Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 721

Witboi, Hendrik, Name des letzten und zugleich des berühmtesten Führers des nach der Häuptlingsfamilie als W.hottentotten bezeichneten Stammes der Kowesin in Deutsch - Südwestafrika. Schon sein Vater, Moses W., lag im Kriege mit den Herero (s.d.), und als sein Sohn Hendrik nach seinem 1888 erfolgten Tode die Häuptlingswürde übernahm, setzte er den Kampf mit Erfolg fort. Er hatte Gibeon, den ursprünglichen Sitz der W.s, mit dem am Gansberg gelegenen Hoornkrans vertauscht, von wo aus er seine Züge gegen die Herero leichter auszuführen vermochte. Erst 1892, als er bereits ein Einschreiten der deutschen Truppe befürchten mußte, ließ er sich auf Verhandlungen mit dem Gegner ein, die schließlich zu einem Waffenstillstand zwischen dem schwarzen und dem gelben Volke führten. Da er aber immer noch zögerte, die deutsche Herrschaft bedingungslos anzuerkennen, griff ihn Major v. Francois (s.d.) am 12. April 1893 in seinem Raubnest Hoornkrans an. Indessen gelang es Hendrik, mit dem größten Teil seiner Leute zu entkommen, und nun begann der erste große Krieg der Truppe mit den Hottentotten, der unter großen Schwierigkeiten geführt werden mußte. Erst nach langen Mühen und unendlichen Strapazen und nach mehrfachen Verstärkungen gelang es dem Nachfolger K. v. Francois', dem Obersten Leutwein (s.d.), den Gegner in das unwegsame Gebiet der Naukluft (s.d.) abzudrängen, wo nach verschiedenen schweren Gefechten der zähe und gefährliche Feind am 9. Sept. 1894 sich zur Unterwerfung bereit finden ließ. Erwurde mit seinem Stamme nach Gibeon überführt, durfte aber mit ihnen die Waffen behalten und erhielt ein Jahresgehalt von der Regierung. Von nun an hielt Hendrik dem Reiche zunächst lange Zeit die versprochene Treue. Ja, seiner entschiedenen Stellungnahme und seiner tätigen Unterstützung war es in zwei verzweifelten Fällen zu danken, daß es nicht plötzlich zu einem allgemeinen Aufstande aller Eingeborenen kam. Das war sowohl 1896, während der Erhebung der Kauashottentotten (s.d.), und der Ovambandjeru (s.d.), der Fall, wie auch im Beginn der großen Hereroerhebung im Januar 1904 (s. Hereroaufstand). Fraglos hätten im entgegengesetzten Falle sich alle Namastämme gleichzeitig erhoben, und der Verlauf der Kämpfe wäre ohne Zweifel dann ein anderer gewesen, als es geschah. Dann aber, Anfang Oktober 1904, kam es dennoch zu demAbfall Hendriks von den Deutschen, dessen innere Gründe wohl niemals mehr recht erklärt werden dürften. In dem nun folgenden zweiten Abschnitt des großen Eingeborenenkrieges ist er dann in einem Gefecht am 29. Okt. 1905 bei Fahlgras gefallen. - Der Charakter dieses berühmtesten unter allen Eingeborenen von Südwestafrika, der selbst seinem Landsmann Jonker Afrikaaner (s.d.) an Bedeutung beinahe gleichkam, ist schwer zu enträtseln. Ein Gemisch von europäischer und hottentottischer Denkweise, ein Zug von an feudale Zeiten erinnernder Romantik, gepaart mit einem lebhaft entwickelten praktischen Sinn, dazu eine unverkennbare Herrschaft über Willen und Gemüt seiner Leute zeichnete diesen Mann aus, der dazu noch in rein militärischer Hinsicht die meisten Hottentottenführer übertraf. Sicher ist in seinem Innern der Haß gegen die alten Bedränger seines Volkes, die Herero, stets stärker gewesen als der gegen die Weißen. Und wenn man auch zugeben muß, daß er fallen mußte, wenn anders das Schutzgebiet auf die Dauer als befriedet gelten sollte, so wohnt dem Lebensgange dieses letzten "Königs von Namaland", wie er sich selbst gerne nannte, infolge seiner die Hererohäuptlinge an Geist und Fähigkeiten weit überragenden Persönlichkeit eine viel ergreifendere Tragik inne als dem Ende der Selbständigkeit des Hererovolkes. Er war der letzte Vertreter derjenigen Hottentotten, die noch einige der auch nach europäischen Begriffen anerkennenswerten Eigenschaften in eine Zeit der allgemeinen Auflösung der Rasse mit hinübergerettet hatten. S.a. Hottentotten.

Literatur: K. Dove, Südwestafrika, Kriegs- und Friedensbilder aus der ersten deutschen Kolonie. Berl. 1896. - H. v. Francois, Nama und Damara. Magdebg. -K. Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch-Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1904. - Ders., Im deutschen Diamantenlande. Berl. 1909. - Th. Leutwein, Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika. Berl. 1908.

Dove.