Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 741 f.

Zentralafrikanischer Graben ist die 1400 km lange Senke, die den Westen von Ostafrika (s.d.) einnimmt. Ihre Richtung weicht von der meridionalen im Norden bis zu nordöstlicher, im Süden zu südöstlicher ab. Der obere Westrand des Grabens (s. Schollenland) bildet die Grenze dieses Teiles von Afrika gegen das Kongobecken. Vier große Seen bedecken 4/5 der Grabensohle. Der an seinem. Nordende vom Victoria-Nil durchflossene Albertsee (oder Albert-Njansa), 619 m ü. A. M., ist etwa 5500 qkm groß. Hier ist der Z.G. 45 km breit.. Dem Albertsee bringt der Semlikifluß, der auf der Grabensohle fließt, die Gewässer des Albert- Edwardsees zu, der 918 m ü. d. M. gelegen samt seinem NO-Zipfel, den Dwerusee, etwa 3500 qkm groß ist. Nordöstlich vom Albert- Edwardsee zwischen Dweru und Semliki erhebt sich die altkristalline Scholle des Ruwenzori zu 5125 m. Hier ändert der Graben plötzlich seine Richtung um etwa 30°. Der Dweru liegt in einem kleineren Parallelgraben zu dem des Semliki nebst Albertsees; ersterer zweigt sieh im Albert- Edwardsee vom Hauptgraben ab. Die Hauptquelle des Albert- Edwardsees ist der am Nordhang der Virunga (s.d.) entspringende Rutschuru. Dieser zum Nil entwässerte Teil des Z.G. greift mit seinem Einzugsgebiet, das insgesamt 56000 qkm groß ist, nirgends weit über die Grabenränder hinaus. Die Westwand dieses Teiles des Z.G. besteht im S aus Gneis, am Albertsee ans Granit, auch nach O zu liegt Urgestein, doch treten nicht weit vom Graben in Unjoro auch Quarzite und Eisenschiefer auf. Jungvulkanische Gesteine kommen vor, spielen hier eine ganz untergeordnete Rolle. Dagegen ist der wasserscheidende Querriegel der Virunga (s.d.) ganz und gar jungvulkanisch. Die Sohle des Z.G. ist n. der Vulkane fast 100 km breit. Am Vulkanriegel nimmt die Ostwand die Richtung NO-SW an, der Graben wird immer schmäler; am Kiwu ist die Sohlenbreite nur mehr 40 km. (Die zum Kongo entwässerte größere Südhälfte des Z.G. mit den Seen Kiwu und Tanganjika, sowie dem verbindenden Fluß Russis ist in den gleichnamigen Artikeln behandelt.) - Wo man sich auch von O oder W her dem Z.G. nähert, immer steigt das Gelände an, oft zu sehr beträchtlichen Höhen. Erst ganz in der Nähe der Senke fällt es steil zu ihr ab. Es sind dieselben Aufwulstungen wie an den Rändern des Großen Ostafrikanischen Grabens und dem der Ostafrikanischen Bruchstufe (s.d.). Man hat sie beim Z.G. dadurch erklärt, daß durch seitlichen Druck dieser Teil der uralten, meist aus kristallinen Schiefern bestehenden Fastebene oder Rumpffläche sich aufwölbte, bis schließ- lich in der Mitte dieser Antiklinale die Schollen einbrachen, die heute die Grabensohle bilden. Bei der Steilheit weiter Strecken der Grabenränder, beim. geringen Umfang des über sie hin entwässerten Gebiets, liegt die Annahme nahe, daß diese Bewegungen in der Hauptsache in das späte Tertiär fallen. Andere Erklärungsversuche besagen , daß ostwestliche Zerrungen einsetzten (wie beim Ostafrikanischen Graben, s.d., in ursächlichem Zusammenhang mit dem Einbruch des Indischen Ozeans), die zu parallelen Zerreißungen und dem Versinken der dazwischenliegenden Scholle führten. Die Aufwärtsbewegung der Erdkruste westlich und östlich vom Graben entspricht der mit dem Abgleiten der zentralen Scholle augenblicklich einsetzenden Entlastung, die diese neue Gleichgewichtslage zur Folge hat. Die hierauf einsetzenden langsamen Vorgänge der Abtragung an den Rändern, der Anhäufung auf der Sohle wirken auf eine Fortdauer der Senkung in der Mitte, des Aufsteigens der Ränder. Die Gesamtheit der Ränder, die im W gegen 3500, im O 2900 m Meereshöhe erreichen, wird manchmal Zentralafrikanisches Schiefergebirge genannt. Wo heute der Z.G. liegt, ragte noch im frühen Paläozoikum ein hohes Gebirge empor, dessen Faltungen uns in den meist SSO-NNW meridional streichenden und sehr steil einfallenden Gneisen, primären Schiefern und Quarziten erhalten sind. Östlich und wohl auch westlich von dem Gebirge bildeten sich, wie stets in der Nachbarschaft von Faltungsgebirgen, tiefe Senken, von gewaltigen Süßwasserbecken erfüllt, in denen das vom Gebirge abgetragene Material sich ablagerte (s. Zwischenseengebiet). Im Lauf sehr langer Zeiträume wurde das Gebiet dann nahezu eingeebnet; wo einst Gebirge und Ebene lag, dehnte sich gleichmäßig die große Rumpffläche (s.o.) aus.

Literatur: s. Kiwusee und Tanganjika; ferner: F. Stuhlmann, Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika, Berl. 1894. - H. G. Lyons, The physiography of the river Nile and its basin, Cairo 1906. - Derselbe, The longitudinal section of the Nile, Geogr. Journal -IV., Lond. 1909. - Luigi Amadeo, Duca. degli Abruzzi, Il Ruwenzori, porte scientifiea, vol. II, Milano 1909.


Uhlig.