Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 740 f.

Zeitrechnung. Die einfachste Zeitbestimmung ergibt sich zunächst aus dem Wechsel von Tag und Nacht. Eine weitere Einteilung ist bei den Bewohnern der Gazellehalbinsel (Deutsch-Neuguinea) die Unterscheidung von Nacht, Morgen, Mittag, Abend, und innerhalb der Tageszeiten gibt der jahraus jahrein wesentlich gleiche Stand der Sonne die Zeit mit ausreichender Genauigkeit an. Ähnlich unterscheiden die Massai die blutrote Periode, wenn die Morgenröte sich zeigt, den Morgen, wenn die Sonne aufgeht, den Mittag, wenn sie über einem steht, den Nachmittag, wenn die Schatten länger werden. Die Siba bezeichnen weitere Abschnitte der Stunden etwa entsprechend, so den Beginn von Helligkeit und Wärme (7 h. a.m.), die Essenszeit (12 h.), die Rindermelkzeit (7 h. p.m.), die Zeit, wenn die Menschen erwachen und ihre Notdurft verrichten (1 h. a.m.) usw. Der Stand der Sonne und Arbeiten und Verrichtungen ergeben also die Einteilung des Tages, soweit dazu ein Bedürfnis besteht. Eine Zusammenfassung der Tage zur "Woche" kennen die Ewe u.a., und zwar auf Grund der Märkte, die alle 4 oder 5 Tage stattfinden. Eine weitere Zeiteinteilung ermöglicht der Stand des Mondes; in Ostmelanesien begrüßt man besonders freudig den jungen Mond, in Ostafrika teilt man den Mond nach den Phasen. Dagegen besteht nicht überall die Kenntnis der Zahl der Tage, die einen Monat ausmachen. Größere Zeiträume bestimmt man in Neuguinea nach dem Wechsel von Monsun- und Passatzeit, in Afrika nach Regen und Trockenzeit. Das ergibt zwei oder mehr Jahreszeiten, von denen der Massai vier kennt, nämlich die der Regenschauer (Juni- August), des Hungers (September-November), des geringen Regens (Dezember-Februar), der Fülle und des reichen Regens (März-Mai). Verschiebt sich der Beginn des Regens oder bei den Siba der Beginn des Heuschreckenfalls (September), so hat man falsch gerechnet und sich geirrt. Das Jahr wird weder nach der Sonne noch nach der Zahl der Monate bestimmt, sondern der Regel nach wiederum auf Grund wirtschaftlicher Merkmale. Die Zeit der Reife der Kanariennüsse bezeichnet in den Salomoninseln einen Jahresabschnitt, weit verbreitet ist die Bestimmung nach der Reife des Yams, am Kap König Wilhelm bezeichnet das Erscheinen eines Seewurms, der in großen Mengen einmal im Jahre (Oktober) auftritt, den Beginn. In Neumecklenburg rechnet man nach Festen, soweit nicht der Mondumlauf ausreicht. Bei jedem Fest wird nämlich ein Schwein geschlachtet, und sein Unterkiefer oder Schädel wird im Junggesellenhause aufgehängt; man erinnert sich dann, daß ein Ereignis stattfand, als das oder jenes Schwein geschlachtet wurde. Die Herero rechnen nach den Jahren ungefähr entsprechenden Perioden, indem sie jedem Jahr einen Namen geben, der ein in das Jahr fallendes Ereignis kennzeichnet, z.B. 1877 Jahr der Raupen, 1882 Jahr des großen Kometen, 1889 Jahr des Kamels (das v. Francois mitbrachte). Nach Yams gibt man das Alter eines Menschen an (Afrika, Melanesien) oder danach, daß bei seiner Geburt die und die Palme noch nicht da war usw. Irgendwie zuverlässige Daten sind hierbei nicht zu erlangen. Handelt es sich umgekehrt darum, den Ablauf einer Frist zu ermitteln, etwa die Dienstzeit oder den Tag eines Festes, der Rückkehr von einer Reise, so bedient man sich des Kerbholzes, das etwa nach jedem Mondumlauf eine neue Kerbe erhält, oder der Knotenschnur, in die eine entsprechende Zahl von Knoten geknüpft ist, die Tage oder Nächte bedeuten; täglich wird dann ein Knoten gelöst, und der letzte gibt den betreffenden Tag an.

Thilenius.