder auf der mittlerweile wieder überwachsenen Stelle alter Beete erfolgt. Der augenblickliche Umfang der Felder und Pflanzungen eines Dorfes gibt daher auch unter der Annahme einer gleichbleibenden Bevölkerung keinen Maßstab für den tatsächlichen Landbedarf, der vielmehr die künftige Anlage und die zuletzt aufgegebene mit umfaßt. Während die Pflanzungen und Felder der Regel nach an der Siedlung oder doch in der Nähe liegen, hängt in Gebirgen ihre Lage von der Bodenbeschaffenheit ab, und die Siedlungen folgen ihnen, soweit dies möglich ist. Im Gebirge erfordert die Anlage ferner Vorkehrungen, die ein Fortschwemmen des Bodens hindern, so daß man hier Terrassenfelder anlegt; außerdem muß für ausreichende Bewässerung gesorgt werden, was durch sehr sinnreiche und sorgfältig unterhaltene Gräben geschieht. Eßbare Knollen können bei entsprechender Anlage der Pflanzung während längerer Zeit geerntet und auf Vorrat in Erde eingeschlagen werden. Auch die Reife der Baumfrüchte erstreckt sich über mehrere Wochen und Monate. Das Korn dagegen reift in kürzerer Zeit und muß rasch geerntet werden, um Verluste durch Ausfallen der Körner zu vermeiden; es kann ferner unverändert nur trocken aufbewahrt werden. Man verwahrt es daher in Speichern, die entweder bedachte Gerüste oder Häuschen (Deutsch -Ostafrika) sind oder riesige Körbe (Ovambo) darstellen, während man anderwärts (Sudan) Tonurnen größten Maßstabes verwendet; alle diese Speicher stehen zum Schutz gegen die Bodenfeuchtigkeit erhöht, meist auf Pfählen, die einen Stabrost tragen. In Südafrika verwahrt man Vorräte in Erdgruben, die mit Steinen bedeckt und mit Rindermist verschmiert werden. Um ein Keimen zu verhindern, wird das Korn vielfach vor der Aufbewahrung über Feuer geröstet. Nach dem Ausschlagen der Körner wird das Enthülsen in dem weit verbreiteten Mörser vorgenommen, der aus einem Stammabschnitt gehöhlt ist, und zu dem ein hölzerner Stampfer gehört. Zur Zerkleinerung des täglichen Bedarfes wird das Korn im Mörser zerstampft oder auf einer Steinplatte mittels eines runden oder walzenförmigen Steins zerrieben. Knollen werden zerschnitten und zwischen Steinen zerstampft.

4. Nahrungsbereitung. Die Zubereitung der Speisen ist meist einfach. Soweit Fleisch, Fische, Kleintiere nicht roh verzehrt werden, hält man sie an einem Stock über die Glut, um sie anzurösten, oder legt zumal Fische auf einen Rost aus Stäben, unter dem dem sich das Feuer befindet. Das Stärkemehl aus Knollen und Korn wird mit Wasser zu einem steifen Brei angerührt und so genossen oder vorher gekocht. Das Kochen in einem Topf, der durch Füße oder untergelegte Steine über dem Feuer gehalten wird, oder dessen Inhalt man durch hineingeworfene glühende Steine erhitzt, ist heute allgemein bekannt. Verhältnismäßig alt scheint der in Ozeanien verbreitete polynesische Ofen zu sein, in dem die Nahrungsmittel gedämpft werden. Auf einer reinen Steinschüttung wird Feuer gemacht, um die Steine zu erhitzen; ist dies erreicht, so entfernt man Feuer und Asche, legt die Knollen auf die Steine und bedeckt das Ganze mit einer dicken Schicht grüner Blätter. Fische, Geflügel, Hunde, Schweine werden ausgenommen, unzerlegt mit erhitzten Steinen gefüllt und dann ebenso wie die Knollen gedämpft. Die Zubereitung ist schmackhaft, und zumal die Polynesier verstehen die Herstellung von Gerichten aus verschiedenen Bestandteilen.

5. Vierstufentheorie und Pflugbau. Anscheinend wissen nur die seßhaften Bauern lange haltbare Konserven (im wesentlichen durch Dörren) herzustellen. In Afrika werden Fische getrocknet, ebenso in Ozeailien, wo man auch aus Bananen oder Pandanus eine sehr brauchbare Dauerspeise gewinnt, ferner die Brotfrucht in Erdgruben aufbewahrt. - Unter den allgemein verbreiteten landwirtschaftlichen Geräten fehlt der Pflug, der von Norden und Osten her im wesentlichen wohl im Gefolge des Islam langsam in Afrika vor drang und den Südrand der Sahara, Abessinien und das Osthorn erreicht hatte, als die allgemeine Kolonisationsbewegung einsetzte, die den Pflug zunächst nach Südafrika brachte. Trotz des Übergewichtes des Pfluges über die Hacke ist der Ozeanier ebenso wie der Afrikaner beim Hackbau geblieben. Bei ersterem eignet sich der Anbau von Taro und Yams überhaupt nicht für die Verwendung des Pfluges, aber auch in Afrika, wo Getreide auf Feldern gezogen wird, macht der Pflug nur ganz ausnahmsweise raschere Fortschritte (Basutoland), mag ihn der Eingeborene Arbeiter auch im Dienste des Europäers führen. Wo eine leichte und allgemeine Annahme des Pfluges etwa erwartet wurde, geschah dies vielleicht im Vertrauen auf seine zweifellose Überlegenheit, vielleicht auch unter dem Einflusse einer jetzt aufgegebenen Theorie, die die systematisch unterschiedenen Jäger-, Hirten-, Bauern - W. als aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen ansah. Wenn auch Beispiele dafür vorhanden sind, daß Jäger bereitwillig die ihnen von Europäern gebrachten Haustiere annahmen und zu Viehzüchtern wurden, Hirten Hackbau trieben und den Pflug annahmen, so läßt sich doch der Pflugbau nicht mit dem Hackbau entwicklungsgeschichtlich verknüpfen, mag auch technisch der Pflug auf Grabstock oder Hacke zurückgeführt werden. Zunächst mochte der Jäger wohl einmal gefangene Tiere halten, doch konnte er sie nicht auf seinen Jagdzügen mitführen, und noch weniger konnte er eine Herde aus ihnen bilden, die ihm Nutzen versprach, da gefangene Tiere sich der Regel nach nicht fortpflanzen und Milch nur liefern, soweit und solange sie für das Junge nötig ist. Auf der anderen Seite hat Ed. Hahn darauf hingewiesen, daß das Rind als Zugtier gezähmt und dann zum Milchtiere für den Menschen gezüchtet wurde; beides steht im Zusammenhangr, mit religiösen Vorstellungen und geschah durch ein Bauernvolk in Westasien. Die Tierzucht ist also nicht von Jägern erfunden worden, sondern von Pflanzenzüchtern, und konnte von diesen zu Jägern gelangen, aber auch in günstigen Gebieten den Pflanzenbau weit überwiegen und verdrängen, so daß also Bauern sich einseitig zu Hirten entwickelten. Eine geradlinige Entwicklung ist dagegen sehr wohl denkbar von der einfachen Pflanzenlese zum Anbau der Nutzpflanzen, den etwa die aus Bequemlichkeit eingeschlagenen Knollen oder verstreute Grassamen einleiteten, wenn man ihre Keimung und ihr Wachstum beobachtete. Nach den Geräten würde eine Zeit des Stockbaus und eine des Hackbaus anzunehmen sein. Der Hackbau, der sich an die Hackfrüchte knüpfte, führt nun aber durch intensivere W. zum Gartenbau, nicht zum Pflugbau. Die Einführung des letzteren erfordert vielmehr technisch die Verbindung des Pflanzenbaus mit der Viehzucht, um die Zugtiere für den Pflug zu erhalten. Wichtiger ist aber die gesellschaftliche Umwälzung. die er verlangt. Alles, was mit dem Vieh zusammenhängt, ist ursprünglich Männerarbeit, Pflanzenlese und Hackbau Frauenarbeit. Die Verwendung des Pfluges bedeutet also mindestens die Beteiligung des Mannes an Frauenarbeit, die gemeinsame Feldbestellung. Erst nach Überwindung dieser in der hergebrachten Arbeitstrennung liegenden Schwierigkeiten kann sich daher der Pflugbau unter günstigen äußeren Verhältnissen ebensowohl bei den Hirten wie bei den Hackbauern einführen, und vielleicht gelegentlich bei den ersteren leichter als bei den letzteren, die den Übergang zum Gartenbau näher finden werden.

Literatur: Ed. Hahn, Das Alter der wirtschaftlichen Kultur der Menschheit, Heidelbg. 1905. - Derselbe, Die Entstehung der Pflugkultur, Heidelbg. 1909. - H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Lpz. 1900.

Thilenius.